Botz Sacker Meyland!

In der Schweiz ist es so: Wer um die nächste Hausecke geht und den Mund aufmacht, ist als fremder Fötzel enttarnt. Darin liegt ein grosser Reiz der Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek: Man ist hier zuhause und fremd zugleich. Niemand wird hier jedes Wort verstehen, das er hört oder liest. Trotzdem ist man fasziniert: So viel Vielfalt! Dass wir uns überhaupt verstehen!

Schon der Titel der Ausstellung: «Sapperlot». Heute würde man zwar je nach Situation eher sagen: «Shit!», «Geil!», «Mega!» oder «Krass!» Aber «Sapperlot» versteht man: ein altmodisches Kraftwort. Bloss: Sagt man nicht richtigerweise «Sackerlot»? Oder «Sappermänt», «Seckelment», «Sackermoscht»? Oder gar «Bim Sackerhageli» oder «Botz Sacker Meyland»? Durch die Jahrhunderte und die Dialekte hindurch hat der Volksmund den Gebrauchswert des heiligen «Sakraments» für den Werktag mächtig vergrössert. Und nun hat es eine dieser Wortschöpfungen zum Ausstellungstitel gebracht (viele weitere siehe finden sich im Schweizerischen Idiotikon unter dem Stichwort «Sakramënt»).

Von Doris Leuthard bis Emilio Zanini

Von der Decke des Ausstellungsraums hängen Lautsprecher, der Boden ist als Schweizer Karte gestaltet. Man steht im Raum deshalb gleichzeitig immer in einer Landesgegend und hört aus dem nächsthängenden Lautsprecher stets den Dialekt der entsprechenden Region: Bundesrätin Leuthard zum Beispiel verkündet über dem Aargau den Ausstieg aus der Atompolitik; Radiomann Roger Schawinski (zürichdeutsch) interviewt Ottmar Hitzfeld (südbadisch); der Oltener Kabarettist Franz Hohler bietet seine historisch gewordene Berndeutschparodie «Totemügerli»; die Autoren Pedro Lenz und Melinda Nadj Abondji halten in ihrem Dialektgemisch das «Rüttlirappörtli» ab.

Zu hören sind aber auch zwei Pferdehändler, die 1961 im Jiddischen des Surbtals miteinander reden; zu hören ist die Zürcher Oberländerin Adelheid Schwenk, die 1958 schildert, wie es bei einer Bauernmetzgete auf dem Land zugeht. Zu hören ist das Gespräch zwischen einem Jäger und einem Bauern 1926 im Prättigau. Und zu hören ist beispielsweise auch Emilio Zanini aus dem Valle Maggia, dessen Stimme, aufgenommen 1913, wie aus dem fernen Jenseits herüberrauscht. Die Tonaufnahmen aus dem Phonogrammarchiv der Universität Zürich sind eindrücklich und unterhaltend zugleich.

Daneben bieten Vitrinen Einblick in die vier grossen Wörterbücher des Landes: in das Schweizerische Idiotikon, das Glossaire des patois de la Suisse romande, das Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana und den Dicziunari Rumantsch Grischun. Ein bisschen ehrfürchtig steht man vor den Zettelkästen, in denen Generationen von Wörtlifreaks des 19. und 20. Jahrhunderts ohne elektronische Datenbanken von jedem Dialektwort unzählige Varianten sauber abgelegt haben.

Krass geil statt Heimatschutz

Ein Nachteil hat jede solche Ausstellung: Sie muss die lebendige Sprache mit Tonkonserven und gedruckten Texten als Sprachen-Ballenberg inszenieren. Dabei hat doch der Schriftsteller Kurt Marti 1964 gesagt, es gehe darum, die Mundart immer wieder «aus dem Heimatschutzreservat zu befreien». Allerdings: So recht Marti hat, so richtig ist es auch, dass man sich zuerst bewusst werden muss, eine Sprache zu haben, bevor man sie befreien kann.

Der Autor dieses Artikels hat das Privileg, für «Work» regelmässig Berufsporträts schreiben zu können. Das heisst regelmässige Gespräche mit Berufsleuten aus vielen Branchen und Landesgegenden. Kaum einmal habe ich alle Wörter verstanden, mit denen man mir Betriebsstrukturen, Arbeitsbedingungen, Arbeitsabläufe, Werkzeuge und Materialien geschildert hat.

Jedes: Was heisst das? ist in diesen Gesprächen der Schlüssel für eine kleine neue Welt geworden. Ein Privileg ist das, weil ich so immer wieder neu lerne, was die Ausstellung in Bern nun eindringlich in Erinnerung ruft: Die Sprache, mit der wir reden, damit – nicht nur bei der Arbeit – genau das gesagt sei, was wir meinen, ist schon eine gute Sache. Eigentlich muss man sogar sagen: Sprache ist einfach krass geil. Sapperlot!