Totensammelstelle Effingerstrasse

 

«Aufgebot. Art des Dienstes: Nachrichten-/Übermittlungsdienst. Einrücken am 22.10.85, Zeit: 10.00, Ort: KP Sektor 22, Sulgeneckstr. 26 B, 3007 Bern. Entlassung am 23.10.85 vor dem Mittagessen. Bemerkungen: Übung durchgehend, übernachten in der ZS-Anlage. Bekleidung: Zivilkleider, Arbeitskleider und Stiefel werden abgegeben. Strafbestimmungen: Gemäss Artikel 84 des Bundesgesetzes über den Zivilschutz vom 23.3.1962.»

Ein Kartonwegweiser, «KP Sektor 22», weist in den steilen Kellerhals hinunter. Auf dem Vorplatz gut vierzig Männer, eine Frau, alle in zivil, wartend, zeitunglesend, rauchend. Einige kennen sich von früheren Übungen. Die stehen in der Mitte und plaudern. Drüben im Park lärmen die Schulkinder in der grossen Pause über die geteerten Wege (Rasen betreten verboten). Punkt zehn erscheint ein Uniformierter auf der Kellertreppe, winkt. Die Zivilisten treten ihre Zigaretten aus, falten die Zeitungen, verschwinden in Einerkolonne die Treppe hinunter in der Schleuse zum Bunker.

An langen Holztischen sitzen die Zivilisten auf langen Holzbänken. Das hier ist der «Aufenthaltsraum». Im Durchgang von der Schleuse zu diesem Raum machen vier Männer auf kleinen Elektrokocherchen Mittagessen. Der Übungsleiter heisst Michel Wildbolz, redet Mundart mit welschem Akzent, begrüsst zur «Kombinierten Übung Nachrichtendienst/Übermittlungsdienst», bittet um Abgabe der gelben, persönlichen Zivilschutzbüchlein und wer ein ärztliches Zeugnis habe, solle vortreten, Eintrittsmusterung dort hinten. Einige erheben sich, steigen über die Bänke nach vorn. Die meisten bleiben sitzen, viele Ältere, mit verbissenem Gesicht, entschlossen, nun für 24 Stunden den Atem anzuhalten. Zur Einkleidung sind einige unterirdische Räume zu passieren. «Wie alles, was wir mehrmals tun, Routine wird. Wir passen uns ausserordentlichen Umständen an, sehen ihre Grausamkeit beim dritten oder vierten Mal nicht mehr. (…) Aber es gibt Dinge, an die man sich nie gewöhnen darf» (Laure Wyss). Abgegeben werden schmutzigblaue, frischgebügelte Überkleider, Kittel und Hosen, dazu ein Gurt und zwei graue Patten, Erkennungsmarken aus Plastik, die über zwei festzuknöpfende Stofflaschen auf den Schultern zu stülpen sind. Grau, das bedeutet Nachrichten- und Übermittlungsdienst.

Zurück im Aufenthaltsraum, informiert Wildbolz über das Beschwerderecht: Beschwerden sind schriftlich bis Übungsende beim Übungsleiter oder – gegen diesen selber – schriftlich bis einen Tag nach Übungsende bei der nächsten Zivilschutzstelle einzureichen. Im übrigen beginne die eigentliche Übung um zwölf Uhr nullnull, vorher sei Zeit für «AC-Repetition und Mittagessen». Dann steht ein Instruktor vor die Eingekleideten, fragt: «Was heisst das, AC-Schutzbereitschaft erstellen?» Irgendjemand sagt irgendetwas. Danach schlängeln sich vierzig Uniformierte aneinander vorbei, um in einem Nebenraum einen Gasmaskensack samt Inhalt zu fassen. Wieder im «Aufenthaltsraum», packen sie ihre Gasmasken aus, tun so, als passten sie sie sich an, ziehen ein wenig an den elastischen Riemchen herum, die straff über den Kopf gespannt sein sollten, ein Unsicherer fragt seinen Nachbarn, wie das schon wieder gehe, andere schrauben den Übungsfilter auf die Maske, schrauben ihn wieder heraus. Der Instruktor sagt: «I tue o nume, was i mues», fügt hinzu, wir sollten die Masken wieder einpacken, wir wüssten ja jetzt wieder, was AC-Schutzbereitsschaft sei, nun sei bis halb zwölf Pause. Der «Aufenthaltsraum» leert sich, einige bleiben zeitunglesend sitzen.

Um 12 Uhr nullnull hat die Übung begonnen. Angenommen wird, es sei der 22. September und die Lage sei die folgende: «In Europa ist vor einer Woche der Krieg mit aller Härte ausgebrochen. Vor wenigen Tagen drangen feindliche Truppen in die Nachbarländer ein und haben grosse Teile besetzt. Die ersten Kampfhandlungen wurden mit konventionellen Mitteln geführt. Seit gestern jedoch wurde der Einsatz von C-Kampfstoffen beobachtet und offiziell auch bestätigt.» Seit Übungsbeginn sitzt eine Gruppe von Männern im «Kommandoraum», das ist die Nachrichtengruppe. Der Dienstchef Nachrichten, ein junger Mann mit Namen Hanspeter Lang, der zum ersten Mal eine solche Übung mitmacht und ein wenig nervös ist, hat bereits mitgeteilt, dass die Übung für die Nachrichtengruppe erst um 20 Uhr nullnull richtig beginnen werde, bis dahin hätten wir Zeit für Repetition. Bis zum Abendessen hat die Nachrichtengruppe, die während des Nachmittags immer kleiner wird, weil einzelne ihrer Mitglieder in Aussenposten abdetachiert werden, folgende Arbeitsblätter des Bundesamts für Zivilschutz auszufüllen: «Signaturen 1-3» (9414.112/18d, 19d und 20d) und «Abkürzungen 2-4» (9414.112/22d, 25d und 26d). Zur Lösung dieser Aufgaben steht eine Broschüre des Bundesamtes für Zivilschutz, «Abkürzungen und Signaturen im Zivilschutz» (1727.00/1d, März 1980), zur Verfügung. Darüberhinaus sind durchzuarbeiten: «Aufgabenblatt: Abkürzungen (Uem ND/Uem D 1985)», «Die Aufgaben des Kartenführers» und die praktische Übung «Grundsätze der Kartenführung» (AZS Bern, Abteilung Ausbildung).

Um 12 Uhr dreissig – mittlerweile sei der 26. September – lässt der Bundesrat verlauten: «Die zunehmende Gefährdung der Schweiz durch Kampfhandlungen in der Nähe der Schweizer Grenze, die immer öfter vorkommenden Luftraumverletzungen über unserem Land, sowie die massiven Erpressungsversuche müssen als direkte Bedrohung unserer Heimat angesehen werden.» Um 14 Uhr dreissig schreiben wir bereits den 10. Oktober und vernehmen: «Der Angreifer, der vor Wochen die Feindseligkeiten ausgelöst hat, trägt seinen Angriff erneut schnell in den süddeutschen Raum vor. Heftige Luftkämpfe haben in unmittelbarem Grenzgebiet stattgefunden, wobei auch C-Kampfstoff eingesetzt wurde. Für die Bevölkerung wurde heute 08.00 der ‘Allgemeine Alarm’ ausgelöst, wonach laufend Orientierungen über die Massenmedien erfolgten.» Ab und zu treffen nun schriftliche Meldungen im Kommandoraum ein, die wir an den Dienstchef weiterzureichen haben. Gemeldet wird zum Beispiel ein Gelbsuchtverdacht: Was zu tun sei. Später wird gemeldet, der Gelbsuchtverdacht sei negativ, es habe sich um einen Chinesen gehandelt. Als wir diese Meldung dem Dienstchef hinüberreichen, schaut er unsicher zu uns zurück, ob wir das nicht auch lustig finden.

Die holzverkleideten Betonwände des Kommandoraums sind mit Lagekarten von Bern behängt, Quartiere und Altstadt, Massstab 1:2000, was in Bern für den Ernstfall vorbereitet ist, ist mit korrekten Signaturen eingetragen. Wir repetieren «Abkürzungen 3»: Mag heisst Magazin, Kü heisst Küche, Einw heisst Einwohner, Beh heisst Behandlung, Geh heisst Gehilfe. Um 16 Uhr dreissig ist der 12. Oktober, und «das Ultimatum der kriegführenden Mächte ist vor zwei Tagen abgelaufen, ohne dass es zu grösseren kriegerischen Handlungen kam. Die Fronten haben sich stabilisiert, die Spannung ist jedoch, trotz der laufenden UNO-Verhandlungen, immer noch gross. Mit einigen Stunden Verspätung konnte der vorsorgliche Schutzraumbezug in der Schweiz im grossen und ganzen erfolgreich abgeschlossen werden. Fast zwei Tage hat die Schweizer Bevölkerung mittlerweile im Schutzraum verbracht.» «Abkürzungen 4»: Leitungsbau heisst Ltgsb, Kartenführer heisst Kfhr, Motorspritze heisst Motspri, Zivilschutzbereitsschaftsstufe heisst ZS Ber Stu. 17 Uhr dreissig: Heute schreiben wir den 15. Oktober: «Dem Sicherheitsrat der UNO ist es gelungen, einen Waffenstillstand von unbefristeter Dauer auszuhandeln. Der Waffenstillstand ist heute früh in Kraft getreten und bisher eingehalten worden. Der Krisenstab des Bundesrates hat die Lage beraten, und gestützt darauf hat der Bundesrat die vorübergehende Aufhebung des SR-Bezugs ab morgen 07.00 verfügt.»

Wenn zum Beispiel das Mattenhofquartier bombardiert wird, erreicht eine diesbezügliche Meldung den Kommandoposten Sektor 22 korrekterweise als handschriftliche Notiz auf einem grauen, karrierten A5-Blatt (Form. 108.50), dessen vorgedruckter Kopf Hinweise zu «Dringlichkeit», «Klassifizierung», «Datum», «Zeit», «Meldungsnummer» und «Adresse» vorsieht. Die Meldung selber ist nach den Fragewörtern «wann» «wo» «was» «wer» «wie» zu gestalten (vgl. Meldeschema in: «Lernprogramm schriftlich melden», Hrsg.: Bundesamt für Zivilschutz, 1427.000/1d). Beispiel: «18.05. Belpstrasse nach Bombardierung von Siemens-Albis und Hasler AG unpassierbar. Verschiedene Brände. Viele Tote und Verletzte.» Die eingetroffene korrekte Meldung wird vom sog. Sichter mit einem blassweinroten «ZSDN Leitzettel (ank)» (Formular 1414.051-39 655/1) versehen (Bostitch). Auf diesem Leitzettel vermerkt er: Absender, Kurzfassung des Meldungsinhalts («Siemens-Albis + Hasler flach. Viele Tote.») Danach reicht er die Meldung weiter an den Kartenführer, der sie daraufhin zu prüfen hat, ob sie auf die Nachrichtenkarte übertragbar ist (in unserem Beispiel wird er die Belpstrasse inkl. Liegenschaften links und rechts dreifach rot auskreuzen und einige rote Flämmchen eintragen, rechts daneben, ebenfalls rot: «18.05»). Danach wird er die korrekte Meldung im vorgedruckten Feld «Karten» auf dem Laufzettel mit seiner Signatur versehen und sie danach unverzüglich an den eigentlichen Empfänger weiterleiten, der als Zivilschutzkadermann sofort die adäquaten Gegenmassnahmen veranlasst (Feuer löschen, Totensammelstelle organisieren etc.). Nachdem auch der Empfänger den Leitzettel im entsprechenden Feld signiert und mit der Empfangszeit versehen hat, wird die korrekte Meldung zum sog. Sekretär weitergeleitet, der den Leitzettel in der vorgedruckten Rubrik «Ablage» ausfüllt, die  ganze Meldung danach locht und in den als Ablage dienenden Ordner ablegt. Analog dazu werden abgehende Meldungen bearbeitet, allerdings kommt hier der «ZSND Leitzettel (abg)» (1414.052–39 655/2) zur Anwendung. 

Seit Übungsbeginn darf der Bunker nicht mehr verlassen werden. Ab und zu heult dumpf ein Ventilator auf, ein grosses unförmiges Gebläse, das durch lange verzinkte Blechröhrensysteme kalte Herbstluft in die Bunkerräume bläst. Ein Kartenführerkollege schiebt eine Broschüre herüber: «Der Schutz vor radioaktivem Ausfall in der Landwirtschaft – Was das landwirtschaftliche Kader vom Strahlenschutz wissen muss» (Hrsg.: Bundesamt für Zivilschutz, 33244/1). Für die Dauer des Schutzraumaufenthalts – so lese ich – werden den Bauern zwei Faustregeln auf den Weg gegeben: «Regel Nr. 1: Die Strahlungsintensität am Ende einer bestimmten Zeitspanne nach der Explosion sinkt bis zum Ende der doppelten Zeitspanne auf die Hälfte. Regel Nr. 2: Die Strahlungsintensität am Ende einer bestimmten Zeitspanne nach der Explosion sinkt zum Ende der 7fachen Zeitspanne auf 1/10, resp. der 7x7fachen Zeitspanne auf 1/100, resp. der 7x7x7fachen Zeitspanne auf 1/1000 usw.» Im weiteren, lese ich, beträgt «die semiletale Dosis (50% tot)» für das Schwein 600 R, währenddem «die letale Dosis (100% tot)» 800 R beträgt.

Um 18 Uhr nullnull ist nun der 21. Oktober und diesmal wird die neue Lage ab Tonband von einer DRS-Nachrichtensprecherstimme verlesen: «Heute morgen früh sind unter Missachtung des UNO-Waffenstillstandes die Kampfhandlungen in voller Stärke wieder aufgenommen worden. Beide Parteien haben C-Waffen eingesetzt.» Der Krisenstab des Bundesrates beschliesst umsichtig «erneuten Schutzraumbezug». Zum Abendessen «Spatz», Suppe mit verkochtem Gemüse und Fleischmocken drin; zum Trinken stark gesüssten Schwarztee.

Ab 20 Uhr nullnull ist heute, das heisst der 22. Oktober. Wir sind drei Kartenführer, die laut Dienstplan des Dienstchefs sich in das Führen der Nachrichtenkarte bis zum Übungsabbruch am nächsten Morgen um 08. Uhr nullnull zu teilen haben. Die neue Lage: «In der Nacht auf heute ist der Krieg in aller Heftigkeit geführt worden. Die grössten Städte unserer Nachbarländer wurden bombardiert. In den frühen Morgenstunden setzte ebenfalls der Vormarsch der Bodentruppen ein. Die feindlichen Truppen erzielten grosse Fortschritte und näherten sich unseren Landesgrenzen. Seit den Morgenstunden wurde die Schweiz durch feindliche Flugzeuge überflogen. Flugwaffe und Fliegerabwehr traten in Einsatz. Es gelang, mehrere Flugzeuge abzuschiessen und die Flugverbände z. T. abzudrängen. Die angreifende Nation stellte den schweizerischen Behörden bis 20.00 das Ultimatum, das Überfliegen des Landes zu tolerieren. Der Bundesrat trat nicht auf dieses Ultimatum ein.» 20 Uhr zwanzig: «Nach Auflösung des allgemeinen Alarms ist über den UKW-Sender von Radio DRS folgende Meldung des Bundesrates verlesen worden: ‘Vor wenigen Minuten haben feindliche Flugzeuge mit einer massiven Bombardierung der Bundeshauptstadt Bern begonnen. Noch ungewiss ist, ob dabei C-Kampfstoff eingesetzt wurde.’» Dann, kurz darauf, die erste Meldung, die wir zeichnen können: Drüben an der Schwarztorstrasse sei eine ganze Häuserzeile in Brand gebombt worden: «Totalzerstöruung», dreifaches Kreuz mit Flämmchen, rot. Daneben mit exakter Handschrift: «20.47». Von 21 Uhr nullnull bis 22 Uhr nullnull habe ich Pause.

Der Beton des «Aufenthaltsraums» ist geweisselt. Auf den Mauern haben die Verschalungsbretter wellenförmig ihre Jahrringe hinterlassen. Mehrere, parallel geführte Röhren laufen an Decke und Wänden entlang, machen exakte 90-Grad-Kurven, verschwinden durch die Mauern. Jene, die jetzt eine längere Pause haben, legen sich hinten im Massenlager in die doppelstöckigen Betten. Ich warte im «Aufenthaltsraum», dass es zehn wird. Plötzlich ruft einer hinter mir: «Umlaa, säg i, umlaa!» Er muss etwa 45 sein, dicklich, Brille, Falten im leicht aufgedunsenen Gesicht. Eifernd erhebt er sich, die eine Hand in der Hosentasche, die Hüfte nach vorn gekippt wie ein Jodler, in der andern Hand schwenkt er den heutigen «Blick»: «Heitr gseh? ‘Unhold im Kinderspital verhaftet’. Me müesst halt d’Todesschtraaf widr iifüere! Für so Souhüng, wo sächsjäregi Ching vergwautige, git’s nüt angers. Oder söu me söttig Sieche öppe no dürefuettere? Umlaa, säg i. Und wes kene wot mache, de chöi si mi cho reiche. Zersch würd ine umlaa u nächäär gon es Antergott frässe, das miech mir nüt us. Aber bi dere huere senile Gsetzgäbig i däm Land…» Kurz darauf verzieht er sich Richtung Schlafraum. Wieder Ruhe, leere Bänke, gelbes, lackiertes Holz, vier Leute noch, zwei lesend, einer dösend, ich. Hinten im Kommandoraum Stimmen: Jetzt brennt das City-West-Quartier. Das Geviert Seilerstrasse/Laupenstrasse/Belpstrasse/ Effingerstrasse ist zusammengebombt. Gemeldet werden 1200 Verschüttete an der Seilerstrasse 8. W., mit dem ich nun bis 02 Uhr nullnull die Nachrichtenkarte zu führen habe, greift zu den Filzstiften. «Seilerstrasse 8?» fragt er, «das ist das ‘Camera’. Man geht auch nicht ins Kino, wenn Krieg ist.» Er malt ein sauberes Rechteck, rot, schreibt die Zahl 1200 hinein. «1200 aufs Loch?», fragt er. Ich lese die Meldung noch einmal: «Nein, ‘circa 1200’.» Er malt vor die Zahl eine Wellenlinie. «Besonders gefährdet?» – «Es heisst: ‘Erstickungsgefahr’.» – «Also besonders gefährdet.» Er malt ein Ausrufezeichen hinter die Zahl. «Zeit?» – «22 Uhr neunzehn.» W. verzeichnet die Zeit, signiert die Meldung, reicht sie dem Dienstchef weiter, hängt sich wieder in seinen Stuhl, Ellbogen auf der Tischplatte, Faust unter dem Kinn. Er hat graue, nach hinten gekämmte Haare, eine Brille, Hängebacken, ist Bibliothekar; ein sanfter, melancholischer Lebemann, vermute ich. Kommt eben von der Frankfurter Buchmesse zurück. Erzählt nun von seinem Freund, einem ostdeutschen Kinderbuchautor. «Lehrerinnenseminar Marzili brennt, dahinter mehrere Häuser in Brand. Erlenstrasse unpassierbar.» Dreimal rot auskreuzen. Überhaupt die DDR-Bücherproduktion: Mit welcher Liebe man dort auch heute noch Bücher illustriert, nicht nur Kinderbücher: Das wäre bei uns gar nicht mehr zu bezahlen. Ein «Pionier- und Brandschutzdetachement» ist nun oben im City West in Aktion getreten. W. zeichnet eine blaue Linie vom Unterkunftsort des Detachements zum Einsatzort, versieht sie mit einem Doppelpfeil. «Zwischen Monbijoubrücke und Eigerplatz brennt auch alles», sage ich mit der nächsten Meldung in der Hand. W. greift wieder zum roten Filzstift, sagt: «Macht nichts, dort ist die eidgenössische Steuerverwaltung.» Später erzählt er von den miserablen Arbeitsbedingungen der Bibliothekar-Stifte; es sei vorgekommen, dass in Solothurn ein Stift 400 Franken weniger verdient habe als ein anderer. Da herrsche die nackte Willkür, Gesamtarbeitsverträge seien nicht durchzusetzen. An der Seilerstrasse 8 haben sich die Pioniere zu den Eingeschlossenen durchgebuddelt. Man richtet jetzt in der Nähe, an der Effingerstrasse, eine Totensammelstelle ein. W. malt ein hochstehendes, seitlich abgeflachtes Oval, ein Kreuz drein, blau. Daneben die Zeit.

Nach zwei Uhr habe ich mich durchs Dunkel tastend im Massenlager in den oberen Stock eines zweistöckigen Bettes gelegt. Da ich die Brille nirgends hinzulegen weiss, behalte ich sie auf, versuche, reglos auf dem Rücken liegend, auf den Morgen zu warten. Neben mir atmet jemand. Wenn ich die Hand nach oben ausstrecke, kann ich die rauhe Betondecke berühren. Die trockene, stickige Luft kratzt im Hals. Schnarchen im Raum. Ab und zu döse ich. Traumbilder? Vor der schweren Tür des Massenlagers rennen Uniformierte die ganze Nacht weiter. Bomben auf Bern. Bern brennt. Aber wir haben’s im Griff: blauer Filzstift, roter Filzstift. Blindgänger. Wie zeichnet man einen Blindgänger? Weiss denn hier keiner, wie man einen Blindgänger? Um sechs Licht, Lärm, «Tagwache!», bis acht wieder an der Karte. 08 Uhr nullnull Übungsabbruch. Rückgabe der Uniformen. Aufräumen. Sold: Fr. 8.-. Eintrag im persönlichen Zivilschutzbüchlein: «22.10.-23.10.85, NS/Uem D Sektor 22 Bern, 02 Tage, Übungsleiter Wildbolz.» Raus in die neblige kalte Morgenluft. «…ja, da fragte ich mich jedesmal nach meiner eigenen Freiheit ab und ob ich sie genutzt habe bis an den Rand; ob ich mich nicht habe fangen lassen durch Einrichtungen, an die man sich allmählich gewöhnte, an die Mentalitäten, die man übernahm…» (Laure Wyss). Vorn an der Tramhaltestelle verabschiede ich mich von W. Weiter durch die Schwarztorstrasse. Hier ist alles unversehrt.

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 11-19. (Dokumentiert wird die Buch-Version.)

Im Zeitungsdruck waren zwei Motti aus dem Buch «Liebe Livia» (Limmat 1985) von Laure Wyss beigestellt worden. Sie lauteten: 

• «Wie alles, was wir mehrmals tun, Routine wird. Wir passen uns ausserordentlichen Umständen an, sehen ihre Grausamkeit beim dritten oder vierten Mal nicht mehr. […] Aber es gibt Dinge, an die man sich nie gewöhnen darf.»

• «…ja, da fragte ich mich jedesmal nach meiner eigenen Freiheit ab und ob ich sie genutzt habe bis an den Rand; ob ich mich nicht habe fangen lassen durch Einrichtungen, an die man sich allmählich gewöhnte, an die Mentalitäten, die man übernahm […].»