Opportunien: die Diagnose

2010 hat der Schriftsteller Alex Gfeller eine fünfzehnbändige Gesamtausgabe veröffentlicht und sein Schreiben für abgeschlossen erklärt (WOZ 48/2010). Im Rahmen seiner «literarischen Aufräumarbeiten» hat er kurz darauf «Nemesis. 53 Fragmente» veröffentlicht (WOZ 23/2011). Nun folgt das Buch «Kurzer Abriss» und das Hörbuch «Alex Gfeller liest aus der Meise».

«Kurzer Abriss» ist ein trash-historischer Nachhilfeunterricht für alle, die lebenslänglich in diesem Land leben, ohne zu begreifen, wo sie hier sind. Insofern schliesst dieses Buch weitherum eine empfindliche Bildungslücke.

Gfeller beginnt didaktisch, also am Anfang, bei der zwei Kilometer dicken Eisschicht, die das Land über Jahrmillionen vor sich selber schützt, bevor dem «Schwemm-, Bruch-, Stau-, Geschiebe- Schleif- und Trümmergebiet» unversehens ein historische Ereignis widerfährt: der Wiener Kongress. Hier sagen sich die Sieger gegen Napoleon anno 1815 in einer Konferenzpause: «Auch wir wollen neue Länder erfinden!» und machen zwischen zwei Cüpli die wirtschaftlich und auch sonst uninteressanteste Ecke Europas zur République Transplantatoire Fortuite, zur Transplantatorischen Zufallsrepublik Opportunien.

In der gebotenen Kürze gibt Gfeller nun eine Tour d’horizon über den politischen und gesellschaftlichen Zustand dieses Landes, wobei er jenem Ort, dem er einen nicht unbedeutenden Teil seines Gesamtwerks verdankt und gewidmet hat – dem Städtchen Furz an der Brunze – eine instruktive Detailstudie widmet.

Ansonsten hält er sich ans Ganze und Grundsätzliche, soweit es empirisch nicht zu leugnen ist. Wobei der Autor gegen sagenhafte Widerstände anschreibt, denn in Opportunien liegt das empirisch nicht zu Leugnende in aller Regel unter einer ungefähr zwei Kilometer dicken Schicht aus Kleinkariertheit, Borniertheit, Fremdenhass, Paranoia und Opportunismus.

Gfeller legt deshalb ein Werk vor, das den Schöngeistern zugemutet, beim Lesen relativ schnell relativ viel zu lernen, insbesondere dort, wo nach der Analyse die Diagnose folgt: «Katatonie als intellektuelles und kulturelles Programm, Apathie als gelebte Gegenwart, Nekrophobie als erotischer Traum, Koprophagie als treibende Kraft: So sieht das opportunistische Geistesleben aus.» Die Hoffnung des Autors: dass sich Europa, wie 1815, wieder einmal Opportuniens erinnere und ihm zeige, «wo der Hammer hängt».

Neben dieser literarischen Auf- respektive Abräumarbeit legt Gfeller seine erste Hör-CD vor, eine Lesung aus seiner in der Gesamtausgabe enthaltenen Erzählung «Die letzte Meise», einem surrealistisch-paranoiden Panorama, von dem er selbst sagt, er habe sein Leben lang versucht, «einen authentischen, autochthonen Text zu schreiben, der ausschliesslich meinen und seinen eigenen Regeln gehorcht. Das ist mir mit ‘Die letzte Meise’ vollumfänglich gelungen, und darauf bin ich heute ganz unerhört stolz.»

Die besondere Qualität von Gfellers Lesung: Beim Zuhören wird unmittelbar klar, wie performativ seine Texte gedacht sind. Obschon er unverständlicherweise seit Jahrzehnten kaum mehr zu Lesungen eingeladen wird, muss seine Prosa als rhetorisch vielleicht gekonnteste bezeichnet werden, die zurzeit hierzulande geschrieben wird.

Unterdessen arbeitet Gfeller übrigens an einem weiteren letzten Problem seiner literarischen Aufräumarbeiten, jenem seines Archivs (etwa fünfzehn Bananenkisten). In einer E-mail teilt er mit: «Ich warte schon lange auf eine Antwort vom Literaturarchiv, für das ich wahrscheinlich zu wenig attraktiv bin.» Wie bitte? Der Westen der Stadt Bern, Bümpliz, hat in den letzten hundert Jahren drei bedeutende kritische Schriftsteller hervorgebracht: C. A. Loosli (1877-1959), Peter Lehner (1924-1987) und Alex Gfeller (* 1947). Die Nachlässe von Loosli und Lehner liegen im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA). Mit Gfellers Vorlass zusammen würde ein wohl einmaliges Triptychon der ansonsten brüchigen Tradition kritischer Publizistik dieses Landes entstehen.

Würde Gfellers Vorlass vom SLA abgelehnt, so müsste das  als literaturpolitisch genuin opportunistische Massnahme gewertet werden.

Alex Gfeller: Kurzer Abriss, Norderstedt (Verlag BoD) 2011; sowie: Alex Gfeller liest aus der Meise, Hörbuch auf CD.

Die WOZ führt den Text online unter dem Titel: «Opportunien: Nach der Analyse die Diagnose». Im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) gibt es bis heute kein Gfeller-Archiv (24.2.2021). 

Aktuell

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Die Website «Textwerkstatt Fredi Lerch» versammelt journalistische, publizistische und literarische Arbeiten aus der Zeit zwischen 1972 und 2022, ist abgeschlossen und wurde deshalb am 15. 1. 2024 zum zeitgeschichtlichen Dokument eingefroren.

Vorderhand soll die Werkstatt in diesem Zustand zugänglich sein, längerfristig wird sie im e-helvetica-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek einsehbar bleiben. Teile des Papierarchivs, das für die vorliegende Website die Grundlage bildet, sind hier archiviert und können im Lesesaal der Schweizerischen Literaturarchivs eingesehen werden.

 


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