Das Archiv für Agrargeschichte kämpft um Anerkennung

 

Zu den Originalbeiträgen auf Journal B: Teil 1, Teil 2 und Teil 3

 

[Teil 1]

Bund übergeht Archiv für Agrargeschichte

Soll das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation das Archiv für Agrargeschichte in Bern unterstützen? Die Experten waren dafür. Das Staatssekretariat hat das Gesuch abgelehnt. Die Beschwerde des Archivs ist hängig.

Das Archiv für Agrargeschichte (AfA) an der Villettemattstrasse in Bern ist eine wissenschaftliche Forschungsinfrastruktur, die 2002 auf private Initiative entstanden ist. Wissenschaftliche Agrargeschichte in der Schweiz hat keine politische Lobby: «Für die Rechten ist kritische Geistes- und Sozialwissenschaft eher ärgerlich als förderungswürdig. Und den Linken ist alles suspekt, was mit Bauern zu tun hat, das Ländliche steht für sie unter einem kollektiven SVP-Verdacht.» (Zeit, 12.4.2017)

Der Initiant und das Archiv

AfA-Leiter ist der Historiker Peter Moser. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, KV, dann Matur und Geschichtsstudium in Bern, später in Dublin und Galway. Sein Interesse an der Agrargeschichte erwacht auch deshalb, weil ihn entschieden stört, wie voreingenommen und unbedarft Wissenschaftler, die sich als Intellektuelle verstehen, über das Agrarische reden: «Was, du arbeitest über die Bauern? Das sind doch alles reaktionäre Säcke!»

Moser promoviert in Bern über das Thema «Agrar- oder Industriestaat? Politik, Wirtschaft und Emigration in der bäuerlichen Gesellschaft Irlands im 20. Jahrhundert». In der Schweiz fällt ihm bei seinen Recherchen auf, wie reichhaltig und weit über die Agrargeschichte hinaus wertvoll die Aktenbestände sind, die bei Privaten, bäuerlichen Organisationen und landwirtschaftlichen Institutionen unerschlossen vor sich hin dämmern. Und er stellt fest, dass in bestehenden öffentlichen und privaten Archiven für Agrargeschichtliches kein verbindliches Interesse besteht. 2002 gründet er deshalb zusammen mit Archivaren, Agronomen und Historikerinnen das AfA als erstes virtuelles Archiv in der Schweiz.

Im AfA wird aber auch geforscht. Die Publikationslisten des AfA-Teams zeigen die aktuellen Fragestellungen. Daneben werden laufend neu aufgefundene Quellenbestände im Agrar- und Ernährungsbereich nach wissenschaftlichen Kriterien erschlossen und danach den Eigentümern zurück- oder an öffentliche resp. private Archive zur sachgerechten Aufbewahrung weitergegeben – und so der Forschung im In- und Ausland zugänglich gemacht. Auf der Website des AfAkönnen Interessierte auf den umfangreich bestückten Portalen «Quellen zur Agrargeschichte», «Personen der ländlichen Gesellschaft» sowie «Bild- und Tondokumente zur ländlichen Gesellschaft» online recherchieren.

Das Subventionsgesuch und seine Ablehnung

Personell ist das AfA sehr knapp dotiert: Fünf Mitarbeitende teilen sich in 2,5 Vollzeitstellen. Das Jahresbudget beträgt 400'000 Franken. Finanziert hat das Archiv seine Tätigkeiten bisher in erster Linie durch kompetitiv eingeworbene Forschungsgelder auf nationaler und internationaler Ebene; durch Beiträge, die Aktenbildner an die Kosten der Erschliessung ihrer Archivalien leisteten sowie durch Beiträge von Stiftungen und von einem Förderverein. Nun hat das AfA beim Bund erstmals um einen Förderbeitrag ersucht: 760'000 Franken für die nächsten vier Jahre.

Vom schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrat wurde das Gesuch gutgeheissen: «Die Aufgaben, die das Archiv für Agrargeschichte an der Schnittstelle zwischen Forschung und Archiven erbringt, sind in einem für die Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften zentralen Forschungszweig unverzichtbar. Sie werden in der Schweiz von keinem anderen Institut wahrgenommen.»

Über das Gesuch entschieden hat aber nicht dieser Rat, sondern das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Es lehnte das Gesuch «vollumfänglich» ab. Gegenüber dem «Echo der Zeit» (5.4.2017) nahm die zuständige Ressortleiterin Nicole Schaad schriftlich Stellung: Regierung und Parlament hätten beschlossen, künftig vermehrt Technologiekompetenzzentren zu fördern, die eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiteten. In der modernen Forschungslandschaft ergäben sich zudem Verschiebungen zugunsten von Bereichen wie Bioinformatik oder Biomedizin. Neue Unterstützungsgesuche von Forschungsinstitutionen dagegen würden mit äusserster Zurückhaltung behandelt.

Wie aber kommt das Essen auf den Tisch?

Das AfA hat nun beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde eingereicht. Immerhin, sagt Moser, habe man sich im Rahmen eines bestehenden Gesetzes beworben: «Gemäss dem Gutachten des Wissenschaftsrates, der zur sachlichen Beurteilung dieser Gesuche geschaffen worden ist, erfüllen wir sämtliche Bedingungen, die der Gesetzgeber formuliert hat. Zudem wäre es ja grotesk, wenn eine Behörde, die den Begriff Innovation im Namen trägt, eine Förderung des AfA ablehnen könnte, nur weil dieses bisher keine Gelder der öffentlichen Hand erhielt.»

Der Entscheid des SBFI stösst vor allem im Ausland auf Unverständnis und Empörung, ist doch das AfA seit mehr als zehn Jahren in der international zunehmend gut vernetzten Community der AgrargeschichtlerInnen – der «rural historians» – der weitaus wichtigste Akteur aus der Schweiz. Beispielsweise vertrat das AfA zwischen 2005 und 2009 die Schweiz in wichtigen Forschungsvorhaben des COST-Projekts «Progressore». Und 2013 übertrug die European Rural History Organisation (EURHO) dem AfA in Bern die Durchführung der ersten, von rund 350 WissenschaftlerInnen besuchten EURHO-Konferenz, die seither alle zwei Jahre irgendwo in Europa durchgeführt wird.

Darüberhinaus sind Forschung und Dienstleistungen des AfA auch für die politische Öffentlichkeit in der Schweiz dringend nötig. Auch in Bern, wo man sich unterdessen schon für einen Agrarexperten halten darf, wenn man am Trottoirrand ein halbes Dutzend Radieschen züchtet und «Urban gardening» fehlerfrei aussprechen kann.

Moser: «Wir gehen heute alle davon aus, dass am Morgen, wenn wir aufstehen, der Tisch gedeckt ist. Gefragt wird nur noch: Was genau wollen wir auf dem Tisch? Teilen wir, oder teilen wir eher nicht? Und was machen wir mit dem Abfall, verbrennen oder recyclen? Aber woher das Essen kommt, unter welchen Bedingungen es von wem produziert worden ist – davon hat kaum mehr jemand eine grosse Ahnung.»

 

[Teil 2]

Als die Agrarfrage noch ein linkes Thema war

Im Archiv für Agrargeschichte in Bern setzt man sich zum Beispiel mit einer Debatte unter deutschen Sozialdemokraten um 1900 auseinander, die zeigt: Auch Linke sollten wieder mehr über die Agrarfrage nachdenken.

Die Potenziale der bäuerlichen Landwirtschaft in der Industriegesellschaft zu erkennen und politisch zu fördern, ist schwierig. Einfach ist es, mit Negativdefinitionen des Bäuerlichen vermeintlich recht zu haben: Bauern und Bäuerinnen sollen keine Massentierhaltung betreiben, nicht die Böden vergiften, keine Monokulturen betreiben, nicht mit «Agrarfabriken» die Landschaft verschandeln, nicht mit Subventionsforderungen nerven und natürlich nicht so viel verlangen für das Essen auf meinem Tisch.

Peter Moser, der Leiter des Archivs für Agrargeschichte (AfA), sagt: «Eine Fokussierung der Diskussionen über die bäuerliche Landwirtschaft auf das zu Vermeidende ist wenig kreativ und behindert zudem eine kulturelle Weiterentwicklung. Sinnvoller wäre eine Aktualisierung der Debatte um die Agrarfrage, die schon vor gut hundert Jahren einmal geführt worden ist.» Die Agrarfrage wurde in der Tat schon fundierter diskutiert als heutzutage.

Ist die Landwirtschaft ein Teil der Industrie?

Am Parteitag der sozialdemokratischen Partei Deutschlands von 1895 wurde beschlossen, die kontrovers diskutierte «Agrarfrage» «einem gründlichen Studium» zu unterziehen. Denn klar war nach den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts, «dass die Landwirtschaft ihre eigentümlichen, von denen der Industrie verschiedenen Gesetze» hat. Die wichtigsten Beiträge zu dieser Debatte waren in der Folge zwei Bücher: Karl Kautskys «Agrarfrage» (1899) und Eduard Davids «Sozialismus und Landwirtschaft» (1903). Ihre Ausgangsfrage lautete: Was ist Landwirtschaft und wie kann die landwirtschaftliche Produktion in einer Industriegesellschaft organisiert werden?

Kautsky war ein orthodoxer Marxist. Marx hatte im ersten Band des «Kapitals» postuliert: «Die kapitalistische Produktionsweise […] schafft […] die materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese des Vereins von Agrikultur und Industrie, auf der Grundlage ihrer gegensätzlich ausgearbeiteten Gestalten». Im Anschluss daran plädierte Kautsky für eine «Aufhebung der Scheidung von Industrie und Landwirtschaft», wobei die Landwirtschaft den Geboten der kapitalistischen Grossindustrie Folge zu leisten habe. Denn zweifellos werde «die Richtung der industriellen Entwicklung» auch «massgeblich für die landwirtschaftliche».

Dagegen argumentierte David, zwischen Industrie und Landwirtschaft gebe es einen grundsätzlichen «Wesensunterschied»: In der Landwirtschaft gehe es «um die Entwicklung lebender Wesen», in der Industrie «um die Verarbeitung toter Dinge». Die industrielle Güterherstellung sei ein «mechanischer», die landwirtschaftliche Produktion hingegen ein «organischer» Prozess.

Die vier Unterschiede 

In einem lesenswerten Essay hat der AfA-Mitarbeiter Juri Auderset den von David betonten «Wesensunterschied» an vier «Brüchen» zwischen Industrie und Landwirtschaft herausgearbeitet. Diese Brüche gibt es unverändert auch heute – trotz aller Bestrebungen zur Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft aus dem Geiste der Industrie:

• Biotische Brüche: Während die industrielle Produktion auf mineralische Ressourcen abstellt, die sie irreversibel verbraucht, um Produkte herzustellen, sind die biotischen Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft – Tiere und Pflanzen – Produkte und reproduzierbare Produktionsmittel gleichzeitig. Während Landwirtschaft mit Ressourcen arbeitet, die nur partiell, dafür als Produktionsmittel nachhaltig verfügbar sind, ist es in der Industrie umgekehrt: Deren Ressourcen werden vollständig, aber auch definitiv verschlissen: Aus einem Autopneu wird nie mehr Erdöl.

• Zeitliche Brüche: Während die maschinengetriebenen Produktionsstrassen der Industrie eine lineare und kontinuierliche Zeitstruktur und die Beschleunigung der Produktion nach Massgabe der Nachfrage ermöglichen, bleibt die Zeitstruktur in der Landwirtschaft zyklisch. Bauern können sich nicht um die Jahreszeiten foutieren, und gegen die Frostnächte vom 20. und 21. April letzthin hilft der stärkste Traktor nichts.

• Räumliche Brüche: Hier geht es um die Verfügbarkeit und die Nutzbarkeit der räumlichen Ressourcen. Während in der Fabrik der Raum so organisiert werden kann, dass das reibungslose und effiziente Ineinanderfliessen der Abläufe garantiert ist, ist der landwirtschaftlich genutzte Raum weitaus weniger veränderbar. Während in der Fabrik Arbeitsmittel und Arbeitkräfte fixiert werden und das entstehende Produkt an ihnen zur Bearbeitung «vorbeifliesst», ist in der Landwirtschaft das entstehende pflanzliche Produkt im Raum fixiert, die Arbeitsmittel und Arbeitskräfte arbeiten auf Äckern quasi «aufsuchend».

• Technologische Brüche: Aufgrund der Raumstrukturen entstand beim Einsatz motorisierter Technologie eine grosse Ungleichzeitigkeit. In der Industrieproduktion hatte sich die Dampfmaschine bereits Mitte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. In der Landwirtschaft war der Verbrennungsmotor jedoch dem «organischen Motor» der Zugtiere noch hundert Jahre lang unterlegen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Traktor in der Landwirtschaft immer mehr zum Einsatz. 

Der Reformismusstreit verschluckt die Agrarfrage

Durchgesetzt hat sich, so Peter Moser, im 20. Jahrhundert weder Kautskys industrielle «Agrarfabrik» noch Davids «reiner Landwirtschaftsbetrieb», sondern «jene Mischform von Industrie und Landwirtschaft, die uns heute in der Gestalt einer nach industriellen Prinzipien modellierten Landwirtschaft entgegentritt, die aber immer noch zu einem grossen Teil auf der Nutzung lebender Ressourcen basiert.» Von daher, so Moser, rücke die Frage, die Kautsky und David zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert haben, heute erneut in den Fokus: «Was ist bäuerliche Landwirtschaft? Welche Potenziale und Grenzen hat sie?»

Aber warum ist unter den Linken die Agrarfrage im 20. Jahrhundert nicht kontinuierlicher und differenzierter diskutiert worden?

Gibt man in die Suchmaske von Google das Wort «Agrarfrage» ein, erscheint als erste Nennung der Wikipedia-Eintrag zum «Reformismusstreit». Denn 1895 war die Agrarfrage Teil eines Streits zwischen städtischen, industrienahen marxistischen «Orthodoxen» und ländlichen, landwirtschaftsnahen «Reformisten» innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Auf dem Spiel stand die Frage, ob sich die SP in Richtung proletarische Klassenpartei oder in Richtung Volkspartei entwickeln sollte. Dieser Richtungsstreit entbrannte unter anderem an der Agrarfrage.

In dem Mass, in dem sich Kautsky damals durchsetzte, setzte sich eine gegenüber seiner ausgeklügelten Analyse weitaus undifferenziertere Perspektive der Landwirtschaft als Teil der «kapitalistischen Grossindustrie» durch – und prägt die linken Wahrnehmungen der Bauern als Handlanger der Reaktionäre bis heute. Für Eduard Davids sachkundigen Nachweis der Differenzen zwischen Industrie und Landwirtschaft jedoch, zu diesem Schluss kommt Juri Auderset, blieb «kaum mehr als die Ignoranz der Nachgeborenen».

Unter Verwendung von:

• Peter Moser: Zwischen Nachhaltigkeit und Effizienz. Ein Bäuerlich-historischer Blick auf die Potentiale und Grenzen der (bäuerlichen) Landwirtschaft, in: Der kritische Agrarbericht 2015, S. 154-158.

• Juri Auderset: Agrarfrage und Industriekapitalismus. Reflexionen über eine marxistische Debatte (noch nicht veröffentlicht). 

 

[Teil 3]

Es braucht das Archiv für Agrargeschichte!

Das Archiv für Agrargeschichte in Bern ist kein Hobby von Sonderlingen. Es widmet sich jener Geschichtsschreibung, die immer neu die Frage zu beantworten versucht: Wie kommt das Essen auf den Tisch? – AfA-Leiter Peter Moser erzählt.

«Die Frage ist: Wie gehen eigentlich Industriegesellschaften – oder später Konsumgesellschaften, die alles andere als postindustriell sind – mit dem Agrarischen um? Was wissen sie noch über einen Bereich, der im Produktionsprozess seine Grundlagen immer wieder herstellen könnte, wenn die Rahmenbedingungen dazu stimmen würden? Das bleibt auch im 21. Jahrhundert die zentrale Frage, obwohl wir in der westlichen Welt zurzeit davon ausgehen, dass sie gelöst sei. Doch nur weil wir kaufkräftig genug sind, um uns weltweit jederzeit mit Nahrungsmitteln einzudecken, heisst das noch lange nicht, dass die Ernährungsfrage gelöst ist.

Hier hat das Archiv für Agrargeschichte neben dem Archiv- und Forschungsbereich meines Erachtens auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Es ist ein Ort der Wissenschaft – also eine Institution, in der Wissen geschaffen wird, das den Menschen ermöglicht, im Ernährungsbereich nicht nur eine eigene Meinung zu haben, sondern sich auch selbst eine zu bilden.

Dazu eignet sich das Agrarische als historischer Verlierer besonders gut. Denn in der Regel stellen die historischen Verlierer die interessanteren Fragen als die Sieger. Zwar verfügen auch die Verlierer nicht über die Wahrheit. Aber im Gegensatz zu den Siegern sind sie immer wieder gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Deshalb lohnt es sich auch, die Argumente der bäuerlichen Bevölkerung zur Kenntnis zu nehmen. Zwar würde ich nicht sagen, dass die bäuerliche Bevölkerung im 20. Jahrhundert samt und sonders zu den historischen Verlierern gehört. Aber das Agrarische in einem umfassenden Sinne verstanden ist in dieser Zeit fast vollständig aus dem Bewusstsein der Industriegesellschaften verschwunden. In der englischen Sprache gibt es bezeichnenderweise für viele agrarische Phänomene gar keine präzisen Begriffe mehr – ein ‘peasant’ ist etwas anderes als ein ‘Bauer’ und dieser nicht das gleiche wie ein «farmer».

Spannend ist nun, dass das Agrarische zwar zu den historischen Verlierern gehört, gleichzeitig aber wie kaum etwas anderes zukunftsträchtig ist. Das macht es zu einem so interessanten wie relevanten Untersuchungsgegenstand. Denn nur das Agrarische kann im Produktionsprozess seine materiellen Grundlagen laufend erneuern: Eine Kuh gibt dann Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat. Gleichzeitig unterliegt die Nutzung von Tieren und Pflanzen aber auch engeren Wachstumsgrenzen – im Winter liegt der Boden brach – als der Verbrauch von Kohle und Erdöl, der kontinuierlich, rund um die Uhr und das ganze Jahr erfolgen kann. Mit anderen Worten: Die Landwirtschaft kann nachhaltig produzieren, die Industrie hingegen effizient verbrauchen. Dafür hat schon Eduard David in der Debatte mit Karl Kautsky einen klaren Blick entwickelt, den wir leider wieder verloren haben.

Die Versuche der Industriegesellschaften, ihre Agrarsektoren nach dem Vorbild der Industrie zu modellieren, setzen bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Damit entstand die Agrarfrage – und der bis heute anhaltende Wille, die Landwirtschaft radikal anders zu denken (und zu machen) als sie ist. Auf den Punkt gebracht hat diese Bestrebungen der Schaffhauser Regierungsrat Zacharias Gysel, selbst ein Bauer, als er 1854 das legendäre Buch schrieb: «Der Schaffhauser Bauer, wie er sein sollte, und wie er nicht ist, wie er ist, und wie er nicht sein sollte». 

Doch die Bestrebungen zur Industrialisierung des Agrarischen scheiterten immer wieder von neuen, respektive sie nahmen Formen an, die die Leute auf dem Land wie in der Stadt immer wieder irritierten. So erwies sich die Dampfmaschine im agrarischen Produktionsprozess als Fehlschlag. Sie war zwar stark, aber viel zu wenig beweglich. Im Gegensatz zur Industrie wuchs in der Landwirtschaft von der Mitte des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts deshalb die Zahl der Zugtiere, also der Pferde und Kühe, nicht der Motoren. Dafür galten bei der Entwicklung der Traktoren die Pferde bis in die 1950er Jahre als Vorbilder. Dieser Wissensaustausch zwischen Industrie und Landwirtschaft manifestierte sich auch auf der Ebene der Sprache: Den Traktor nannte man lange «Überpferd» und Pferde «organische Motoren».

Zur Analyse dieser spannenden, aber auch spannungs- und konfliktreichen Interaktionsprozesses haben wir im AfA das Konzept der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft entwickelt. Diese zeichnete sich dadurch aus, dass sie das Industrielle vor Augen hatte, in der Praxis jedoch auf die agrarischen Eigenheiten Rücksicht nahm. Dadurch entstanden komplexe, sozial und ökologisch äusserst vielfältige und interessante Verhältnisse, die aber alles andere als egalitär oder gar gerecht waren. Von dieser gegenseitigen Beeinflussung und sozialen Ungerechtigkeit geprägt war auch die Agrarpolitik der Industriegesellschaften. Sie nahm einerseits Rücksicht auf agrarische Eigenheiten wie die Saisonalität der Produktion, förderte aber gleichzeitig den erbarmungslosen Verdrängungskampf innerhalb der Landwirtschaft.

Als in den 1950er, -60er Jahren mit der Motorisierung und Chemisierung der Nahrungsmittelproduktion ein neuer Schub zur Industrialisierung der Landwirtschaft stattfand, begannen Agrarökonomen davon auszugehen, dass es gar keine grundlegenden Unterschiede zwischen Industrie und Landwirtschaft mehr gebe. Diese Annahme war eine Grundvoraussetzung dafür, das Agrarische im Rahmen des nun zunehmend dominierenden ökonomischen Theoriegebäudes überhaupt vermessen zu können. Denn die neoklassische Theorie interessiert sich nicht für die Produktion und Reproduktion lebender Organismen, sondern lediglich für die Verarbeitung und den Handel von Gütern und Dienstleistungen.

Erst die Negation der grundlegenden Eigenheiten der Agrikultur führte dazu, dass das, was man nun als das Agrarische wahrnahm, vollständig in Zahlen ausgedrückt werden konnte. Damit verschwand aber ein wesentlicher Teil der bäuerlichen Realität aus dem Blickfeld der Industriegesellschaft. Denn mit dem Sieg der Zahlen über die Sprache als Mittel zur Kommunikation des Agrarischen gingen dessen Eigenheiten buchstäblich verloren. Darauf hat die amerikanische Historikerin Deborah Fitzgerald vom Massachusetts Institut of Technology hingewiesen, mit der zusammen wir im Moment ein Forschungsprojekt zur Arbeit im Agrar- und Industriebereich durchführen. [vgl. «Forschungsprojekt Semantiken agrarischer und industrieller Arbeit»]        

Diese Einebnung der Unterschiede auf der Ebene des Wissens resp. Unwissens hatte kaum zu überschätzende Folgen. Wenn seither danach gefragt wird, weshalb die Landwirtschaft politisch anders reguliert wird als die Industrie, wissen auch Agronomen und Vertreter der landwirtschaftlichen Verbände in der Regel keine intelligentere Antwort mehr als diejenige, die Medien, Linke, Konservative und Liberale seit Jahrzehnten unisono gebetsmühlenartig repetieren: Weil die Bauern politisch erfolgreich seien und sich auf Kosten der Gesellschaft Subventionen und andere Privilegien zuschanzten.

Wie jeder Mythos beinhaltet natürlich auch dieses Narrativ ein Körnchen Realität. Auch in der Landwirtschaft gibt es Privilegierte. Doch im Kern geht dieses inflationär betriebene, ressentimentgeladene Reden über das Agrarische an der Realität vorbei. Es ist auch mehr als nur ein historiografisches Ärgernis. Denn es wirkt politisch destruktiv und fördert jene zynische Wahrnehmung des Agrarischen, die sich in den Online-Kommentaren beinahe täglich manifestiert. Wenn Frost, Hagel und Unwetter die Kulturen zerstören, fragen viele Kommentatoren in den ‘sozialen’ Medien heute bezeichnenderweise nicht mehr nach den allfälligen Folgen für ihre Ernährung, sondern enervieren sich lautstark, rechthaberisch und ignorant darüber, dass die betroffenen Bauern und Bäuerinnen nun angeblich Subventionen erhielten, ohne im Verlauf des Jahres weitere Arbeit leisten zu müssen.

In diesem Sinne hat das AfA meiner Einschätzung nach zusätzlich zu seiner zentralen Funktion in der Überlieferungssicherung und der historischen Forschung auch eine eminent politische Bedeutung: Hier wird Wissen geschaffen, das junge, interessierte Leute dazu ermächtigt, selbstständig über die historische und gesellschaftliche Bedingtheit der Ernährung und die Nutzung lebender Ressourcen nachzudenken und Handlungsstrategien zu entwerfen. Das ist etwas ganz anderes als über «Ökologie» als Gut zu reden, das man kaufen oder verordnen kann und sich damit zufrieden zu geben, dass sich die negativen Folgen des ökonomischen Drucks auf die Nahrungsmittelproduktion zunehmend ausserhalb der Schweizergrenzen abspielen

Vor genau hundert Jahren, 1917/18, führte die Nahrungsmittelverknappung in der Schweiz zu heftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen urbanen und landwirtschaftlichen Kreisen. Das ist allgemein bekannt. Dass aber gleichzeitig auch neue, zukunftsträchtige Formen der Kooperation zwischen Bäuerinnen vom Land und Konsumenten in der Stadt entstanden, ging im Verlaufe des 20. Jahrhunderts sowohl in agrarischen als auch in linken und liberalen Kreisen vollständig vergessen. Auch in der Geschichtsschreibung waren diese sozialutopischen Experimente kein Thema – bis sie im AfA thematisiert worden sind. Wer erinnert sich heute zum Beispiel noch an die ab Herbst 1918 von Max Kleiber geleitete landwirtschaftliche Kommune «Alte Vogtei» in Herrliberg? [vgl. Juri Auderset/Peter Moser: «Die Ernährungskrise von 1917/18 als agrarpolitische ‘Lehrmeisterin’» sowie Peter Moser: «Kein umstrittenes Thema mehr? Die Ernähungsfrage im Landestreik 1918»]

Das AfA braucht nicht Geld von der öffentlichen Hand, weil man hier die Lösungen kennen und konservieren würde, sondern weil wir hier kontinuierlich danach fragen und Interessierten unentgeltlich Informationen und Wissen zur Verfügung stellen, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können.»