Keiner, der rumbefiehlt

Eine riesige Halle der Josef Meyer Rail AG hinter der Saline Riburg zwischen Rheinfelden und Möhlin: über sechzig Meter lang, fünfundzwanzig Meter breit, sicher sieben Meter hoch. Geräumig genug für drei parallel verlaufende Eisenbahngeleise. Draussen, vor der östlichen Schmalseite, hält eben die querfahrende, leicht erhöhte Schiebebühne und bringt aus der nebenan liegenden Werkstatt einen Güterwagen. Langsam rollt er durch das offene Tor in die Halle herunter.

Hier drin ist Christof Finazzi verantwortlich. Das Wort «Meister» mag er nicht, er nennt sich lieber «Leiter». Unterstellt sind ihm sieben Arbeiter, dazu ein Lehrling.

In der Abnahme-Halle

In diesem Betrieb werden pro Jahr um die zweieinhalbtausend Eisenbahngüterwagen revidiert. Wie das Auto von Zeit zu Zeit für den Service in eine Garage gebracht wird, kommen Containertragwagen, Weichentransportwagen, Kessel-, Kühl-, Gas- oder Schüttgutwagen alle vier bis sechs Jahre in die Revision. Hier werden sie kontrolliert, geputzt, gefettet, gestrichen und aktuell beschriftet, hier werden Verschleissteile von einzelnen Schrauben bis zu den Puffern ersetzt. Hier werden aber auch Umbauten, insbesondere Lärmsanierungen vorgenommen: Die ohrenbetäubend quietschenden gusseisernen Bremsklötze werden durch bedeutend leisere «Komposit-Bremssohlen» aus Metallfasern und Kunststoff ersetzt.

«Wenn der Güterwagen aus den Werkstätten hierher kommt, ist der Revisionsauftrag bereits ausgeführt», sagt Finazzi. «Unsere Aufgabe ist dann die Abnahme, bevor der Wagen an die Eigentümer zurückgeliefert wird.» Abnahme heisst: Sind die richtigen Achsen unter dem Fahrgestell? Sind die richtigen Bremszylinder und Steuerventile eingebaut? Oder: Besteht die neu montierte Bremsausrüstung die Belastungstests von simulierten Bremsvorgängen?

Speziell wichtig ist in diesem Betrieb das termingerechte Arbeiten: Auf dem Firmengelände stehen jederzeit zwischen 130 und 150 Güterwagen. Falsch rangierte Wagen bringt man nicht so einfach an davorstehenden vorbei auf das Anschlussgeleise, das zum Bahnhof Möhlin hinüber führt. Und zu spät zurückgelieferte Wagen können Kosten verursachen. Finazzi: «Es gibt Auftraggeber, die für zusätzliche Tage, die ihre Wagen unproduktiv bei uns stehen, Rechnung stellen.»

Die Ausbildung zum Industriemeister

Dass Christof Finazzi den Begriff «Meister» nicht brauchen mag, hat einen einfachen Grund: Er war hier im Betrieb über zwanzig Jahre lang Arbeiter, schliesslich Meisterstellvertreter. «Diese Arbeit hat mein Interesse geweckt, mich in diesem Bereich weiterzubilden.» Zwar leitet er nun schon seit dem 1. Mai 2011 die Abnahme-Abteilung. Aber eben erst letzte Woche hat er in Tramelan (BE) die eidgenössische Prüfung zum Industriemeister abgelegt – Mitte Februar wird er wissen, ob er sie bestanden hat.

An der Industriemeisterschule in Aarau hat er in den letzten zwei Jahren jeden Samstag Kaderwissen kennengelernt, das er früher ab und zu als Blabla geringschätzt hat: Personalführung, Produktions- und Qualitätsmanagement, Arbeitsabläufe, Arbeitssicherheit; dazu Allgemeinbildendes: Algebra, Kostenberechnungen, Deutsch.

«Für meine Familie war die Zeit belastend», sagt er. «Meine Frau musste beruflich zurückstecken, und die Zeit mit meinen beiden kleinen Töchtern kann ich nicht nachholen. Andererseits war da das Angebot, Neues zu lernen, der bessere Verdienst, die grössere Arbeitsplatzsicherheit.» Nach der täglichen Arbeit im Betrieb hat sich Finazzi abends zu Hause erst dann hinter die Hausaufgaben gesetzt, wenn die Kinder im Bett gewesen sind. Manchmal bis Mitternacht, manchmal bis er am Tisch eingeschlafen sei.

Die Ausbildung sei anstrengend gewesen, aber sie habe auch einiges gebracht: Er verstehe heute die Gründe besser, die zu bestimmten Geschäftsleitungsentscheiden führten. Und auch in seinem Bereich sehe er jetzt Verbesserungsmöglichkeiten: etwa bei den Arbeitsabläufen, bei der Kommunikation. Er sei keiner, der herumbefehle. Er sehe nun einfach eher Möglichkeiten, im Gespräch Neuerungen zu erreichen.

Christof Finazzi ist Gewerkschafter, weil er überzeugt ist, dass es das Gegengewicht zum Arbeitgeber braucht: «Ohne Gewerkschaften gäbe es den Gesamtarbeitsvertrag nicht, von dem wir in unserer Branche profitieren.» Seit einigen Monaten sind seine ehemaligen Kollegen plötzlich Untergebene: Kann ein Gewerkschafter überhaupt Vorgesetzter sein? Muss er sich als Gewerkschafter für die Lohnerhöhung eines Kollegen einsetzen, dessen Arbeitsleistung er andererseits als Vorgesetzter kritisieren muss? Das neue Wissen hat auch neue Fragen gebracht.

 

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Der Zuverlässige

Aufgewachsen ist Christof Finazzi (* 1967) in Rheinfelden (AG). 1984 beginnt er bei der Josef Meyer Transport Technology AG die Lehre zum Konstruktionsschlosser. Danach steigt er als Schlosser im Bereich Kessel- und Chassisbau ein. 1995 wechselt er von der Produktionsabteilung in die Instandhaltung der betriebseigenen Anlagen, Maschinen und Werkzeuge. 2003 wechselt er ein zweites Mal, diesmal in den Komponentenbau: Im Schweisszentrum stellt er mit Schweissrobotern Drehgestelle und Waggon-Kopfstücke her und wird Meisterstellvertreter. Nach der Schliessung der Abteilung Waggonneubau wird die Firma auf 1. Juli 2010 als Josef Meyer Rail AG neu gegründet, Finazzi kann seine Stelle behalten. Heute leitet er den Bereich Abnahme.

Christof Finazzi kam 2007 von der Gewerkschaft Syna zur Unia und ist zurzeit Co-Präsident der Personalkommission im Betrieb. Er verdient gut 6000 Franken brutto pro Monat. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Möhlin (AG). Hobbys: Fotografieren und Joggen. Bis 37 spielte Finazzi Eishockey bei den Teams von Hölstein-Niederdorf und von Rheinfelden.