Wo ein Markt ist, ist auch ein Weg

Mehl und Wasser, Hefe und Salz: Mehr braucht es nicht, um Brot zu machen. In der Welt der hochindustrialisierten Brotproduktion schluckt man dazu, ohne zu murren, noch ein bisschen Teigführungsmittel, Konservierungssubstanzen und Volumenverstärker. Aber Brot aus gentechnisch verändertem Weizen? Niemals! 

Das ist zurzeit die Stimmungslage der BrotkonsumentInnen – nicht nur in der Schweiz. Sie ist auch einGrund für den Protest gegen wissenschaftliche Experimente an den Genen des Weizens – zum Beispiel jenen gegen den Freisetzungsversuch von Stinkbrand-resistentem KP4-Weizen, den die ETH Zürich letzte Woche im zürcherischen Lindau gestartet hat. Zwar soll aus dem Weizen, der dort wachsen wird, kein Brot gemacht werden. Man weiss aber, dass Genmanipulationen an einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel mehr Risiken als Chancen bergen.

Auch Restrisikos gehen durch den Magen

KonsumentInnen in den westlichen Ländern, in denen heute genügend Mehl zu erschwinglichem Preis verfügbar ist, können von gentechnisch verändertem Weizen wenig erwarten. Sie nehmen aber Risiken in Kauf, wenn sie ihn essen, denn jede Genmanipulation kann die Lebensmittelsicherheit beeinträchtigen. Aus Genspaltung und Geninstabilität können neue Giftstoffe entstehen; und neu entstandene Proteine können Allergien verursachen. 

Zwar werden genveränderte Nahrungsmittel vor der Markteinführung von staatlicher Seite auf jeden Fall überprüft. Greenpeace aber attestiert der dabei angewendeten Methode der «substantiellen Äquivalenz», die die chemische Zusammensetzung von genmanipulierten mit entsprechenden nicht manipulierten Lebensmitteln vergleicht, «schwere Unzulänglichkeiten». Zudem liegen keine Langzeitstudien über allfällige Giftstoffe und Allergene genveränderter Lebensmittel vor. Das Restrisiko längerfristiger Gesundheitsschädigungen, die auch bei der Einführung von gentechnisch verändertem Weizen nicht ausgeschlossen werden könnten, tragen die KonsumentInnen.

Kanada lernt aus dem Raps-Desaster

Klarer absehbar sind heute schon die Chancen und Risiken der Produktion von gentechnisch verändertem Weizen. Mit dem Roundup Read»-Hartweizen verfügt der nordamerikanische Agrobiotech-Konzern Monsanto über ein Produkt, dessen Markteinführung eigentlich schon für 2003 geplant war. Dieser Weizen ist gentechnisch so verändert, dass er auf das Monsanto-Breitbandherbizid Roundup resistent ist. Wer «Monsanto»-Weizen pflanzt, muss deshalb auch mit dem Monsanto-Herbizid arbeiten. Zurzeit bemüht sich der Konzern um die Zulassung dieses Weizens zur Vermarktung in Kanada und in den USA – also in den beiden grössten Weizen produzierenden Ländern neben Australien und Argentinien. Die Zulassungen haben sich bisher verzögert, weil den Marktchancen des Konzerns auf Seiten der Getreideproduzenten unabsehbare Risiken und absehbare Nachteile gegenüberstehen.

Vorab in Kanada hat die Skepsis gegen die grüne Gentechnik in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen, nachdem die Bauern mit genmanipuliertem Raps schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Konventionelle und Biobauern produzieren unterdessen wider Willen gentechnisch veränderte Pflanzen, weil ihr Saatgut verunreinigt ist oder ihre Felder durch Pollenflug von gentechnisch verändertem Raps kontaminiert worden sind. Auch in den USA hat letzthin eine Studie der Union of Concerned Scientists belegt, dass traditionelle Mais-, Soya- und Rapssorten bereits heute grossflächig mit transgenen Pflanzen kontaminiert sind. Gelingt es einem Bauer trotzdem noch, eine saubere Ernte einzufahren, wird diese immer häufiger auf dem Transport oder bei der Verarbeitung verseucht, weil es keine vollständig getrennten Produktionsstrassen gibt. 

In Kanada haben die Bauern unterdessen auch die Monsanto-Propaganda durchschaut. Die Ernten sind nicht, wie versprochen, grösser geworden. Und es stimmt auch nicht, dass sie bei der Verwendung von genmanipuliertem Raps weniger Chemie einsetzen mussten: Durch den Roundup-Eingriff ins Ökosystem haben sich in kurzer Zeit «Superunkräuter» entwickelt, die kaum mehr zu bekämpfen sind.

Schliesslich ist in Kanada der Prozess gegen Percy Schmeiser hängig: Dieser Farmer hat in der Provinz Saskatchewan seit jeher Canola – eine kanadische Variante von Raps – anbaut und eigenes Saatgut produziert, das entweder durch Pollenflug, durch Tiere oder Transporte vom Monsanto-Raps verseucht wurde. 1997 wurde er von Monsanto verklagt, Roundup-Ready-Raps anzupflanzen, ohne die «Technologiegebühr» entrichtet, das heisst: das patentierte Saatgut gestohlen zu haben. Schmeiser erhob Gegenklage: Die Verseuchung habe sein Lebenswerk – die eigene Canola-Zucht – zerstört. Der Prozess ist zurzeit in letzter Instanz am Obersten Gerichtshof in Kanada hängig und wird weltweit als Präzedenzfall mit grossem Interesse verfolgt.

Die kanadischen – und die US-amerikanischen – Weizenbauern sind also gewarnt. Sie wollen die Erfahrungen, die man mit dem Raps gemacht hat, nicht wiederholen, umso mehr, als die eigenen (und die europäischen) Märkte den Genweizen grossmehrheitlich ablehnen. Das Canadian Wheat Board, verantwortlich für einen Fünftel der weltweiten Weizenproduktion, wehrt sich deshalb mit Klagedrohungen gegen die Einführung des Genweizens. Und in den USA haben eben letzte Woche drei Umweltschutz- und Landwirtschaftsverbände eine Petition veröffentlicht, die fordert, das dort laufende Bewilligungsverfahren für den Monsanto-Weizen zu stoppen.

Achtzehn Prozent des Weizens, der in die Schweiz importiert wird, kommen aus Kanada, zwei Prozent aus den USA. Sollte Monsanto mit seinem Roundup-Ready-Weizen in einem dieser Länder den Durchbruch schaffen, stünde man schon kurz darauf auch in der Schweiz vor der Frage: Wird solcher Weizen importiert? Und falls nein: Wie schützt man sich dagegen, wenn man trotzdem noch in jenen Ländern Weizen einkaufen möchte? 

Schweiz: Die Greenpeace-Umfragen

Im Rahmen einer Umfrage, die Greenpeace Schweiz letztes Jahr durchgeführt hat, waren sich die Grossverteiler Migros, Coop und Denner darin einig, dass sie keine gentechnisch veränderten Lebensmittel im Sortiment führen, weil es keine Nachfrage gibt; dass in jedem Fall Wahlfreiheit und Transparenz gewährleistet sein müssen; und dass man sich nach neuen Lieferanten umsehen müsste, wenn in den USA oder in Kanada mit der Produktion gentechnisch veränderten Weizens begonnen würde, ohne dass die strikte Trennung der Produktionsstrassen gewährleistet wäre. Bei der gleichen Umfrage hielt der Schweizerische Bäcker- und Konditorenmeisterverband fest: «Wir fordern für unsere Mitglieder naturbelassene Brotgetreide und Müllereiprodukte. Demzufolge hat Gentech-Weizen in der Schweizer Bäckerei keinen Platz.»

Das gleiche Ergebnis brachte im Spätherbst eine Greenpeace-Umfrage bei den Bäckereien der Deutschschweiz und der Romandie. 93 Prozent der BäckerInnen gaben an, keinen Gentech-Weizen für die Herstellung ihrer Produkte verwenden zu wollen. Eine Berner Bäckerei antwortete: «Gentech-Weizen ist absolut unnötig. Schlechte Akzeptanz. Keine Chance bei Konsumenten. Keine biologische Notwendigkeit! Es sind genügend gute Sorten auf dem Markt!» Und der Bäcker Peter Schmid in Niederrohrdorf antwortete: «So gut es geht, sollte man die Rohstoffe und Lebensmittel natürlich belassen!»

«So gut es geht»: Das ist eine kluge Antwort. Das ökologische Argument wird den Vorrang vor dem ökonomischen auch beim genmanipulierten Weizen nur «so gut es geht» behalten. Sobald es eine quantitativ bedeutende Nachfrage geben wird, wird ein Markt entstehen, wird man irgendwo auf der Welt mit dem Anbau dieses Weizens beginnen. Wer wird aufhören, Brot zu essen, wenn bedeutende Teile des Weizensaatguts kontaminiert sind? 

In der WOZ erschien der Beitrag unter dem verkürzten Titel: «Wenn Pollen fliegen».