Showdown beim «Beobachter»

Kennst du dieses Gefühl auch? Das Kribbeln im Bauch: Hinschauen! Dranbleiben! Da tut sich was! Am 22. Februar 2002 war es plötzlich da, als ich im neuen «Beobachter» blätterte. Auf Seite 3 diesmal kein Editorial des Chefredaktors, sondern die Stellungnahme des «Beobachter»-Teams zur Übernahme des eigenen Mutterhauses, der Jean Frey AG, durch die Privatbank Swissfirst: «Unbekannte Investoren (…) unhaltbarer Zustand», stand da, und: Man werde im Kampf für die «Beobachter»-Ideale «nach niemandes Pfeife tanzen». Schurnisolidarität gegen Konzerninteressen: Es kribbelte.

Es war eine wilde Verkauferei. Zuerst hiess es, die «Basler Zeitung» verkaufe die schlecht und recht funktionierenden «Bilanz» und TR7, die hochdefizitäre «Weltwoche» und den rentablen «Beobachter» an den Ringier-Konzern. Anfang Februar verkaufte sie, aber an Swissfirst, die den Weiterverkauf an private Investoren ankündigte. Investorennamen gab es vorderhand keine, dafür die vehemente Forderung nach Transparenz der Besitzverhältnisse in den Medien der Branchenhaie: Nur Branchenhaie sollten Zeitungstitel schlucken dürfen.

Die «Entschlossenheit der Beobachter-Redaktion», sagt einer, der dabei war, sei «in diesen Tagen eindrücklich» gewesen. Die RedaktorInnen verlangten reihenweise Zwischenzeugnisse und signalisierten der Swissfirst so, dass sie der Schacher anödete und sie sich nach einer neuen Stelle umzuschauen begannen. Gleichzeitig unterzeichneten rund 50 Mitglieder des «Beobachter»-Teams eine Erklärung, in der sie festhielten, dass sie «die Unabhängigkeit unserer Institution, ihre Glaubwürdigkeit und mithin auch ihre wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft in einer von bisher unbekannten Investoren beherrschten Jean Frey AG gefährdet» sähen: «Wir erachten eine Lösung, wie sie sich mit dem Verlagshaus Ringier abgezeichnet hat und wie sie offenbar nach wie vor möglich wäre, als für den Beobachter eindeutig besseren Weg.»

Im «Editorial» vom 22. März fasst Chefredaktor Ivo Bachmann die Antwort der «neuen Entscheidungsträger und derzeitigen Besitzer der Jean Frey AG» auf diese Erklärung zusammen: «Sie teilen mit, es werde mit keinem Verlagshaus über einen isolierten Verkauf des Beobachters verhandelt. Das Beobachter-Team nimmt das zur Kenntnis.» Schwang in diesem Satz nicht ein Ton mit von verwegener Renitenz? Es kribbelte.

Dann kam der Showdown. Am 28. März wurden Ivo Bachmann und der Leiter Beratungszentrum, Philippe Ruedin, verabschiedet. Die Option Ringier war gescheitert, sie kündigten und wurden sofort freigestellt. 14.00 Uhr: Krisensitzung der Redaktion. Man entscheidet: Drei Ressortchefs übernehmen die Redaktionsleitung, und in einem zweiten Kollektiv-Editorial soll Stellung genommen werden. Konsens. Die Ressortchefs werden delegiert, Filippo Leutenegger, den frischgebackenen Jean-Frey-CEO von Swissfirsts Gnaden zu informieren. 16.00 Uhr: Der CEO hat seinen Auftritt vor der Gesamtredaktion, flankiert von den geknickten Ressortchefs: Chefredaktor sei jetzt er, und das nächste Editorial schreibe der Chefredaktor. Er schreibt deren zwei («Der Beobachter […] steht auf Ihrer Seite»), dann beruft er Balz Hosang («Es ist ein gutes Zeichen, wenn eine Redaktion engagiert über publizistische Freiheit und Unabhängigkeit debattiert und dabei auch den eigenen Verlag vor Kritik nicht verschont».) Das wars.

Dienst nach Vorschrift? Streik? Kollektivkündigung? Nach dem Showdown bleibt es ruhig: Käme es hart auf hart, hätten verschiedene KollegInnen des Teams keine Chance, eine gleichwertige Arbeit zu finden. Auf der Redaktion zirkuliert unter der Hand eine Telefonnummer. Wer sich meldet, darf einer subalternen Ringier-Angestellten Auskunft geben über persönliche Befindlichkeit und Pläne. Die Alternative ist klar: innerlich emigrieren oder kündigen. Der stellvertretende Chefredaktor geht, der Produktionsleiter geht, der Leiter der Internetabteilung geht, Redaktionsmitglieder gehen. Einzeln. Unspektakulär.

Kennst du dieses Gefühl? Die Leere nach dem Kribbeln, diese sarkastischen fünf Minuten: Was ist Schurni-Solidarität? Die Rücksicht auf die Schwächsten, die gebietet, den Widerstand bedingungslos abzubrechen. Und was ist eine Schurni-Karriere? Wenn sich ein WoZ-Gründungsmitglied vom schwerreichen Finanzjongleur Tito Tettamanti zum Mann fürs Grobe machen lässt.