Softy und Buhmann am Kompanieabend

Wird der Hauptmann eingeladen, am Kompanieabend sein Wort an die Truppe zu richten, so fragt der seinen Chef, ob er hingehen darf. Er darf, wenn er sich dran hält, dass alles, was interessiert, geheim ist. Dafür wird ihm erlaubt, den Feind fürchterlich mächtig darstellen. Das stärkt den Kampfgeist der Truppe. – So kam es, dass am 1. Berner Medientag die Chefredaktoren ihre Verlage vertreten durften. Sie taten ihr Bestes: Alles, was interessierte, blieb geheim, der Feind erschien grauenhaft entsetzlich, die Truppe dankte mit Applaus.

Die Idee, die Berner Medienszene zur öffentlichen Diskussion zu stellen, hatte die Redaktion der «Berner Tagwacht». Zusammen mit verschiedenen Medienorganisationen veranstaltete sie am letzten Samstag einen Berner Medientag mit Kurzreferaten, Arbeitsgruppen und Podiumsgesprächen. Höhepunkt war jenes, bei dem die Hauptmänner Beat Hurni (Chefredaktor der «Berner Zeitung»), Richard Müller (Geschäftsführer der «Berner Tagwacht») und Peter Ziegler (Chefredaktor von «Der Bund») ins erhellende Kreuzverhör genommen wurden.

Müller eröffnete fulminant, indem er auf die Einleitungsfrage, was seine grösste Sorge sei, genau das sagte, was er auf diese Frage seit Jahren sagt: «Kein Geld», um danach das unbeugsame Kämpfertum der links-grünen Redaktion, die er vertrat, hervorzuheben: «Nicht die Redaktion entscheidet, sondern, wie überall, die Werbeheinis in Zürich», und zwar über die Verteilung der Werbegelder.

Daraufhin brachte Hurni schweres Geschütz in Stellung. Hurni hat es vom SP-Basismitglied (Sektion Murten) zum Mitglied der Konzernleitung der Berner Tagblatt Medien AG gebracht und geniesst seither weit über die BZ hinaus den Ruf eines Leuteschinders und Antijournalisten. Er ortete den Feind interkontinental: In den Konzernzentralen in New York und Tokio, wo die Werbegelder von Schweppes und Coca Cola verteilt werden. Dort habe man die Schweiz vom Testmarkt zum Abfallmarkt degradiert. Schwere Verluste dürften prognostiziert werden: «Ein Drittel bis die Hälfte der Zeitungen verlieren in den nächsten Jahren ihre Unabhängigkeit.» (Die BZ verteidigt die ihre zäh: Sie gehört erst zu 49 Prozent der Tages Anzeiger AG). Zwischenruf: Ob die BZ so langweilig und profillos sein müsse, damit Schweppes inseriere. Hurni fulminant: «Entscheidend ist, dass man die Mittel hat für eine potente Redaktion.» Nur eine abonnierte Zeitung sei eine gute Zeitung. Mündige Leserschaft, Markt entscheidet. – Aber das Redaktionsklima, Herr Hurni! Man sagt, Sie regieren mit Kündigungsdrohungen und nachweislich mit Zensur! – «Sie können das Zensur nennen», zeigt Hurni Tapferkeit vor seinen Untergebenen. Aber ideologische Auseinandersetzungen gebe es nicht, es gebe nur guten und schlechten Journalismus. Dafür trage er die Verantwortung. Wenn Diskussion fruchtlos, dann Text raus – nötig sei eben «potente Redaktion», also Geld, also Werbeeinnahmen, diese rückläufig, weil Feind fürchterlich mächtig (New York, Tokio!) dafür BZ unabhängigkritischliberaletcetera.

Da ist Ziegler ein anderes Kaliber: Er hat eine Krawatte und die Eloquenz eines linken Intellektuellen (68er!): Sofort stellt er die richtige Frage (Was tun?), macht eine korrekte Quellenangabe (Lenin) und gibt auf die Wette des Journalisten Heinz Däpp, in zwei Jahren gebe es den «Bund» nicht mehr, die messerscharfe Antwort: Das Problem sei erkannt, man arbeite an Lösungen, in zwei Jahren könne er noch Genaueres sagen. So hält er die Stellung des anachronistischen Familienbetriebs «Der Bund», dieses Asterix-Dörfchens im römischen Reich der Publicitas (letztere hat beim «Bund» Vorkaufsrecht). Unversehens hinter den Palisaden der Blauäugigkeit hervor dann ein Hinkelstein voll auf Hurnis Achillessehne: Ziegler tritt auf die Barrikaden der Basisdemokratie, bekennt sich zu «kooperativer Führung» («zu 85 Prozent»), zum Gegenlesen (Chef, ich finde deinen Kommentar einfach genial), zum guten Journalismus (genügend Kommas, korrekte Quellenangaben). «Der Rest ist eine Frage des Klimas und des Vertrauens.»

Nach einer Stunde lehnen sich Buhmann und Softy zufrieden zurück. Die Truppe schnappt nach Atem: Jetzt hat’s der Chef der Konkurrenz aber gegeben. Am 2. Medientag soll auf Hurnis Anregung hin übrigens nach den überflüssigsten Chargen bei grösseren Tageszeitungen gesucht werden (Sparmassnahmen: New York, Tokio!). Arbeitstitel jener Veranstaltung: Wem und wozu dienen Chefredaktoren?

Eingebaut sind hier einige kleine Einschübe aus einer vorletzten Fassung, die ich in meinem elektronischen Textarchiv gefunden habe (fl., 7.2.2016).