Ein neuer Ton?

«Uns verbindet ein Gedanke»: So beginnt der «Sängergruss», mit dem die lokalen «Arbeiterchöre», Teil der Berner ArbeiterInnenkulturbewegung, ihr «Singen im Bahnhof» am 31. August eröffnet haben. Der Frauensingkreis Worb, die Männerchöre der Pferdewärter, der Verkehrsbetriebe und der Typographia Bern, der Arbeiter-Männerchor Worb, die gemischten Chöre Belp und Zollikofen und die Singgruppe Linggi Schnure Bern, die zusammen das Kartell Bern des Schweizerischen Arbeiter Sängerverbandes (SAS) bilden, sind an diesem Donnerstagabend in der lärmigen Bahnhofhalle zusammengestanden  und haben den zwischen Abendverkauf und Perrons Hin- und Herhastenden hinterhergesungen: «Alle sollen Brüder sein!»

Dieses hehre «Uns-verbindet-ein-Gedanke» ist aber dem SAS, der 1988 hundert Jahre alt geworden ist, seit vielen Jahren nicht Motto, sondern existentielles Problem. Seine Chöre leiden darunter, dass der Gedanke, der sie verbindet, schwindet. Peter Anliker, Redaktor der «Schweizerischen Sänger-Zeitung», erzählt: «Vor hundert Jahren hatten die Arbeiter vielfach keinen Zugang zu den bürgerlichen Chören. Die Gründer der ersten Chöre wollten deshalb nicht nur zu mehr Kultur kommen; sie wollten eine Gegenkultur leben.» «Sozialpartnerschaft» und «Wohlstandsgesellschaft» haben diesen Gedanken der Gegenkultur unzeitgemäss gemacht.

Während für die einen die Trennung von Politik und Gesang undenkbar ist, singen die andern heute lieber «Griechischer Wein» als «Die Freiheit aller oder Tod!» – und finden im übrigen, das Singen habe nichts mit Politik zu tun. Während die einen stolz sind auf Namen und klassenkämpferische Tradition ihres Chores, möchten die anderen den «Arbeiter-Sängerverband» endlich umtaufen in «Arbeitnehmer-» oder «Angestellten-Sängerverband». Und wenn vom Mitgliederbestand die Rede ist, der von 7300 in über 200 Sektionen (1950) auf 3100 in 127 Sektionen (1980) geschrumpft ist, dann sagen die einen: Wenn wir weiter alte Tendenzlieder singen, haben wir bald keine Mitglieder mehr; die andern jedoch: Wenn wir nicht unsere eigene Liedtradition pflegen, dann können wir gleich den bürgerlichen Chören beitreten.

Nun hat einer der jüngsten Vereine des SAS, die 15jährige Singgruppe Linggi Schnure Bern, für die «Sängerzeitung» einen Diskussionsbeitrag verfasst: «Der SAS serbelt dahin – Überalterung, Mitgliederschwund, Auflösung ganzer Chöre, Zweifel an der eigenen Existenzberechtigung prägen das Erscheinungsbild. Läuft die Entwicklung im gleichen Sinne weiter, ist in ein bis anderthalb Jahrzehnten dem Verband der Tod gewiss.» Wie die zwei zur Zeit erfolgreichsten ArbeiterInnenkulturvereine, die Naturfreunde und der ARBUS, müsse sich der SAS, so fordert die Singgruppe, um eine neue Identität und um neuen «gesellschaftlich-kulturellen Einfluss» bemühen, indem er «Heimat» werde für «fortschrittlich gesinnte Gruppen, Einzelsänger/innen und andere musikalisch Tätige.»