Abgeschrieben

Am kommenden 15. Juni wird der Senat – das Gremium sämtlicher Ordinarien – der Universität Bern zur ordentlichen Semestersitzung zusammentreten. Umstrittenstes Traktandum: Das Begehren zur Annullierung von Doktor Benedikt Fontanas Dissertation, das die jenische Schriftstellerein Mariella Mehr im letzten Herbst eingereicht hat. Noch am letzten Dienstagmorgen hatte der Dekan der medizinischen Fakultät, Max Hess, gegenüber der WoZ gesagt: Fontanas Dissertation sei kein Thema für den Senat. Zwar liege ihm der Bericht der Dissertationskommission vor, aber das Abfassen eines Schlussberichts brauche noch Zeit. Bereits an der Senatsausschusssitzung Ende Mai hatte Hess zudem durchblicken lassen, das Begehren Mehr werde abgelehnt und sei deshalb für den Senat kein Thema.

Im Verlauf des Dienstags muss Hess massiv unter Druck gekommen sein: Am Nachmittag des gleichen Tages sagte er gegenüber der «Bündner Zeitung», der Senat werde am 15. Juni über den «Fall Fontana» entscheiden. Am Mittwochnachmittag liess Hess der WoZ die Richtigkeit dieser Version durch die Sekretärin dann bestätigen. – Konfusion an der Uni Bern: Erst unter Druck ist die medizinische Fakultät offenbar überhaupt bereit, das Begehren Mehr universitätsintern zur Diskussion zu stellen.

Wird es abgelehnt, so stellt sich die medizinische Fakultät auf den Standpunkt, «die Wissenschaftlichkeit der Dissertation» sei erwiesen, und sie sei nicht mit «unlauteren Mitteln» erworben worden. Mittlerweile häufen sich jedoch die Indizien nicht nur gegen die Wissenschaftlichkeit, sondern auch gegen die Lauterkeit von Fontanas Arbeit:

– Der Einschätzung, Fontana habe seinen Doktortitel mit «fortgesetztem Rufmord» erworben (vgl. WoZ Nr. 43/1988) hat dieser bis heute in keiner Art und Weise widersprochen.

– In einer akribischen Expertise hat die Ärztin Ruth Morgenthaler-Jörin mittlerweile Fontanas kasuistische Darstellung einer inhaltlichen Analyse unterzogen und dabei schwerwiegende Indizien zusammengetragen, dass Fontanas Dissertation ein plumpes Plagiat sein könnte. Abgeschrieben hat Fontana vor allem aus der Diplomarbeit, die Elsy Schwegler 1958 der Schweizerischen sozial-karitativen Frauenschule Luzern vorgelegt hat.

– In einem ihr mittlerweile zugestellten Berg von 12000 Seiten Originalakten über ihre Sippe aus dem Pro-Juventute-Archiv hat Mariella Mehr letzthin zudem die als verschollen gegoltene Diplomarbeit von Dorothee Schuster (1929) gefunden, aus der hervorgeht, dass Fontana auch das familienhistorische Material zur Sippe «Xenos» nicht in «langwieriger Arbeit» (so die Dissertation) zusammengetragen, sondern abgeschrieben hat. Die Arbeit von Schuster konnte der Dissertationskommission in Bern übrigens nicht bekannt sein, weil sie seit vielen Jahren aus allen Bibliotheken verschwunden ist.

Die aktuellen universitären Windungen in Bern kommentiert Mehr wie folgt: «Wie der Entscheid an der medizinischen Fakultät auch ausfallen wird, für mich bleibt die Dissertation Fontanas eine rufmörderische, rassistische Schrift, die zudem zur Kategorie der Plagiate gehört.»