Damenopfer auf dem Ballenberg

 

Zur Vorgeschichte: Was will eine kritische Historikerin als Leiterin auf dem Ballenberg? – Eine Nachfrage im März 2013.

 

Zu den Online-Versionen der beiden Beiträge:

Wie weiter nach dem Abgang von Katrin Rieder? – Ein Gespräch mit dem Ballenberg-Stiftungsrat und Nationalrat Matthias Aebischer (SP). 

Warum Katrin Rieder gegangen wurde. – Ein Kommentar in fünf Thesen. 

 

[8. 8. 2014]

I Wie weiter nach Katrin Rieders Abgang?

 

Journal B: Matthias Aebischer, Sie sind Stiftungsrat des Freilichtmuseums Ballenberg. Warum haben Sie die Direktorin Katrin Rieder entlassen?

Matthias Aebischer: Genau diese Frage hat mir letzthin ein Journalist gestellt und mir am Telefon zu dieser Entlassung eine Medienmitteilung vorgelesen, über die ich als Stiftungsrat erst Stunden später offiziell informiert worden bin. Diese Art der Kommunikation innerhalb der Ballenberg-Stiftung hat mich derart aufgeregt, dass meine erste Reaktion war: Aus einem solchen Stiftungsrat kann man nur zurücktreten. 

Auf dem Papier gehören Sie aber tatsächlich jenem Gremium an, das Rieder entlassen hat.

Das stimmt. Bloss ist mein Titel «Stiftungsrat» in diesem Zusammenhang eine Farce. Im Jahresbericht 2013 [Seiten 44-47, fl.] sind Struktur und Namen des Stiftungsrats aufgelistet. Es gibt einen «Geschäftsleitenden Ausschuss» von fünf Personen, dazu zwölf «übrige Mitglieder des Vorstandes» und schliesslich «Mitglieder des Stiftungsrates». Diese gut fünfzig Personen, von Toni Brunner über Werner Luginbühl bis zu mir selber, haben nichts zu sagen und bilden faktisch ein Patronat: Man gibt seinen Namen für eine Sache, hinter der man steht. Mehr ist das im Ballenberg-Stiftungsrat nicht.

Der erste Gedanke sei gewesen zurückzutreten, sagen Sie. Wie ging es weiter?

Ich kenne Katrin Rieder nicht sehr gut. Aber alles, was ich von ihr und über ihre Arbeit hörte, hat mich überzeugt. Sie war auf dem richtigen Weg. Dass man die Garantin für diesen Weg hinausstellt, hat mich wütend gemacht.

Ich habe mich dann entschlossen, mich selber kundig zu machen. Deshalb rief ich Rieder und den Stiftungsratspräsidenten Yves Christen an. Nach dem Gespräch mit Rieder war klar, dass sie selber zwar enttäuscht, aber überzeugt ist, es lohne sich weiterhin, für das Freilichtmuseum zu kämpfen. Das war für mich ein wichtiger Punkt, den Rücktritt zu vergessen.

Und was sagte Christen, der als ehemaliger Nationalratspräsident ja immerhin ein prominenter Politiker ist?

Ich sagte ihm, ich sei wütend und er entschuldigte sich, es seien tatsächlich Kommunikationsfehler passiert. Er überzeugte mich davon, dass der erste Eindruck, regionale Rechtsbürgerliche hätten mit Rieder eine Linke aus der Stadt rausgekickt, so nicht stimmt. Nach allem was ich heute weiss, bin ich überzeugt: Was auf dem Ballenberg passiert ist, hat keinen solchen politischen Hintergrund. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» hat Christen ja verlauten lassen, Rieder sei «zu forsch und zu wenig bescheiden» aufgetreten für den Berner Oberländer Geschmack. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt.

Jetzt ist Rieder weg. Sie wollte das Freilichtmuseum in Richtung eines nationalen Kompetenzzentrums für ländliche Kultur- und Sozialgeschichte weiterentwickeln. Geht es jetzt wieder umgekehrt in die Richtung einer Versimpelung des Ballenbergs zu einer rechtsnational imprägnierten Tourismus-Attraktion?

Was ich sagen kann: Christen will Rieders Linie weiterverfolgen. Und das ist der richtige Weg, gerade auch, weil dort ein ganz anderes Publikum erreicht wird, als wenn man zum Beispiel die aktuelle Sonderausstellung «Verdingkinder reden – enfances volées» in einer Stadt zeigt.

Im übrigen bestreite ich, dass der Ballenberg je nur «bluemets Trögli» gewesen ist. Ich denke an die Theateraufführungen, an die Vermittlung von alten Handwerken, an all die anderen Veranstaltungen…

Immerhin: Solange man nicht weiss, wer nun die Direktion übernimmt, weiss man auch nicht, ob die Inszenierung einer mythischen Idealschweiz zu neuen Ehren kommt. Sie machen trotzdem weiter.

Ich habe mich im Moment entschieden, als Stiftungsrat aktiv zu bleiben, weil ich will, dass es mit dem Ballenberg gut weitergeht. Aber ich habe Bedingungen.

Nämlich?

Erstens muss der Stiftungsrat neu strukturiert werden. Von mir aus kann man den so genannten Stiftungsrat abschaffen oder zu einem Patronat respektive Beirat umfunktionieren. Ich will einfach nicht für Dinge verantwortlich gemacht werden, zu denen ich nichts zu sagen hatte. Die Zusammensetzung von Ausschuss und Vorstand kann man beibehalten: Dort sind Leute aus der ganzen Schweiz versammelt, was den nationalen Charakter des Freilichtmuseums unterstreicht.

Und zweitens: Christens Rücktritt als Präsident ist absehbar. Ich will eine Garantie, dass eine Nachfolge bestimmt wird mit vergleichbarer nationaler Ausstrahlung und vergleichbarer regionaler Unabhängigkeit.

Nun ist es ja so, dass Sie Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sind. Am 13. Juni hat der Ständerat eine Motion gutgeheissen, wonach das Freilichtmuseum Ballenberg «einen substantiell höheren Beitrag an die Betriebskosten und den Investitionsbedarf» erhalten soll. Die WBK muss die Motion nun also für den Nationalrat vorberaten.

Das ist so. Die Motion von Werner Luginbühl ist für Ende August traktandiert. Meine Position: Rieders Linie ist die richtige. Der Ballenberg muss immer mehr zu einem nationalen Kompetenzzentrum werden, das wissenschaftlich fundierte, gut vermittelnde Museumsarbeit leistet. Von daher will ich genau wissen, wofür diese Bundesgelder eingesetzt werden sollen. Ich will mit anderen Worten einen Finanzplan sehen, bevor ich in der Herbst- oder Wintersession im Rat in dieser Sache das Wort ergreife.

Zusammengefasst verstehe ich die Geschichte um Rieders Entlassung so: Sie machte zwar keine grösseren Fehler und hatte den richtigen Plan für das Freilichtmuseum, aber sie war trotzdem die falsche Direktorin.

(zögert) Ich sage das nicht so. Aber es ist tatsächlich möglich, dass im Stiftungsrat Ausschuss und Vorstand zum grösseren Teil dieser Meinung sind. 

 

[15. 8. 2014]

Warum Katrin Rieder gegangen wurde

 

Katrin Rieder und die Zuständigen des Freilichtmuseums schweigen. Alle anderen spekulieren. Auch Journal B. – Fünf Thesen zu Rieders Rausschmiss als Direktorin des Freilichtmuseums Ballenberg.

26 Historiker und Historikerinnen haben am 11. August einen Offenen Brief an den Stiftungsrat des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg geschickt. Überschrieben ist die Solidaritätsnote für die geschasste Kollegin Katrin Rieder mit «Ersuchen um öffentliche Stellungnahme und zum künftigen Kurs». Kritisch angesprochen wurden die unprofessionellen Führungsstrukturen der Stiftung, der Vertrauensverlust der Institution in der Öffentlichkeit durch die aktuellen Vorgänge und die Frage, wie in Zukunft eine wissenschaftlich fundierte Geschichtsvermittlung gewährleistet werden soll.

Hinter diesem Brief steht unausgesprochen die Frage, die im Moment alle stellen: Warum musste Rieder gehen? Nachdem sich nun am 14. August in einem Interview der Stiftungsratspräsident Yves Christen in der «Berner Zeitung» unter dem Print-Titel «Es konnte so nicht weitergehen» ausser Stande sah, plausibel zu erklären, wie es denn gegangen sei, bevor es nicht mehr weiterging, ist die Konfusion komplett. Im übrigen halten sich beide Parteien eisern an eine Stillschweigevereinbarung, die im Rahmen von Rieders faktischem Rauswurf getroffen worden ist.

Hier fünf Thesen zum Thema:

1. Die These von der Blocher-SVP

Auf dem Ballenberg hat die Blocher-SVP geputscht, weil sie dort nächstes Jahr ein rechtsnational imprägniertes Neutralitätsparadies zelebrieren will, das angeblich die historische Folge der Schlacht bei Marignano vor 500 Jahren sei. Weil sich Rieder für so etwas nie hergegeben hätte, sei der SVP-Präsident Toni Brunner an die Stiftungsratssitzung vom 27. Juni gereist, um ihre Entlassung in die Wege zu leiten. – Allerdings: Brunner gehört – wie zum Beispiel SP-Nationalrat Matthias Aebischer – zu jenem Teil des Stiftungsrats, der als faktisches Patronat in die Entscheide des Stiftungsratsvorstands nicht einbezogen wird. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass Brunner, wie Aebischer, von Rieders Kündigung aus den Medien erfahren hat. Richtig ist allerdings, dass die Blocher-SVP nun versuchen kann, auf die Nachfolgeregelungen für Rieder und für Christen, der 2015 zurücktreten will, Einfluss zu nehmen.

2. Die These von der Bernburger-Rache

Katrin Rieder sei Opfer einer Intervention der Burgergemeinde Bern geworden, die sich so für deren streitbare Dissertation «Netzwerke des Konservativismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert» habe rächen wollen. – Gegenargument: Hätte die Burgergemeinde tatsächlich genügend Einfluss auf dem Ballenberg und wäre es ihr tatsächlich um einen solchen Racheakt gegangen: Warum hat sie dann Anfang 2012 nicht gleich Rieders Wahl verhindert?

3. Die These von der sexistischen Doppelmoral

Katrin Rieder wurde abgeschossen, weil sie eine Frau ist. Wäre sie ein Mann, wäre ihre kompetente, direkte Art zu kommunizieren und zu führen respektiert und geschätzt worden. – Sicher ist: Rieder hatte bei den 170 Angestellten auf dem Ballenberg Rückhalt. Ihre kooperative, kompetente und integre Art zu führen, wurde, wie man hört, geschätzt. Es hat seit ihrem Rauswurf sogar (mindestens) zwei Solidaritätskündigungen gegeben. Rieder ist als Frau also nicht «gegen unten», sondern «gegen oben» gescheitert: gegen die Regionalfürsten und die Männerphalanx im Ausschuss und im Vorstand des Stiftungsrats. Dass die beiden einzigen Frauen des Vorstands, Christine Egerszegi und Ursula Haller, bei der entscheidenden Sitzung ferienabwesend und vorgängig nicht informiert worden waren, passt dazu (Bund, 30.7.2014).

4. Die These vom «Trauffer-Clan»

Dass die Sippe von Katrin Rieders Vorgänger Walter Trauffer im Freilichtmuseum ökonomische Interessen zu verteidigen hat, ist bekannt: Bis zum 8. August 2013 präsidierte Trauffer die Ballenberg-Restaurations AG, die die Restaurants und die Verkaufsläden des Freilichtmuseums betreibt. Hier fliesst demnach zusammen, was eine Viertelmillion BesucherInnen pro Jahr für ihren Konsum ausgeben. Am 8. August 2013, so steht es im Schweizerischen Handelsamtsblatt SHAB, wurde Trauffer von Rieder abgelöst. Was sie als Präsidentin dieser AG getan und geplant hat, ist nicht bekannt. 

Bekannt ist aber: Bereits am 24. Januar 2014 gab sie Ihre Funktion, freiwillig oder unfreiwillig, wieder ab – und zwar ausgerechnet an den 35jährigen Marc Trauffer, der Neffe respektive Göttibub von Walter Trauffer und als Popsänger eine nachgerade nationale Grösse ist («Brienzersee, du bisch mis Meer»). Vor allem aber ist er der Geschäftsführer der Trauffer Holzspielwaren AG, die ihre Produkte selbstverständlich auch auf dem Ballenberg vertreibt. Kurzum: Der Ballenberg ist die Alp, auf der massgeblich der «Trauffer-Clan» die Chueleni melkt. Dazu kommt: 2013 ist dieser Marc Trauffer in den geschäftsleitenden Ausschluss des Stiftungsrats gewählt und sofort zum 2. Vizepräsidenten gemacht worden. 

5. Die These von der Angst vor Bundesbern

Am 21. März 2014 reichte das Ballenberg-Stiftungsratsmitglied Werner Luginbühl als Ständerat eine Motion ein mit der Forderung, der Bund solle sich mit einem «substantiell höheren Beitrag» an den Betriebskosten und dem Investitionsbedarf beteiligen. Rechnet man die Zahlen in der Begründung der Motion hoch, kommt man auf den kolportierten Betrag von knapp 90 Millionen Franken innert zehn Jahren. Rieder und Christen begründeten bei dieser Gelegenheit die Forderung mit dem dringend nötigen besseren Schutz und Unterhalt von Sammlung und Infrastruktur sowie mit der wissenschaftlichen Erschliessung des Museumsbetriebs.

Es liegt auf der Hand: Die Strategie, sich in einem solchen Mass auf öffentliche Gelder abzustützen, würde einen grösseren Einfluss von Bundesbern und umgekehrt einen Macht- und Kontrollverlust der Regionalfürsten bedeuten. Für alle, die auf dem Ballenberg die Chueleni melken, muss deshalb die Meldung vom 13. Juni, Luginbühl sei es gelungen, gegen den Willen des Bundesrates eine Ständeratsmehrheit hinter seine Motion zu bringen, eine Hiobsbotschaft gewesen sein.

Jetzt musste gehandelt werden: Man entliess ohne nachvollziehbare Argumente Rieder und inszenierte die Entlassung so dilettantisch, dass man hoffen darf, in der Herbstsession werde eine Mehrheit des kopfscheu gemachten Nationalrats die Motion Luginbühl bachab schicken. Damit wäre der Macht- und Kontrollverlust abgewehrt und in den heimligen Brienzer Stuben wären erst noch die langen Herbstabende gerettet, in denen man herzhaft über Bundesbern schimpfen könnte, das der gebeutelten Randregion nicht einmal die 90 Millionen gegönnt habe. Und: So oder so ist man Rieder los – ein erwünschter Kollateralschaden.

Am Nationalrat liegt es nun, zwei Fragen zu beantworten.

• Zum einen: Yves Christen sagt im BZ-Interview, für das Freilichtmuseum werde «wesentlich weniger Geld nötig sein» als die in der Motion Luginbühl geforderten 90 Millionen – ein Betrag, den Christen im März selber noch für nötig hielt. Was stimmt jetzt? Hat Ständerat Luginbühl dem Ballenberg unbegründet Geld zuschanzen wollen oder krebst Stiftungsratspräsident Christen jetzt, nach der Machtdemonstration der Regionalfürsten, zurück?

• Zum anderen: Will der Nationalrat ein nationales Kompetenzzentrum für ländliche Kultur- und Sozialgeschichte oder doch lieber eine regionale Vetterliwirtschaft von Männerbündlern und Krämern?

Am 14. August 2014 sprach die «Berner Zeitung» den freisinnigen Ballenberg-Stiftungsratspräsidenten Yves Christen auf die Motion Luginbühl und die geforderten 90 Millionen Franken an. Er antwortete: «Es wird wesentlich weniger Geld nötig sein.» Damit distanzierte er sich nicht nur von seinem Stiftungsrat Luginbühl, der als Ständerat die Motion eingereicht hatte, sondern besiegelte gleichzeitig das Schicksal des Vorstsosses. Am 28. August hat die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats unter Matthias Aebischers Vorsitz die Motion Luginbühl mit 13 zu 3 Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Am 10. September ist der Nationalrat seiner Kommission «stillschweigend» gefolgt. Zu diskutieren hätte es im Parlament mit dem besten Willen nichts mehr gegeben.

Am 6. Mai 2015 hat der Berner «Bund» unter dem Titel «Reform im Ballenberg» dann vermeldet, dass in einer ausserordentlichen Sitzung der siebzigköpfige Stiftungsrat sich selbst entmachtet, Vorstand und geschäftsleitenden Ausschuss abgeschafft und das Gremium auf minimal sieben bis maximal dreizehn Mitglieder verkleinert habe. Zudem gab Yves Christen (FDP) das Präsidium an Peter Flück (FDP) weiter: «Beide machten deutlich, dass die Krise des vergangenen Jahres mit dem unerwarteten Abgang von Direktorin Katrin Rieder und mit dem Hüst und Hott rund um finanzielle Forderungen an den Bund eine Erneuerung der Stiftung nötig machten.» [Hervorhebung: fl.]