Männer-Imponierspiele

Wird der amerikanische Präsident Ronald Reagan in einem SRG-Medium attackiert, dann brechen die Patrioten im Kampf gegen das SRG-Monopol gewöhnlich eine Lanze für ihren Präsidenten. Das war bei Dietmar Schönherr so (Reagan sei ein Arschloch vgl. WoZ 7/1981[1]), das war letztes Jahr bei Dorothee Sölles USA-Kritik so[2], das war so, als das Fernsehen auf das Reagan-Attentat[3] zu wenig schnell reagierte («Reagan-Panne»).

Und so war es auch, als der Schriftsteller Fritz H. Dinkelmann in der Radiosendung «Graffiti kursiv» als Wochengast am 22. Juli 1984 über das Tagebuchschreiben in Anbetracht von Leuten wie Reagan nachdachte. In Bezug auf dessen kürzliche Krebsoperation meinte er, dieser Mann werde weiterwuchern, in Nicaragua und in Europa: «Seit Hitler hat man zu wissen, wie ein Tyrann beschaffen ist und handelt; dass man als Bürger das Recht, die Pflicht hat, ihn zu… Reagan ist mit Hitler nicht zu vergleichen, schon deshalb nicht, weil der amerikanische Präsident bekanntlich unverwüstlich ist. Ein wüster Trost.» Dinkelmann sagte ich gleichen Beitrag unter anderem auch: «Schriftsteller sind Leute mit viel Gepäck, aufgesammelt von Leuten, die es eilig hatten wegzukommen und es sich leichter machen wollten, Leute ohne Zwischenfälle»; und er sagte auch: ,‘zwischen den tagen die alten zu haben / zwischen den fragen die leisen von gestern / zwischen dem letzten die laute, die ersten.’ Seit einer Woche arbeite ich an diesem Gedicht, ‘Zwischenfall’ könnte es heissen.» Diese Passagen haben in der Folge niemanden interessiert.)

An diesem Nachmittag sass der NZZ-Lokalredaktor Andreas Honegger vor dem Radio auf der Suche nach einer sauren Gurke. Nach Dinkelmanns Beitrag seufzte er erleichtert auf und klemmte sich mit seinem gefundenen Fressen hinter die Schreibmaschine: «Mehr als nur schlechter Geschmack […] Kommentar von bodenloser Einseitigkeit und dieser niederträchtigen Art.»

Als Dinkelmann am nächsten Tag mit seiner neuen Tagebuchseite ins Radiostudio kommt, hat man dort die NZZ bereits gelesen. Man will seinen Text vor der Ausstrahlung sehen, Dinkelmann wird sauer und redet von Zensur. Unterdessen erwägt die Stadtzürcher SVP wegen Dinkelmanns «bewusster, unreflektierter Provokation» bereits öffentlich eine Konzessionsbeschwerde. Am 30. Juli: SRG-Generaldirektor Leo Schürmann und sein Programmdirektor Andreas Blum veröffentlichen ein gemeinsames Communiqué, wonach Dinkelmann durch seine «beleidigenden Äusserungen» sein «Gastrecht missbraucht» habe, sie wiedersprächen sowohl «den Programmgrundsätzen wie auch der Konzession». Die SRG entschuldige sich.

Das letzte Wort in dieser ersten Runde hatte Dinkelmann selber, der am 5. August im CVP-nahen «Vaterland» ausführlich zu Wort kommt: «Ich habe keine so hysterische Reaktion erwartet.» Die auffallendste bis dahin: Die SRG entschuldigt sich neuerdings für Konzessionsverletzungen, noch bevor auch nur geklagt worden wäre. Und: Niemand hat gewagt, Dinkelmann inhaltlich zu stützen, als ob Reagans Unverwüstlichkeit kein wüster Trost wäre, und als ob niemand gemerkt hätte, dass Dinkelmann einen sensiblen, geschliffenen und exakt gearbeiteten Text verlesen hat. Natürlich ist der erfolgreiche JournalistInnen-Streik bei der BBC in London letzte Woche um die Ausstrahlung eines Films über Nordirland in unserem Zusammenhang ein schiefer Vergleich. Aber welches ist der Inhalt, den durchzusetzen sich in diesem Land JournalistInnen zu einem Streik entschliessen würden?

Am gleichen 5. August lancierte die «Schweizer Illustrierte» (SI) die zweite Runde: Sie lenkte vom SP-nahen Dinkelmann ab und rückte den SP-alt-Nationalrat Blum ins Kreuzfeuer. Blum hatte nämlich dem Entschuldigungscommuniqué Schürmanns offenbar nur unter Druck zugestimmt und sagte nun: «Es ist in meinen Augen falsch, auf unverhältnismässiges Geschrei eines schmalen Spektrums der veröffentlichten Meinung vorschnell in dieser Weise zu reagieren.» Am 8. August doppelte er in einem «Blick»-Interview nach: «Eine kritische Position gegenüber den bestehenden Verhältnissen ist heute zwangsläufig eine ‘linke’», und: Ohne NZZ-Honeggers Kritik «wäre es nicht zu dieser publizistischen Inszenierung der Hysterie gekommen».

Nun war die NZZ dran. Blum rücke die SRG «in ein denkbar schiefes Licht» und steuere «einen Kollisionskurs»: «Nicht nur das Publikum fragt sich, wie lange ein solcher Mann als Radiodirektor noch tragbar ist». (9.8.) Paff, das hatte der SP-Chef Helmut Hubacher jetzt davon, dass er einige Tage zuvor die Unverschämtheit gehabt hatte, den Rücktritt des Armee-Ausbildungschefs Roger Mabillard zu verlangen. Einen Tag nach der NZZ fordern Christian Beusch (Pressechef FDP), Max Friedli (Generalsekretär SVP) und Edgar Oehler (CVP) im «Blick» Blums Kopf. Das ist so happig, dass «Blick»-Chefredaktor Uebersax in einem 22-zeiligen Kommentärchen (inkl. Titel) auf liberal machen kann: «Blick meint: Belasst Blum in seinem Job. Er weiss jetzt sicher, dass er im Porzellanladen der schweizerischen Politik leiser zu treten hat.» Nach intensivem «Blick»-Studium weiss am 12. August dann auch der «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Studer, was er zu schreiben hat: «Solange Blum erfolgreich Programme konzipiert und energisch berufskulturelle Massstäbe durchsetzt, halte ich Forderungen nach seinem Kopf für beschämend», verteidigt er Blums «libertäres Temperament».

Wow, war das spannend! Eine Sommerflaute lang wurde streitbare Demokratie simuliert. Selbstverständlich – so gut kennen wir mittlerweile den innenpolitischen Porzellanladen – haben alle nur so getan, als ob sie Geschirr zerschlagen wollten: Blum wird so wenig zurücktreten wie Mabillard, und Reagan wird sich herzlich freuen, wenn er vernimmt, dass er in der Schweiz sogar ein Sauregurken-Thema ist. Immerhin fällt auf: Die sogenannten Fälle Dinkelmann und Blum sind hundertprozentige Medienereignisse, von Medienprofis mit und über Medienprofis gemacht, ein «politisches» Schattenboxen nach dem Geschmack von dösenden Badegästen: SVPler und FDPler verklopfen mit Gebrüll zwei SPler und die CVPler machen die Ringrichter. Und noch eines fällt auf: Es spielten nur Männer mit.

Wie alle Männer-Imponierspiele ist aber auch dieses nicht ganz folgenlos: Die Berner DRS 3-Redaktion, im Gegensatz zu den Redaktionen in Basel und Zürich der Meinung, sie seien nicht ausschliesslich zum Plattenauflegen und Moderieren angestellt, sondern eigentlich JournalistInnen, wurden intern völlig hängengelassen. Bis heute haben sie sich über den Gang der Ereignisse nur durch die Presse informieren können. Barbara Bürer, redaktionell für den Dinkelmann-Beitrag verantwortlich und durch das SRG-Communiqué öffentlich diskreditiert, konnte gegenüber den Herren Schürmann und Blum nicht Stellung nehmen. «Wir werden mehr angepasste Sachen machen müssen», vermutet man auf der «Graffiti»-Redaktion.

So wird es wohl sein: Die Schattenboxer planen ihre nächsten Auftritte; dort, wo gearbeitet werden soll, wird’s härter. Und Dinkelmann? Ihm hätte es ja recht sein können, dass sein Name derart durch die Presse ging, wo sein Roman «das Opfer» noch fast druckfrisch in den Buchläden liegt. Der Preis dafür waren neben den kleinen Anfeindungen, dem Geschnittenwerden, allerdings Stösse von ehrverletzender anonymer Post und zwei Morddrohungen.

[1] Als SRG-Talkshow-Moderator sagte Schönherr damals laut «Spiegel» 48/1981 vom 23.11.1981: «‘Ich kann nur ein Gespräch führen’, erläuterte der Tiroler, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, seinen vier Gästen auf alemannisch, ‘in dem sich jeder frei äußern kann.’ Denn: ‘Ich kann mich genauso aufregen über Herrn Reagan oder so ein anderes Arschloch.’» Dieser Artikel im «Spiegel» hat auch übermittelt, wie die WoZ damals ihren Kommentar zum Thema auf dem Kioskplakat zu vermarkten versucht hat, nämlich mit der Zeile: «Ist Reagan etwa kein Arschloch?»

[2] Worauf genau angespielt wird, ist unklar. In einem Interview mit dem «Spiegel» kritisierte Sölle am 10. Oktober 1983 Reagans Versuch, «die Sowjet-Union zu Tode zu rüsten durch eine Aufrüstung, die sie ökonomisch nicht durchhalten kann, auf daß die USA wieder Nummer eins werden».

[3] Am 30. März 1981 wurde Ronald Reagan von einem offenbar psychisch kranken Täter angegriffen und angeschossen.