Ein Fichenschweiz-Roman

Die Geschichte spielt im Winter 1989/90 vor dem Hintergrund von Mauerfall, der Volksabstimmung für eine Schweiz ohne Armee und – vor allem – der Fichenaffäre. Protagonist Eric Waser, den man «Hudere-Waser» nennt, weil sein Vater ein Jenischer war, ist Taxifahrer in Olten und radikaler Linker mit militanter Vergangenheit: Er machte Ende der siebziger Jahre bei einem Sprengstoffanschlag auf einen Strommasten in der Nähe des Atomkraftwerks Gösgen mit. Waser wurde damals gefasst und verurteilt, hat seine Strafe abgesessen und die Sache scheint vergessen, als er zu Beginn des Buchs, von einer Auslandreise zurückkehrend, seiner Traumfrau, der Journalistin Vreni König, die er kurz zuvor kennen gelernt hat, wieder begegnet und sie ihm mitteilt, sie sei von ihm schwanger. 

So entwickelt sich eine Liebesgeschichte – bis Waser von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Der schweizerische Staatschutz setzt ihn unter Druck, als Spitzel für ihn zu arbeiten. Waser versucht, sich aus dessen Fängen zu befreien, was ihm schliesslich mit einer ebenso spektakulären wie öffentlichkeitswirksamen Aktion gelingt. Doch der Roman endet nicht in einem sozialromantischen Happy-End: Hudere-Wasers Schlag gegen den Staatschutz bringt gleichzeitig dessen überlegene zerstörerische Gewalt an den Tag, die bis ins Private hineinreicht. Es wäre naiv, ist zu lernen, die Fichenschweiz als dilettantisch zu unterschätzen.

Der Autor Peter Staub hat bis in diesem Frühjahr in Aarau als Sekretär der Gewerkschaft VHTL gearbeitet. In seinem Roman gelingt ihm die treffende Milieustudie einer linken Szene in der Provinz. Seine Beschreibungen sind farbig und präzis: Als ehemaliger Journalist und Taxifahrer kennt er die Welt, die er beschreibt. Eher anstrengend zu lesen wird der Text dagegen dort, wo Staub in didaktischen und langfädig referierenden Einschüben Aufklärung betreibt, die Repression gegen die Jenischen im 20. Jahrhundert skizziert, den linken Widerspruch gegen die ins System integrierte Sozialdemokratie herausarbeitet oder das Misstrauen als erste revolutionäre Tugend betont. In diesen Passagen wird der «Thriller» zum Traktat, denn was inhaltlich richtig und wichtig und weltanschaulich sympathisch sein mag, ist nicht schon deshalb literarisch überzeugend. So ist Staubs Roman ein typischer Erstling: Alles in allem gute Unterhaltung, mit viel Herzblut und erfrischend unbekümmert erzählt, inhaltlich zum Teil überladen und zum wenig ausgeformt.

Peter Staub: Hudere-Waser. Ein Thriller aus Olten. Zürich (Edition 8) 2004. 

In der Druckfassung trug die Rezension den Titel «Thriller und Traktat».