«Zügeln tut mir gut»

Der Zufall will es, dass Beat Hagenbüchli ab und zu mit der Unia-Spitze zu tun hat: In der Zeit, als Unia-Industriechef Corrado Pardini in der Maschinenfabrik Wifag in Bern Maschinenschlosser lernte, arbeitete er dort als Maschinenmechaniker-Stift. Und als Unia-Co-Präsidentin Vania Alleva letzthin umzog, war er einer der Zügelmänner. Als work-Abonnent hat er bei dieser Gelegenheit deponiert, diese Zeitung stelle zwar alle möglichen Branchen und Berufe vor, aber über das Zügeln habe er noch nie etwas gelesen.

Jetzt sagt er während der Arbeitspause beim Kaffee im Coop Niederwangen: «Wenn ich jeweils las, wie es in anderen Branchen zugeht, musste ich mir sagen: Bei uns ist es nicht besser. Im Gegenteil.»

Superschnell und superbillig

«Schlimm ist die Preisdrückerei», sagt Beat Hagenbüchli. Er arbeitet für die Berner Zügelfirma Eckhart Service GmbH. Sein Chef Urs Eckhart ist auch sein Freund. Dessen Devise lautet: «Wer hier arbeitet, verdient bei einem 100-Prozent-Lohn mindestens 4500 Franken netto.» Das Problem dabei: Weil im Zügelgewerbe die Löhne beim Aufwand den grössten Posten ausmachen, ist es nicht einfach, attraktiv zu offerieren, wenn man bessere Löhne zahlt als die Konkurrenz.

Hagenbüchli: «Wenn ich wie Urs den Lohn für zwölf Angestellte organisieren müsste, könnte ich nicht mehr schlafen.» Die Firma biete an, nicht nur zu zügeln, sondern auch Wohnungen zu räumen und abgabefertig zu putzen. Zwar schätze die Kundschaft dieses Angebot, aber immer öfter solle es «superschnell gehen, supersauber sein und supernichts kosten». Er höre von Gegenofferten, die mit Kostenwahrheit wenig zu tun hätten. «Offeriert wird mit Stundenansätzen, die beim Zügeln weit unter zwanzig Franken und beim Putzen noch wesentlich tiefer liegen müssen.»

Zum Thema Lohndrückerei gehört für ihn noch etwas anderes: Es gebe Zügelfirmen, erzählt er, die stellten Leuten aus Arbeitslosenprojekten an: «Diese Mitarbeiter werden an die Betriebe nach dem Motto vermittelt: Wenn ihr ihn nehmt, kriegt ihr ihn billig. Den Rest der Kosten übernehmen wir.» So habe der Arbeitslose wieder Arbeit und die Firma könne günstiger offerieren. Aber er frage sich, ob es wirklich sinnvoll sei, wenn Arbeitslosenprojekte sozial eingestellte Firmen unter Druck setzten. Und diese dann wegen Auftragsengpässen ihre Angestellten entlassen müssten.

Zügeln ist auch Vertrauenssache

Wenn Beat Hagenbüchli wählen könnte, was er arbeiten möchte, dann würde er Zügelmann sein wollen: «Was ich jetzt mache, ist gut für mich.» Früher, als er als Chauffeur arbeitete, kämpfte er immer wieder mit Rückenproblemen. «Seit ich zügle, habe ich keine Rückenschmerzen mehr. Die dauernde Bewegung tut mir gut. Allerdings achte ich darauf, bewusst anzupacken und kontrolliert zu tragen.»

Dass er über einen Meter neunzig gross ist, sei manchmal ein Vorteil, manchmal ein Nachteil, auf den Rücken habe das keinen Einfluss: «Und körperlich anstrengend ist die Arbeit ja für alle. Bei uns muss keiner den Helden spielen und sich kaputtmachen. Ich tue, was ich kann, und wenn’s nicht reicht, muss einer helfen kommen. Oder wir arbeiten mit Hilfsmitteln, mit dem Fassadenlift, mit einem Rollwägeli oder mit den Zügelgurten.»

Allerdings ist die körperliche Arbeit nur das eine. Die Firma Eckhart arbeitet häufig für Senioren und Seniorinnen. Gerade wenn nicht nur gezügelt, sondern auch gepackt werden müsse, sei das manchmal nicht ganz einfach. «Die ältere Kundschaft hat nicht selten Angst, dass wir etwas kaputtmachen oder verlieren. Und wenn ich als Mann die Unterwäsche einer älteren Frau verpacke, muss das in ihrer Anwesenheit schon mit Taktgefühl geschehen.» Entscheidend sei das Zügelteam: «Klar ist wichtig, dass wir sorgfältig arbeiten und nichts beschädigen. Aber wenn wir als Team Ruhe und Kompetenz ausstrahlen, hilft das genauso viel. Es geht auch um den guten Kontakt zur Kundschaft. Zügeln ist eine Vertrauenssache.»

Nächstes Jahr wird Beat Hagenbüchli fünfzig Jahre alt. «Manchmal frage ich mich, ob ich diese Arbeit bis 65 machen kann.» Darum hat er ein spezielles Interesse, dass die Eckhart GmbH trotz der überdurchschnittlich guten Löhne weiterhin genügend Aufträge hat. So ist es vielleicht möglich, dass die Firma nächstens neben den drei Lieferwagen den geplanten grösseren Lastwagen anschaffen kann. Als Chauffeur hätte er damit ein weiteres Arbeitsfeld.

Am 18. Mai wird er für die Mindestlohninitiative stimmen. Denn, und da ist er sich mit seinem Chef und Unia-Mitglied Urs Eckhart einig: «Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können, können wir geradeso gut aufhören.»

[1] Die Volksinitiative «Für den Schutz fairer Löhne (Mindestlohn-Initiative)» wurde am 18. Mai 2014 von allen Ständen und mit 76,3 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.

 

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Der Velofahrer

Beat Hagenbüchli (* 1965) wuchs in Ostermundigen (BE) auf und machte bei der Maschinenfabrik Wifag in Bern eine Lehre als Maschinenmechaniker. Noch während der Ausbildung schaffte er die Lastwagenprüfung. Nach dem Lehrabschluss beginnt er sofort als Chauffeur zu arbeiten.

Nach zehn Jahren Berufspraxis als Maschinenmechaniker wird er 1995 bei der Migros Fahrer eines Verkaufswagens, später beliefert er Migros-Filialen. 2002 wechselt er als Betriebsmechaniker in eine Kühler-Spenglerei. Diese Arbeit muss er aufgeben, nachdem er sich 2003 mit einer Trennscheibe am linken Unterarm schwer verletzt. Nach einem halben Jahr ist er zwar wieder arbeitsfähig, aber die Sensibilitätsstörungen in der linken Hand bleiben.

2004 beginnt Hagenbüchli als Zügelmann für die Eckhart Service GmbH zu arbeiten. Heute ist er zu 80 Prozent angestellt und verdient netto 4200 Franken. Er war ursprünglich SMUV-, später VHTL-Mitglied. Heute ist er nicht mehr in der Gewerkschaft, aber treuer Work-Abonnent. Seit dem Tod seiner Lebenspartnerin vor fünf Jahren lebt er in Boll (BE). Vor allem seine Radtouren haben ihm über die schwere Zeit hinweggeholfen.