Die Vertreibung

Nun ist die offene Drogenszene auf der Kleinen Schanze in Bern geräumt worden. Die Stadtpolizei spielt mit den Junkies Katz und Maus kreuz und quer durch die Altstadt. Die Drogenanlaufstelle «Nägeligasse» steht vor dem Kollaps. Die Vorbereitungsarbeiten für die obrigkeitlich angedrohte 800-Jahr-Feier der Stadt Bern verlaufen planmässig.

Freitag, 30. November, 08.00 Uhr: Polizeigrenadiere riegeln das Schänzli, den kleinen Park westlich des Bundeshauses, ab. Das zerschlissene Zelt der «gedeckten Wasserstelle» ist leer. Die Arbeiter des Strasseninspektorates packen an: Das Zelt wird abgebrochen, der Wasseranschluss entfernt, ein Kran hebt den ehemaligen Fixerraum, einen seit Monaten verriegelten Wohncontainer, weg. Den Grenadieren gegenüber stehen einige Dutzend hilfloser Engagierter, unter ihnen die städtische Schuldirektorin Joy Matter. Wie 1987 bei der Zaffaraya-Räumung ihre Vorgängerin Gret Haller bricht sie an diesem Morgen das in der Stadtregierung herrschende Kollegialitätsprinzip. Sie habe im Gemeinderat gegen diese Räumung gestimmt, sagt sie. Das Vorgehen des Polizeidirektors Marco Albisetti sei «unmenschlich», weil es den Drogensüchtigen «das eigene, wenn auch schlechte soziale Netz» zerstöre.

Die letzten Junkies haben an diesem Morgen das Schänzli vor dem Eintreffen der Polizei verlassen. Sie sammeln sich neu im Kocherpark, ein paar hundert Meter stadtauswärts. Dort bricht ein Junkie zusammen, «o. d.», over dose, mit Blaulicht braust die Sanitätspolizei heran. Ihr folgen am Mittag die Kollegen der Stadtpolizei. Ihr Auftrag lautet: «Vermehrte Kontrolle und Uniformpräsenz» (so der Polizei-Pressesprecher Christoph Hauser), resp.: «Gegen die offene Drogenszene muss immer und überall eingeschritten werden» (so Albisetti). Die Junkies werden aus dem Kocherpark vertrieben, sammeln sich neu hinter dem Bundeshaus auf der Bundesterrasse, werden weitergetrieben in die Altstadt, in den Bahnhof, hinunter ins Marziliquartier und wieder auf die Bundesterrasse.

Um halb sieben öffnet in der Altstadt die Anlaufstelle Nägeligasse. Dort gibt es neben einem Fixerraum einen geheizten Aufenthaltsraum, zu essen und zu trinken. Diese Anlaufstelle wird an den folgenden, kalten Abenden des Wochenendes völlig überrannt: Dutzende von Leuten draussen auf dem Trottoir. Auf der Treppe, die in den Aufenthaltsraum hinunterführt, kaum ein Durchkommen: «Guete Sugar, guets Coci!», Geld und Briefchen gehen hin und her. Der Aufenthaltsraum ist hoffnungslos überfüllt, Hektik, Rauch, Lärm. Vor dem eigentlichen Fixerraum stehen sie Schlange, gefixt wird jedoch überall, die Verbotstafel «NO DEAL»: ein schlechter Witz. Alle verfügbaren Angestellten der Anlaufstelle sind da, bleiben mit ihren Bemühungen irgendwo im Gedränge stecken. (Am Montag beschliessen sie an einer Teamsitzung, die Anlaufstelle mindestens noch bis zum kommenden Wochenende weiter zu betreiben. Eine längere Perspektive hat in der Berner Drogenpolitik nur noch der Polizeidirektor.)

«Eigentlich müssten wir alle jetzt die Arbeit niederlegen. Wir sind das Auffangbecken für den Scheissdreck des Gemeinderates.» Gassenarbeit sei im Augenblick kaum mehr möglich. Die Folgen der städtischen «Search and destroy»-Politik sind in der Tat zwangsläufig: Das soziale Netz der Junkies wird zerstört, «uselaa und inelaa» bedeutet wieder vermehrt: Isolierung, Stress, Gehetztsein; eine Überdosis in der erzwungenen Anonymität einer Beizentoilette ist tödlich. Die vermehrten Polizeikontrollen auf der Gasse kriminalisieren die Schwächsten der Drogenhierarchie (der etablierte Beizendeal zum Beispiel bleibt unbehelligt). Die meisten Dealer meiden in diesen unsicheren Tagen die Gasse, schon übers letzte Wochenende ist der Stoff knapp geworden, tagsüber sieht man Junkies auf der Gasse frierend, bleich und gestresst «den Aff schieben». Was überhaupt noch zu kaufen ist, besteht aus sieben bis zehn Prozent Heroin, der Rest ist Dreck, von Rohypnol über Gips bis zu Rattengift. Die FilterlifixerInnen, die auf dem Schänzli an ihren Tischchen die einzige gasseneigene Infrastruktur betrieben haben, indem sie gegen die Filter gebrauchter «Pumpen» neue abgaben, sind verschwunden. Diese Abgabe von sauberen Spritzen, die einzig sinnvolle suchtbegleitende AIDS-Prävention, ist weitgehend verunmöglicht, der Tausch gebrauchter Spritzen unumgänglich: neben AIDS wird so «dr Giub», die Gelbsucht übertragen. Aus all dem folgt zwangsläufig die galoppierende physische und psychische Verelendung der Junkies. In der heiligen Zeit des Weihnachtsgeschäfts, in den letzten Wochen vor Bern-800 und CH-700 bleibt an drogenpolitischen Perspektiven somit eine einzige Maxime: Wenn immer mehr Junkies an AIDS verrecken oder sich wie früher zu Tode fixen, löst sich das Drogenproblem ja dann schon irgendwie.

Zum Glück hat Bern noch einen Gesundheitsdirektor. Er heisst Klaus Baumgartner, ein Sozialdemokrat des Gewerkschaftsflügels, der viel und gern plaudert, dafür nie etwas Unpopuläres tut und deshalb schon jetzt, zwei Jahre vor den nächsten Wahlen, als neuer Stadtpräsident im Gespräch ist. Er hat die Räumung des Schänzlis mit dem bemerkenswerten Satz kommentiert: «Ich habe keine Instrumente und Argumente mehr, mich dagegen zu wehren.» («Berner Zeitung», 6.11.1990) Dafür hat er versprochen, man werde auf dem Schänzli erst vorgehen, wenn ein «ausreichendes Ersatzangebot» zur Verfügung stehe («Bund», 9.11.1990). Im einzelnen hat er folgendes versprochen: erstens «fünf Wohnungen für obdachlose Abhängige» («Berner Zeitung, 30.11.1990). Zweitens die «dringend notwendige zweite Anlaufstelle», die er laut «Berner Tagwacht» frühestens Anfang März, laut «Berner Zeitung» in der ersten Hälfte 1991 (wie er «hoffe») zu eröffnen versuchen will. Drittens prophezeit er, dass «in Bern bald schon eine dritte Anlaufstelle nötig sein wird» («Bund», 4.12.1990) Wetten, die erste an der Nägeligasse ist kaputt, bevor er auch nur eine zweite aufmacht? Danach gibt es in Bern statt Drogenpolitik endgültig nur noch Albisetti.

Bundesterrasse, Montagabend: Hier, direkt unter den Fenstern des Journalistenzimmers im Bundeshaus, treffen sich seit mehreren Jahren die Rollbrett-Kids der Stadt zu ihrem akrobatischen Training. Heute abend stehen einige von ihnen am Rand einer hektischen Menschenansammlung: der offenen Drogenszene von Bern (am Montag bleibt die «Näga»-Anlaufstelle geschlossen). Neben Heroin und Kokain werden jetzt auch weiche Drogen angeboten – auch die Kifferszene ist aus dem Schänzli-Park vertrieben worden. Wer hier ein «Chnübi» kaufen will, muss zuerst ein paar Angebote von harten Drogen ablehnen. Bei sieben Grad unter null, im Schein der Bundeshausbeleuchtung setzt sich jetzt einer stehend einen Schuss in den Unterarm, wirft dann die Spritze weg, zieht sich den Mantelärmel aufs Handgelenk zurück und verschwindet entlang der vaterländischen Sandsteinkatakomben, in denen sich eben heute anlässlich der Fragestunde im Nationalrat der Bundesrat Flavio Cotti zum mutigen Wort hat hinreissen lassen, angesichts der alarmierenden Drogensituation in der Schweiz werde das Betäubungsmittelgesetz «höchstwahrscheinlich» revidiert. Mit Blaulicht fährt über die Bundesterrasse die Sanitätspolizei vor, nichts Ernstes, die Weissuniformierten wollen nur mal eben nachschauen, wie’s so geht und steht, steigen aus, plaudern, fahren wieder weg. Später kommen ihre Kollegen von der Stadtpolizei. Die Vertreibung geht weiter.