«Im Dialekt gibt man sich preis»

Walter Vogt (1927-1988) wird in Zürich geboren und kommt mit seinen Eltern vor der Einschulung nach Bern. Sein Vater spricht Zürichdeutsch, seine Mutter Berndeutsch. Die Umgangssprache des Buben wird das Berndeutsche.

Wie seine Witwe Elisabeth und die beiden Söhne Christoph und Michael erzählen, sprach Walter Vogt, wenn er wollte, in verschiedenen Dialekten; in fremden Sprachen, die er nicht gelernt hatte – etwa Italienisch oder Rätoromanisch – konnte er sich spontan verständigen, und im Spass imitierte er Idiome in Klang und Diktion mit Phantasiewörtern. In seinen Lesungen, Reden und Laienpredigten sprach er ein gepflegtes Hochdeutsch, auch weil er als Jugendlicher eine Zeitlang Schauspielunterricht genommen hatte. Der leicht österreichische Einschlag, der gelegentlich zu hören gewesen sei, ist darauf zurückzuführen, dass er als Medizinstudent 1951 ein Semester in Wien verbracht hat.

Der virtuose mündliche Umgang mit vielen Sprachen ist für Vogt mehr als ein Spiel. An die Studentin E. B. schreibt er 1986: «Für mich sind Fremdsprachen auch zu Schutz-Sprachen geworden, in denen man nicht immer alles gleich preisgibt, aber das ist positiv gewendet.» (S. 202) Und im unveröffentlichten Roman «WERDEN» notiert er 1981: «Schutzsprachen, das beschäftigt mich. Die Verwendung einer Fremdsprache, jede Hochsprache schützt den Sprecher. Im Dialekt gibt man sich preis.»[1]

Damit sagt der Schriftsteller auch, dass die hochdeutsche Sprache, in der er ganz selbstverständlich den Hauptteil seines literarischen Werks abfasst, für ihn eine Fremdsprache sei mit der Eigenschaft, ihn als Sprecher zu schützen. Als literarische Sprache nutzt er also vor allem jene, in der er nicht immer alles gleich preisgeben muss. Literatur machen heisst für Vogt auch, eine Rolle zu spielen: Schreiben als Maskenspiel oder gar als «Maskenzwang», wie der Titel seines Erzählbandes von 1985 lautet.

Andererseits erlaubt dieses Maskenspiel den experimentellen Umgang mit dem Sprachmaterial. Im Moment des Schreibens arbeitet Vogt mit seiner Mundart als einer «Kunstsprache», wie er an die Studentin E. B. schreibt. Eine Kunstsprache nota bene, die beim Schreiben «ebenso quer zwischen die Zähne [kommt] wie die Hochsprache beim Reden» und deshalb auch beim Schreiben «einen Mundart-Komplex» auslösen könne. Das sagt er 1967 in der Einleitung zum «modern mundart»-Abend und erklärt dem Publikum, es gehe darum, «das, was Sie gewohnt sind, als vollkommen natürlich vom Munde gehend anzusehen, als Kunst, also als künstlich, zu verkaufen. Es besteht nämlich der begründete Verdacht, es könnte sich mit der Annahme, dass uns der Dialekt so ganz natürlich, sozusagen biologisch von den Lippen rinnt, ähnlich verhalten wie mit der Schweizer Staatsideologie, dass wir der Staat seien und alles was eine Regierung unternimmt, ganz persönlich unser Wille sei.» (S. 36f.) Wenn es um Sprache geht, ist das, was reine Biologie zu sein scheint, bis ins letzte Wort von ideologisch besetzter Künstlichkeit.

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Hochsprache und Dialekt sind also gleichermassen Kunstsprachen. Allerdings: «Im Dialekt gibt man sich preis.» Das sagt jener Schriftsteller, der ab 1965 innert kurzer Zeit mit mehreren, ausschliesslich hochdeutsch verfassten Arbeiten unübersehbar vor die Öffentlichkeit tritt (insbesondere mit den Erzählbänden «Husten» und «Wüthrich» und dem Theaterstück «Höhenluft»). Wenn er für den 22. Mai 1967 in Bern den «modern mundart»-Abend initiiert, bedeutet dies für ihn eine Grenzüberschreitung: heraus aus der Schutzsprache des Hochdeutschen ins Ungeschützte des Dialekts.

Am 6. November 1972 nimmt Vogt an einer Diskussion des Schweizer Radios teil, bei der es um das Hochdeutsche und den Dialekt als zwei literarische Sprachen geht. Zum Dialekt sagt er: «Ein Effekt […] ist der von der unmittelbareren Wirkung gerade bei Sachen, die im Prinzip tabu sind. Für uns Deutschschweizer Autoren – und natürlich auch für das Publikum – ist im Hochdeutschen immer schon ein Verfremdungseffekt drin – und der fällt im Dialekt weg.» Ist die Verwendung des Dialekts als literarische Sprache 1967 selbst ein Tabubruch – als Befreiungsschlag gegen die Literatur aus dem bluemete Trögli –, so soll sie von nun an helfen, inhaltliche Tabus zu brechen.

Zu dieser Grenzüberschreitung kommt die zweite: Nachdem Vogt seine Schriftstellerei in den ersten Jahren als Schreibtischarbeit verstanden hat, deren hochdeutsche Resultate er Verlagen, Bühnen, Radio und Fernsehen als Typoskripte anbot, so wählte er für die literarischen Experimente in der Umgangssprache nun vermehrt performative Formen. Es gibt von ihm keine grossen Prosatexte auf berndeutsch, weder Erzählungen noch gar Romane. Wenn Vogt berndeutsch schrieb, dachte er sich die Texte für den mündlichen Vortrag, für die Lesung am «modern mundart»-Abend zum Beispiel, für die Lesung als Kolumnen im Radiostudio oder für die dramatische Inszenierung bei Radio oder Fernsehen.

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Neben der Bevorzugung von performativen Formen ist beim Einsatz des Berndeutschen als literarischer Sprache noch etwas Anderes bemerkenswert. Vogt hat immer wieder gerade dann zum Dialekt gegriffen, wenn er religiöse respektive biblische Stoffe bearbeitet hat: Es gibt bereits vom Jugendlichen ein Krippenspiel auf berndeutsch[2], es gibt die berndeutsche Fassung des «Unservater», es gibt die Nacherzählung der Jona-Geschichte in der Kolumne «Zum neuen Tag» vom 13. August 1977 – und es gibt ab 1977 vor allem die vier Prophetenhörspiele «Amos», «Jesaja I», «Jesaja II» und «Deuterojesaja».

Anlässlich der Ausstrahlung von «Amos» veröffentlichte die Zeitschrift «Tele» am 2. April 1979 ein Interview mit Vogt. Gefragt wurde er unter anderem: «Der alttestamentarische Gott, der recht unzimperlich berndeutsch spricht – sehr ungewöhnlich. Was war die Grundüberlegung zur Übersetzung in Umgangssprache?» Vogt antwortete: «Nach allen mir zugänglichen Kommentaren, nach den moderneren Übersetzungen hat Amos selbst völlig unverblümt und direkt gesprochen. Sein Gott redet Klartext! Ich muss allerdings sagen, dass die berndeutsche Version tatsächlich etwas Erschreckendes hat. Aber hat der alttestamentliche Gott denn nicht etwas Erschreckendes?»

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Das Verhältnis zwischen hochsprachlicher Schutzsprache und unverblümt-direktem Dialekt ist für den Schriftsteller Vogt allerdings alles andere als spannungsfrei geklärt. Ein Widerspruch ist ja offensichtlich: Ausgerechnet wenn er «völlig unverblümt und direkt» werden will, versteckt er sich bei den Prophetenhörspielen als Übersetzer hinter mehr als zweieinhalbtausend Jahre alten Texten. Als er im erwähnten «Tele»-Interview gefragt wird, was ihn am Amos-Stoff besonders interessiert habe, antwortet er: «Was mich an Amos fasziniert hat, ist […] die ungeheure Aktualität. Der Prophet wendet sich mit einer Botschaft an die Oberschicht von Samaria […], die lange Jahre der Hochkonjunktur hinter sich hat.»

Die Aktualität ist klar: In den Jahren ab 1967, in denen Vogt vermehrt im Dialekt zu schreiben beginnt, hat die Schweiz «lange Jahre der Hochkonjunktur hinter sich» und der Autor hat «eine Botschaft an die Oberschicht» seines Landes. Spricht er in seinen «Worten zum Tag» über die Schweiz und ihre Berge, dann zum Beispiel so: «Verbähnlet, verhüselet, vollgschisse und mit Plastikabfäll übersäit – vo Flug- und Helikopterservice um ihri gepriseni majestätischi Rueh pbraacht… […] Präperierti Skipiste, wo im Summer wi grässlechi Wunde bläcke, d’Pflanzetechi verisse, d’Viecher uusgrottet oder verschüücht. […] Gnau gnoh bruucheni gar nüt z’säge – dihr wüsset’s ja alli sälber ganz genau. Es isch o vorsichtiger, me seit nüt. Si ghööre’s nid gäärn, die wo dervo profitiere.» (11. August 1977)

Neben solch hellsichtig gesellschaftskritischen Passagen machen weitere wiederkehrende Motive die Radiokolumnen heute lesenswert: Zum Beispiel gibt es Reflexionen über Wirklichkeit und ihre mediale Umsetzung in Radio und Fernsehen; über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen; über die Vorherrschaft der medialen Umsetzung gegenüber der Realität – Gedanken, die mit Blick auf die heutigen Möglichkeiten von Internet und Cyberspace noch an Aktualität gewonnen haben. Oder es gibt wiederkehrende Hinweise auf Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt, präzise ornithologische Beobachtungen zum Beispiel zum Verschwinden der Arten – «Roubvögel  […] si alli usnahmslos sälte worde, zum Teil verschwunde i de letzte drissg Jahr». Beobachtungen und Argumente, wie sie der ökologisch bewusste Zeitgenosse Vogt in seinen Radiokolumnen vorgetragen hat, sind allzuoft aktuell geblieben.

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Walter Vogt nutzt die unverblümte Direktheit seines Dialekts, um in performativen Formen als gesellschaftskritischer Autor einen Beitrag zu leisten. Dass er sich dafür wenn nötig hinter Bibeltexten versteckt, ist weder Feigheit noch literarische Manier, sondern eine Notwendigkeit. Zwischen 1976 und 1980 ist er Präsident der AutorInnen-«Gruppe Olten», die sich den demokratischen Sozialismus in die Vereinsstatuten geschrieben hat, und Vogts Staatsschutzfiche belegt, dass man damals auch seine psychiatrische Gutachtertätigkeit im Auge hat, mit der er routinemässig junge Männer von der militärischen Dienstpflicht befreit. Mit seiner psychiatrischen Privatpraxis hat er aber eine Familie mit drei Kindern zu ernähren. Und dies, obschon er daneben jener Walter Vogt bleibt, der ab 1969 experimentierend so tief in die Drogensucht gerät, dass 1974 ein sechswöchiger stationärer Entzug nötig wird und der sich 1982 als Bisexueller outet.

Auch wenn Walter Vogt ohne Schutzsprache spricht, hat er zeitlebens Grund, sich zu schützen, weil er nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch immer wieder an die Grenzen geht – und manchmal darüber hinaus.

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2015 hat der Schriftsteller Kurt Marti begründet, warum er seine schriftstellerischen Experimente in der Umgangssprache in den 1970er Jahre abgebrochen hat: «Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass sich diese Dialektwelle gegen die deutsche Hochsprache, die Standardsprache richte. Mir schien zunehmend, es sei nicht der Sinn der Sache, dass wir uns abkoppeln vom deutschen Sprachraum.»[3] Um 1980 stand Walter Vogt, der mit Marti in stetem Gespräch war, am gleichen Punkt. Dass er «nicht mehr im Dialekt» schreiben wolle, hat er gegenüber der Studentin E. B. 1986 so begründet: «Weil mir die heutige Dialektwelle, der Dialektterror, der da herrscht, einfach graust.»

Die Dialektliteratur aus dem bluemete Trögli hatte sich seit den späten 1930er Jahren in den Dienst der Geistigen Landesverteidigung gestellt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur krud antikommunistischen Ideologie verkam. Die «modern mundart»-Autoren dagegen standen in der Tradition etwa des österreichischen Kreises um H. C. Artmann. Wie jenem war der Berner «modern mundart»-Gruppe die Vereinnahmung durch ein Sprachverständnis des ethnisch Eigenen zuwider. Umgangssprache war Kunstsprache, war Material zum künstlerischen Experiment. Wurde sie zur modischen, nationalistisch gefärbten Dialektwelle, wurde es Zeit zu schweigen.

[1] WERDEN, Roman, Ts. 1981, S. 105 (SLA-Vogt-A-2-k/01).

[2] Walter Vogt: Einladung für Weihnachten, ein Krippenspiel in vier Bildern (SAL-Vogt-C-1-c/04).

[3] Guy Krneta & Louisen: rosa loui. hommage an kurt marti. Luzern (Der gesunde Menschenversand), 2015 (siehe Booklet der Doppel CD, S. 8, resp. hier).

Walter Vogt: Hani xeit. edition spoken script 25. Luzern (Der gesunde Menschenversand) 2018. – Der Herausgabe dieses Buches bildete den Abschluss eines grösseren Projekts: Im Auftrag der Christoph Geiser-Stiftung archivierte und katalogisierte ich 2015/2016 im Schweizerischen Literaturarchiv den Nachlass von Walter Vogt. Zu diesem Auftrag gehörte es auch, öffentlich an den zurzeit weitgehend vergessenen Autor zu erinnern. Das ist mit dieser Anthologie von Vogts berndeutschen Texten versucht worden. Der hier dokumentierte Text bildet das Nachwort des Buches.

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Das Biografiemonument für C. A. Loosli. – Zum Abschluss von Erwin Martis Loosli-Biografie.

Stückwerk, Mäander 19: Zwischenkriegszeiten (II).

Stückwerk, Mäander 18: Die zwei Sprachuniversen.

Stückwerk, Mäander 17: Pfade ins Echsenland.

Stückwerk, Mäander 16: Kulturboykott. Feierabendtexte.

Stückwerk, Mäander 15: Alles KosmEthik?

• Im Februar 2018 erschienen: Fredi Lerch [Hrsg.]: Walter Vogt – Hani xeit. Luzern (Der gesunde Menschenversand) 2018; darin: fl.: «Im Dialekt gibt man sich Preis».

• Im November 2017 erschienen: Christa Baumberger/Nina Debrunner [Hrsg.]: Mariella Mehr – Widerworte. Zürich (Limmatverlag) 2017; darin: Fredi Lerch: «Störung der Aufführung».