«Es war Zeit, dass ich aufhören konnte»

Am 7. Februar ist Rudolf Liniger 60 geworden. Seit gestern ist er pensioniert. Als 10’000ster Arbeiter des Bauhauptgewerbes profitiert er vom Gesamtarbeitsvertrag für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe» (GAV FAR).

Liniger erzählt in seiner Blockwohnung in Steffisburg (BE): 35 Jahre lang hat er für das Thuner Bauunternehmen Frutiger AG gearbeitet. Zuerst als Baumaschinist. Danach in der Betonfräserei, Tag für Tag im Sprühregen des Kühlwassers, einmal mehrere Tage lang auf dem Schilthorn, auf 2970 Metern, bei bis zu 18 Grad unter Null, in steif gefrorenen Überkleidern. Nach sechs Jahren schmerzen seine Kniegelenke derart, dass er für zehn Jahre auf seinen ursprünglichen Beruf Chauffeur wechselt. Die letzten 22 Jahre ist er Lagerist im Baugerätehandel der Frutiger AG, einer Abteilung, die schneller wächst als ihr Personalbestand. Wenn er heute sagt: «Es war Zeit, dass ich aufhören konnte», spielt er nicht auf die Arbeit an, sondern auf den extrem gewachsenen Arbeitsdruck.

Keine Angst vor dem Kampf

Rudolf Liniger war immer Gewerkschaftsaktivist – bei der Gewerkschaft Bau bund Holz (GBH), bei der Gewwerkschaft Bau und Industrie (GBI), und nun der Unia. Bei der Frutiger AG war er Vertrauensmann, daneben über dreissig Jahre lang Vorstandsmitglied der Ortsgruppe Thun-Nord, er war gewerkschaftlicher Beisitzer am Arbeitsgericht in Thun, und heute ist er Präsident der Unia-Gruppe Bau Berner Oberland. Daneben hat Liniger sich 25 Jahre lang bei der Feuerwehr Heimberg (BE) engagiert, davon 15 Jahre als Offizier. Und nun wird er im Dienst von älteren und behinderten Menschen ehrenamtlicher Rotkreuzfahrer.

Seinen Beitrag bei der Erkämpfung der Pensionierung mit 60 hat Rudolf Liniger redlich geleistet: Er gehörte zum regionalen Organisationsausschuss der Autobahnblockade beim Bareggtunnel, mit der die GBI im November 2002 dem Baumeisterverband den GAV FAR endgültig abgerungen hat. «Aus der Region Bern waren wir mit 17 Cars voller Bauarbeiter dabei.» Solche Erfahrungen haben ihn geprägt: «Ich möchte gerade den Jungen in der Gewerkschaft sagen, dass sie nicht Angst haben sollen zu kämpfen. Jeder soziale Fortschritt muss erkämpft werden. Auch der neue Landesmantelvertrag.»

«Ich bleibe aktiv»

Die bevorstehende Pensionierung hat Rudolf Liniger als derart entlastend erlebt, dass er bereits daran ist, mit ärztlicher Hilfe die Psychopharmaka abzusetzen, die er in letzter Zeit schlucken musste, um dem Arbeitsdruck standzuhalten. Jetzt beginnt für ihn ein neues Leben: Sein Hobby, der Modellbootbau, will er intensivieren. Und den kommenden Sommer verbringt er in seinem Wohnwagen am Bielersee. Allerdings: «Ich bleibe aktiver Gewerkschafter.» Kommt es für den neuen GAV im Bauhauptgewerbe zu Kampfmassnahmen, kann die Unia mit Rudolf Liniger rechnen.

 

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Die Stiftung FAR

Der Gesamtarbeitsvertrag für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe» (GAV FAR) sah 2002 die Gründung der «Stiftung FAR» vor. Darin sind Arbeitgeber und Gewerkschaften vertreten. Die Stiftung ist zu einer Erfolgsgeschichte der Sozialpartnerschaft geworden. Sie hat unterdessen 10’000 Bauarbeitern die Pensionierung mit 60 ermöglicht.

Für Mitte 2011 hat sie 789 Millionen Vermögen ausgewiesen (Deckungsgrad: 119,4 Prozent). Die FAR-Geschäftsstelle kommentiert: «Der erfreuliche Deckungsgrad und das verwaltete Vermögen zeigen auf, dass die Frühpensionierung der Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe über Jahre gesichert ist.»