Die Sache mit dem Wahlspektakel

Wahlen! Alle vier Jahre schreitet das Volk an die Urnen, um die National- und Ständeräte – seit 1971 auch -rätinnen – zu wählen. Dabei werden jeweils die Bravsten und Wägsten erkoren, in deren Hände man vertrauensvoll das Wohl des Gemeinwesens legt. Darum ist das Wählen das wichtigste Recht und die nobelste Pflicht der Staatsbürger und Staatsbürgerinnen…

Wie altväterisch ein solcher Kolumnenanfang klingen würde! Schon nur das Wort «Staatsbürger» – tönt es nicht wie «Schreibmaschine»? Zwar hat man noch nicht vergessen, was «Schreibmaschine» bedeutet, und getippt wird ja mehr denn je, aber das Wort hat Patina angesetzt. Zwar ist es noch verständlich, aber definitiv démodé.

Und erst das Demokratie-Pathos: Wahlen sind ja heute wenn nicht rundweg Fasnacht im Herbst so doch sicher ein Happening für narzisstische Möchtegerns: Alle sagen in alle erreichbaren Mikrofone Dinge, von denen sie nur inständig hoffen können, dass niemand sie später beim Wort nimmt.

Aber weil Wahlen eine Stange Geld kosten, müssen sie doch eine ernste Sache sein. Die Kandidaten und Kandidatinnen investieren ja Geld, häufig sogar eigenes, um sich ins beste Licht zu stellen und der Kundschaft die unvergleichliche Durchschlagskraft und Originalität der eigenen Persönlichkeit anzupreisen.

Bürger und Bürgerinnen? Das war einmal. Staatsbürgerschaft trug seinerzeit dunklen Sonntagsstaat und lauschte mit ergebener Miene den Wahlresultaten auf Radio Beromünster. Der heutige Kandidatenklamauk ist auf andere Kundschaft aus: auf Konsumjunkies, die – ihre Kreditkarte voran – sieben Tage in der Woche auf ihr Recht pochen, möglichst viel zu kriegen fürs fremde Geld. Wer sich heutzutage Wahlen überhaupt noch antut, will Politis mit Geld-zurück-Garantie.

Wenn die Bürger und Bürgerinnen in den letzten Jahrzehnten durch Konsumenten und Konsumentinnen ersetzt worden sind, ist das aber die Folge eines gesellschaftlichen Fortschritts: Nur letztere bringen das Land ja voran. Denn wird nicht konsumiert, kommt die wirtschaftliche Produktion ins Stottern, die Arbeitslosenquote steigt, und schon ist die Krise da. Darum ist der Konsum (und nicht das staatsbürgerliche Gelaber) eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Müsste politisch nicht endlich gefordert werden, dass die Maxime «So gratis wie möglich bei voller Garantie» als Menschenrecht in der Bundesverfassung festgeschrieben wird? Danach wäre nur noch ein kleines Folgeproblem zu lösen, nämlich: Der Preisdruck der Konsum-Junkies macht Kostendruck auf die Produzenten, der diesen als Lohndruck auf ihre Angestellten weitergeben. Weil aber die meisten, die konsumieren, gleichzeitig Angestellte sind, bedeutet das: Damit man sich in der neunten Stunde des Tages einbilden darf, als Kunde König zu sein, muss man am Arbeitsplatz zuvor acht Stunden lang umso mehr den Knecht machen.

Bis dieses Folgeproblem politisch gelöst ist, reden wir lieber von den Wahlen: Wie waren doch die «Staatsbürger» seinerzeit verwirrte Köpfe! Ob sie liberal oder katholisch-konservativ oder grütlianisch wählten, immer meinten sie, sie handelten im Dienst des Volkes für das Gemeinwohl. Welch ein Schwindel! Vernünftig ist nur, wer sich jene Produkte zulegt, die perfekt den eignen Interessen dienen. 

Natürlich gibt es dieses antiquierte Gejammer, im Bereich der Politik sei Konsum bloss eine Schwundform von Staatsbürgerschaft, denn die Summe der Einzelinteressen ergebe noch kein Gemeinwohl. Aber darum braucht ja eben jeder moderne Mensch ein Auto: Nur wer kein Auto hat, braucht Trottoirs. (Ein anderes Wort, das wie «Schreibmaschine» tönt, heisst «Sozialstaat».)