Worüber nur SchweizerInnen sprechen

Gespräch: Stefan Keller, Fredi Lerch

Warum wird der Begriff «Schweizer Literatur» gerade heute zum Thema?

Corina Caduff: Am Ausgangspunkt steht ein Widerspruch, der das Konzept der Nationalliteratur betrifft: Einerseits erklärt man dieses Konzept für tot, indem man sagt, es stamme aus dem 19. Jahrhundert, und seine damalige Funktion, ein Nationalbewusstsein auszubilden, sei veraltet. Andererseits leben wir in einer Zeit des scheinbaren Neonationalismus: Die Forschung über Nationen, Nationalismus und Nationalstaaten hat seit der postkommunistischen Reorganisation Europas und den Globalisierungsprozessen wieder Hochkonjunktur. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach Nationalliteraturen und insbesondere nach einer Schweizer Literatur noch einmal neu. Das Problem dabei ist: Wie können wir heute über Schweizer Literatur sprechen, ohne uns davor zu fürchten, als Provinzialisten abgestempelt zu werden? Die Angst vor dem Provinzialismus hat damit zu tun, dass der Diskurs «Schweizer Literatur» traditionell ein Binnendiskurs ist – das heisst: Über Schweizer Literatur sprechen nur Schweizer. Mit einer Internationalisierung des Diskurses aber, so unsere These, können wir dem Provinzialismus auf produktive Weise entkommen.

Reto Sorg: Das Problem, das wir mit der Schweizer Literatur haben, ist kein isoliertes. In ihrem berühmten Buch über die ‹Kleinen Literaturen› sagen Gilles Deleuze und Felix Guattari, es seien die kleinen Staaten, die kleinen Literaturen, die unter einem diskursiven Zwang stehen, andauernd politisch sein zu müssen. Grosse Literaturen seien dem weniger ausgesetzt. Dieser Zwang ist einerseits unfruchtbar, weil er die Diskussion immer wieder auf das Eigene zurückwendet, andererseits aber ausgesprochen interessant, weil Konflikte aufbrechen, Verschiebungen stattfinden, Brüche das Thema sind. Mit unserem  Symposion über nationale Literaturen haben wir versucht, diesen Diskurs neu zu positionieren [siehe Kasten]. Wir wollen aus der verkrampften und wehleidigen Situation hinaus, die den Diskurs über die Schweizer Literatur prägt. Wir sagen: Der ist doch unglaublich spannend.

Es gab Zeiten, in denen es ausgesprochen fruchtbar war – denken wir etwa an Frischs «achtung: die schweiz» von 1955 –, spezifisch schweizerische gesellschaftliche Entwürfe zu formulieren, die sich speziell auf die Schweiz bezogen. Was hat sich verändert?

Sorg: Sehr viel! Die jüngere Generation foutiert sich um das Thema. Es gibt da eine Art von Souveränität im Umgang mit diesen Fragestellungen, die einem Peter Bichsel oder Paul Nizon imponiert. Bichsel zum Beispiel, der an den Verpflichtungen durch die Schweizer Literatur auch leidet, realisiert heute: Da gibt es interessante junge Gesprächspartner und -partnerinnen, die einen ganz anderen Zugang zum Thema haben.

Caduff: Ein Resultat des  Symposions ist Folgendes: In den Vorträgen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller hat sich wiederholt eine bestimmte Spannung aufgetan. Ich denke an Robert Schindel, Herta Müller oder Klaus Theweleit, die sich einerseits intensiv mit ihrer sprachlichen Herkunft beschäftigt haben, dabei aber andererseits alles Nationale, das dabei auch aufkommt, explizit ablehnen. Das Konzept der Nationalliteratur hat sich weder in der Literatur noch in der Literaturwissenschaft wirklich erledigt, aber man mag es nicht mehr annehmen, und so ist es auf einer untergründigen Ebene wirksam.

Ist diese untergründige Ebene der Literatur wirklich eine nationale? Geht es nicht viel mehr um die Auseinandersetzung mit Sprach- und Dialektgrenzen?

Caduff: Bei der Auseinandersetzung mit der dialektalen Herkunft beziehungsweise der Reibung zwischen einem Dialekt und einer Hochsprache kommt das Nationale immer irgendwann ins Spiel. Es taugt natürlich nicht für finale Erklärungen, aber es ist ein Stück weit benutzbar, etwa, um eine Selbstsituierung zu verdeutlichen – zum Beispiel, wenn Bichsel sagt, er sei ein «schriftdeutscher Autor». Aber man muss nationale Deutungsmuster auch wieder loslassen können.

Bleiben wir einen Moment bei Bichsel und seinem Referat am  Symposion (vgl. NZZ 16./17.8.2003). Wenn man in seinen Texten von der Schweiz abstrahieren würde, erschienen diese vollständig enthistorisiert, entmaterialisiert. Trotzdem wehrt sich Bichsel gegen das Korsett der Schweizer Literatur.

Caduff: Aber wie wehrt er sich? Indem er sagt, er sei kein Schweizer Autor, sondern ein «schriftdeutscher Autor». Das ist ein Satz, der nur von einem Schweizer gesagt werden kann, der Satz explodiert ja quasi vor lauter Helvetismus, strebt aber zugleich danach, sich von diesem abzusetzen. Das ist ein klassisches Beispiel für die gängige Ambivalenz zwischen Integration und Abgrenzung. Aus dieser Ambivalenz kann man, das zeigt Bichsel sehr genau, nicht austreten, man kann sie nicht auflösen. Bichsel hat solche Ambivalenzen stets produktiv gemacht, er hat sie und sich selbst mit ihnen auch entsprechend stilisiert und ist darüber zu einem repräsentativen Vertreter des Schweizer Literaturdiskurses geworden, gegen den er sich zugleich wehrt. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass dieser Diskurs über Jahrzehnte hinweg immer wieder dieselben, an einer Hand abzuzählenden Namen transportiert und dabei bis heute die vielen Namen von Autorinnen und Autoren verdeckt, die sich diesem Diskurs nicht unmittelbar angeschlossen haben.

Sorg: Das wird auch sehr direkt gespiegelt in der Medienrezeption. Beispielsweise Christoph Geisers oder Guido Bachmanns Bücher, die genau an der Grenze zwischen Schweizerischem und Europäischem angesiedelt sind, gerade unter diesem Gesichtspunkt in den Medien überhaupt nicht rezipiert. Die machen zu wenig eindeutige Schweizer Literatur – deshalb fallen ihre Bücher durch die Maschen.

Diese Schweizer Literatur ist ja lange für aufklärerischen, linken oder – nach Peter von Matt – kritischen Patriotismus gestanden…

Caduff: …der ist passé. Die Forderung nach diesem Patriotismus kommt längst nur noch aus der Ecke der Literaturkritik, also aus der Sekundärecke. Ich denke, dass Literarisierungsprozesse, wie wir sie heute gerade bei der jungen Generation haben, nicht mehr dem entsprechen, was man gemeinhin unter Politisierung versteht. Trotzdem ist diese Literatur nicht unpolitisch.

Sorg: Genau. Es gibt einerseits das Phänomen, dass sich so etwas wie linker Patriotismus in der Literatur aufgelöst hat, dass nationale Kategorien aufgelöst oder aufgehoben worden sind und werden. Auf der anderen Seite ist es auch bei jungen Autoren und Autorinnen verblüffend, wie viele Texte auf eine handfeste und absolut evidente Art und Weise Schweizerisches thematisieren. Literatur wird nicht unpolitisch, wenn die nationale Kategorie verschwindet. Vielmehr gibt es eine Hinwendung zu einer «realistischeren Realität», einer Realität näher am Umfeld der Schreibenden. Das eigene Herkommen, das eigene Umfeld wird zu einer zentralen Referenz. In diesen Texten gibt es einen Sättigungsgrad auch gerade an politischer Realität, den man in früheren nicht unbedingt findet.

Caduff: Die Frage ist ja auch: Was meinen wir eigentlich, wenn wir fragen, was das Politische in der Literatur sei? Diese Frage gilt doch meist der Oberfläche des Textes, dem Thema: Wo kommt im Text die Schweiz vor? Das Politische in der Literatur vollzieht sich aber nicht nur thematisch, sondern vor allem in Schreibweisen, die in ihrem Subversionscharakter progressiv sein können, zum Beispiel bei Christoph Geiser, Jürg Läderach, Friederike Kretzen oder Peter Weber. Dabei braucht nicht ständig von der Schweiz die Rede zu sein.

Sorg: Hier kommen wir zur alten Frage: Was ist Littérature engagée? Es ist heute sicher nicht diejenige, die grossspurig von sich sagt: Ich bin politisch.

Aber es gibt in der Schweiz auch eine Tradition, dass ein Schriftsteller, wenn er engagiert ist, heraustritt aus dem Schriftstellerleben, Reden hält oder – wie Adolf Muschg 1975 – für den Ständerat kandidiert.

Caduff: Stimmt, es gibt von Max Frisch über Muschg bis Thomas Hürlimann eine Tradition – eine Tradition der rein männlichen Erbfolge –, Kolumnen, Kritiken, Reden zur Schweiz zu schreiben und dann in Büchern versammelt zu publizieren…

Sorg: …diese Bücher sind ein klassisches Ergebnis des diskursiven Zwangs, der auf den kleinen Literaturen lastet.

Sind diese Bücher so negativ, dass du von Zwang sprichst?

Sorg: Zwang meint hier Folgendes: Wenn das Thema nicht mit einer gewissen Souveränität behandelt und bearbeitet wird oder wenn es unbewusst bleibt, sehe ich ganz klar eine Restriktion. Es gibt ja psychoanalytische Theorien, die davon ausgehen, dass wir nur an unseren Grenzen fruchtbar werden. Insofern könnte man sagen: Diskursive Zwänge sind auch immer Provokationen, die dann in ihrer Reflexion produktiv werden können.

Caduff: Negativ allerdings ist die Langweiligkeit des Schweizer Literaturdiskurses, der sich über Jahrzehnte hinweg immer in den selben Zirkulationsmaschinen bewegt hat. Dazu kommt das Leiden an ihm: Das unablässige Reden über Schweizer Literatur bezeugt, dass wir es mit einem Leiden zu tun haben. Am Zürcher Symposion hat Michael Böhler für dieses Leiden, ausgehend von der Idylle «Das hölzerne Bein» von Salomon Gessner, den Begriff des Fantomschmerzes geprägt. Im «hölzernen Bein» begegnen wir einem Alpöhi mit einer Beinprothese. Nach Böhler handelt es sich bei dem «Schweizer Literatur»-Problem um ein Amputationsproblem, das Fantom ist ein fehlendes Bein. Mit dem Symposion haben wir versucht, das Leiden in eine Lust überzuführen. Es ist an der Zeit, dass dieser Alpöhi sein Holzbein einmal lustig in der Gegend herumschwingt, damit wir nicht ständig in der Dumpfheit des Diskurses einsacken.

Sorg: Hier schliesst auch die Frage an, die immer wieder an uns herangetragen wird: Gibt es denn überhaupt eine Schweizer Literatur? So kann man diese Frage eben nicht beantworten. Man kann nur sagen: Es gibt eine komplexe Situation. Einerseits gibt es wissenschaftlich gesehen keine objektiven ästhetischen Kriterien, an denen man einen Text messen und am Schluss sagen könnte: Das ist Schweizer Literatur. Andererseits gibt es natürlich Texte, die in diesem Land geschrieben wurden, von Autoren und Autorinnen, die hier leben oder die hierher gekommen sind, um hier zu leben. Es gibt keine endgültige Antwort. Es soll ja nicht aufgehört werden, über dieses Problem des Schweizerischen in der Literatur oder über Schweizer Literatur zu sprechen. Was wir aber wirklich satt haben, sind diese Leidensmienen, die dabei immer sofort aufgesetzt werden und die Angst, in Provinzialismus zu versinken. Uns geht es auch nicht um einen moralischen Appell, sondern darum, dass sich in der Literatur selbst eine neue Tendenz abzeichnet, eine Dynamik, die man unterstützen und stärken kann. Mein Anliegen ist es – da bin ich unter Umständen tatsächlich didaktisch –, dass die verschiedenen Kräfte in diesem diskursiven Feld produktiver miteinander umgehen.

Caduff: Ausgangspunkt für das  Symposion war übrigens die Beobachtung, dass Schweizer Literatur in die deutsche Germanistik praktisch nicht eingebunden ist. Wenn es dort um Theoriebildung und um die Bildung von neuen Paradigmen für die Gegenwartsliteratur geht, dann kommt Literatur von Schweizer Autoren schlicht nicht vor. Das ist aus meiner Sicht verheerend und ganz klar ein Effekt des Binnendiskurses über die Schweizer Literatur.

Sorg: Dass die Schweizer Literatur international schlecht eingebunden ist, führt hier bei den Germanisten und Germanistinnen zu einer Art von Blindheit für den eigenen Gegenstand. Man sieht das Ganze derart stark als Problem, dass man die Welthaltigkeit nicht realisiert, die auch in ihm steckt. Man scheut sich deshalb davor, am Thema auch das Allgemeine darzustellen, was in jeder anderen Nation – ich übertreibe – eine Selbstverständlichkeit ist. Aber die Schweizer und Schweizerinnen können das nicht, und wenn sie es tun, dann wird’s gleich chauvinistisch, oder man verfällt in diese Weltbelehrungsdiskurse: Hier haben wir etwas ganz Kluges, das man in die ganze Welt hinaus exportieren muss.

Caduff: Ein schönes Beispiel für den Binnendiskurs ist auch die Tatsache, dass wir bei den Anfragen an unsere renommierten ausländischen Gäste für das  Symposion zuerst oft die Antwort bekommen haben: «Aber ich verstehe doch nichts von Schweizer Literatur.» Das heisst ja auch, dass hier eine bestimmte Scham nicht spielt. Es muss sich keiner schämen zu sagen: Ich habe keine Ahnung von Schweizer Literatur. Es müssten sich aber alle schämen zu sagen: Ich habe keine Ahnung von Gegenwartsliteratur. Das war für mich ein Anreiz, da mal dranzugehen. Es geht im dialektischen Sinne um den Versuch, Schweizer Literatur im internationalen akademischen Markt aufzuheben. Das kann man aber nicht machen, indem man dort mit dem Label «Schweizer Literatur» operiert.

Ihr versucht also, «Schweizer Literatur» europatauglich zu machen, indem ihr den Begriff verschwinden lasst. Aber was machen die Schweizer LiteratInnen, bis ihr das geschafft habt?

Caduff: Schreiben natürlich. Es geht nicht darum, dass wir sagen, es soll keine Schweizer Literatur mehr geben und sie solle sich in der deutschen auflösen. Das wäre vollkommener Unsinn. Ich denke aber, dass sich die Autoren und Autorinnen für literaturwissenschaftliche Prozesse kaum interessieren. Das hat auch damit zu tun, dass wir hierzulande institutionell einen sehr schlechten Austausch zwischen Universitäten und Schriftstellern haben. Es hängt alles von persönlichem Engagement ab – ganz im Gegensatz zum Beispiel zu Österreich, wo solcher Austausch eine lange und positive Tradition hat.

Die Literatur hat auch die Funktion, von einer Gesellschaft, die sich entwickelt, zum Teil untergeht, zum Teil neu entsteht, sagen wir: Bilder zu sichern, Einblicke aufzubewahren und zu beschreiben. Und ein Bild von Solothurn ist eben etwas anderes als ein Bild von Innsbruck. Drohen solche Differenzen nicht weggewischt zu werden, wenn der Begriff «Schweizer Literatur» zurückgenommen wird?

Caduff: Aus diesem Statement spricht für mich eine Angst, etwas Schweizerisches zu verlieren…

…nein, etwas Gesellschaftliches, egal ob das etwas Schweizerisches ist: eine gesellschaftliche Verortung.

Sorg: Ich glaube nicht, dass Literatur, wenn sie nicht mehr explizit eine Historisierung des konkreten Ortes in Angriff nimmt, nicht doch Rückschlüsse erlaubt auf das Gesellschaftliche. Das Gesellschaftliche ist nicht dem Gegenstand direkt geschuldet. Ich möchte nicht einem Formalismus das Wort reden, aber man kann Literatur als nationales oder gesellschaftliches Gedächtnis lesen, auch wenn die Themen nicht in diese Richtung abgehandelt sind.

Die Schweizer Politik hat ja ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Europa: Einerseits möchte man dazu gehören, andererseits möchte man auf seiner Identität beharren. Spiegelt sich diese Situation in der Schweizer Literatur?

Caduff: Die Literatur selber thematisiert dieses Phänomen nicht im Sinne von pro und kontra Europa. Sagen lässt sich aber, dass sich seit den neunziger Jahren in der Schweizer Literatur die Schauplätze enorm internationalisiert haben. Einerseits schreibt man – ein Effekt der allgemeinen Mobilitätszunahme – über Orte, an die es einen dank Stipendien oder anderen beruflichen Möglichkeiten verschlägt. Diese Wahl der Schauplätze ist also bis zu einem gewissen Grad beliebig. Andererseits gibt es aber gezielte literarische Forschungsprojekte: Ich denke zum Beispiel an den Roman von Christian Haller über seine Familiengeschichte in Rumänien, ich denke an Melitta Breznik, die ihre familialen Recherchen in Österreich und Deutschland macht, ich denke an Christina Viragh, die über Ungarn schreibt… Hier wird tatsächlich Geschichte aufgehoben, die man im weiteren Sinne als europäisch bezeichnen kann.

Sorg: Zudem muss man sehen, dass es in der Schweizer Literatur diesbezüglich eine Tradition gibt – angefangen bei Gottfried Keller, der ja den «Grünen Heinrich» in Berlin geschrieben hat, über Robert Walser, der seine literarische Sozialisation über München in Berlin erlebt hat und danach wieder zurückgekommen ist und darüber auch später viel geschrieben hat – bis hin zu Dürrenmatt und Frisch, die exemplarisch Weltliteratur verfasst haben. Nicht zu vergessen die verbindende Generation, beispielsweise Jürg Federspiel oder Hugo Loetscher, der geradezu ein Reiseschriftsteller ist. Es gibt eine Art von Kontinuität – und ich glaube, es ist die grössere Gemeinsamkeit als die Rede von Aussenseitern, Randständigkeit und Enge, die immer wieder bemüht wird – dass es eine Art von Grand-Tour-Bedürfnis gibt. Vielleicht ist auch das eine Notwendigkeit des kleinen Territoriums.

Caduff: Im Grunde genommen geht es wesentlich um Austauschprozesse. Literatur ist Austausch. Am Anfang steht der Austausch zwischen einem Autor-Ich und der Welt oder zwischen seinem Text und anderen Texten, jeder literarische Text unterhält sich mit Wissen, das in anderen Texten eingelagert ist. Je mehr Grenzüberschreitungen es – auch im nationalen Sinn – dabei gibt, desto mehr nehmen diese Austauschprozesse zu, desto inter-nationaler werden sie. Das kann man als Ausdifferenzierungsprozesse betrachten, aber Ausdifferenzierung und Internationalisierung gehen nicht zwangsläufig Hand in Hand. Genauste Beobachtungen können selbstverständlich auch bei Texten entdeckt werden, die – wie etwa bei Theres Roth-Hunkeler oder Klaus Merz – in der Zentralschweiz spielen.

Spielt denn die Öffnung Europas gegen Osten in der Literatur eine Rolle?

Caduff: Das Interessante ist ja, dass gerade dort das alte Konzept der Nationalliteratur wieder ins Spiel kommt, dass wir zurzeit gerade in Ost- und Südosteuropa – z.B. in Litauen oder auf dem Balkan – eine heftige Aktualisierung dieses Konzepts haben. In diesen Staaten geht es jetzt darum, anhand einer nationalen Literatur wieder nationale Identität zu finden. Sie machen heute einen Prozess durch, der in Deutschland und in der Schweiz im 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Daran zeigt sich, dass das Konzept der Nationalliteratur keineswegs abzuschliessen ist und dass wir es diesbezüglich mit grossen Ungleichzeitigkeiten zu tun haben....

Sorg: … und mit interessanten Verschiebungen. Beispielsweise in Frankreich stellt sich dieses Problem ganz anders als etwa in Polen, wo die Literatur traditionellerweise sowohl mit dem deutschen als auch mit dem französischen Raum in intensivem Austausch steht. Was ich auch interessant finde: dass es in Europa wenige Autorinnen und Autoren gibt, die eine Art europäisches Bewusstsein gepflegt haben. Stefan Zweig war vielleicht noch einer der letzten, die dieses Bewusstsein emphatisch lebten. Heute gibt es das sehr viel weniger. Insofern könnte man sagen, dass im europäischen Einigungsprozess die Literatur sicherlich kein Integrationsmedium ist.

 

[Kasten]

Das Symposion

«Nationale Literaturen heute – ein Fantom? Die Imagination und Tradition des Schweizerischen als Problem.» Unter diesem Titel fand im Frühsommer 2003 im Schauspielhaus Zürich ein von Corina Caduff und Reto Sorg organisiertes Symposion statt, an dem LiteraturwissenschafterInnen und AutorInnen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und der Schweiz teilnahmen (siehe WoZ 24/2003).

«Schweizer Literatur», konstatierten die beiden im «Editorial» des Programmhefts, «ist im internationalen Feuilleton sehr präsent. In der aktuellen deutschsprachigen Literaturtheorie spielt sie hingegen kaum eine Rolle.» Der Diskurs über die Schweizer Literatur wurde seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert als schweizerischer Binnendiskurs geführt – noch heute sprechen fast nur SchweizerInnen über Schweizer Literatur. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, wurde das Symposion betont international und komparatistisch konzipiert.

Seither ist das Buch zum Symposion erschienen: Corina Caduff/Reto Sorg [Hrsg.]: Nationale Literaturen heute – ein Fantom? Die Imagination und Tradition des Schweizerischen als Problem, München (Fink-Verlag) 2004.

Das Gespräch war eine Koproduktion mit dem WOZ-Kollegen Stefan Keller. Er ist mit der Zweitveröffentlichung an dieser Stelle einverstanden, wofür ich ihm danke.