Kein Weg ins Bundeshaus

Beim Frühstück hat mir Pietro gesagt, ich solle zu den Bundesratswahlen etwas Relevantes schreiben, nicht nur aus dem Bauch heraus, das bringe nichts. Die Schweiz auf dem Weg vom Neoliberalismus zum Neokonservativismus. Eben eine politische Analyse.

Vor dem Bundeshaus die Rothenthurmer, uniformiert mit weissen Trikots. Transparente: Wenn man ihnen ihr Land wegnehme, was sie dann in der Armee zu verteidigen hätten. «Ke Waffeplatz in Rothenthurm», skandieren sie. Vorbeigehende schütteln den Kopf oder lachen. Auf einer hohen Stange schwebt ein Helm.

Vor dem Haupteingang Gedränge: Leute werden weggewiesen, viele ältere. Routinierte Türhüter und ein uniformierter Polizist kontrollieren Ausweise. Es ist Tag geworden, acht Uhr vorbei, im Nationalratssaal beginnt jetzt die Bundesratswahl, die Leute verlaufen sich.

Ich müsse hinein, sage ich jetzt zum Türhüter, zeige ihm ein Papier, das ich für alle Fälle von Zürich mitbekommen habe: «Betrifft: Zutrittsbewilligung zum Parlamentsgebäude», zu Handen Frau Huber, Sekretariat der Bundesversammlung. Darauf lässt sich der Türhüter nicht ein.

Gegen halb neun gehe ich die Stadt hinunter, auf der Suche nach einem Fernseher. Der «Falken» ist leer. An einem Tisch arbeitet eine Frau, vielleicht die Wirtin. Ob ich fernsehen könne, frage ich. «Aber nid scho am Morge», stöhnt sie. Als ich sie eindringlich bitte, ich müsse die Bundesratswahlen unbedingt sehen, stellt sie den Fernseher, der auf einem Tablar unter der Decke steht, missmutig an. EINE POLITISCHE ANALYSE. Ich hole Notizpapier hervor, bestelle einen Kaffee.

Die Kommentatoren im Fernseher leiern endlos frühere Wahlergebnisse herunter, die Stimmzettel werden eingesammelt, und die Kamera wandert zwischen zeitungslesenden und plaudernden und herumgehenden Parlamentariern hin und her. Dann sieht man kurz an einem ovalen Tisch graumelierte Stimmenzähler Stimmzettel zählen. In den «Falken» kommt einer und bestellt ein Bier.

Was denn zu einer politischen Analyse gehöre, überlege ich mir, während die Stimmenzähler zählen und die Frau, die vielleicht die Wirtin ist, Kohlen aus einem Kessel in den Ofen rumpeln lässt. Rechtsrutsch, Provokation für die schweizerische Linke, müsste ich sagen. Cincerismus, wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten, brechtverweisend, auch etwas fürs linke Gemüt, Solidarität, weiter kämpfen, wehrt euch, leistet Widerstand, so etwa.

Unterdessen ist Egli mit 125 Stimmen gewählt. Der Kaffee ist leergetrunken. Ich habe Mühe, mich zu konzentrieren. Mir geht durch den Kopf, dass ich im letzten Sommer hier im «Falken» ein Spiel der Fussball-WM angeschaut habe.

Als im Nationalratssaal geläutet wird, um das Ergebnis der zweiten Wahl bekannt zu geben, plötzlich ein wenig Spannung: Es wäre doch nett, wenn Friedrich nicht schon im ersten Wahlgang das absolute Mehr erreichen würde. Immerhin das. Natürlich wird Friedrich im ersten Wahlgang gewählt, mit 130 Stimmen. Schon steht er in den Wandelhallen beim Interview, er lacht sogar und mitten durch der Lauftext: SKI-WELTCUP VORAUSSICHTLICH 10.25 UHR, DIREKTÜBERTRAGUNG.

Es sitzen nun schon einige Biertrinker im «Falken». Die warten wohl alle auf den Riesenslalom der Damen, den die Schweizerin Erika Hess gewinnen wird.

Ich gehe noch einmal beim Bundeshaus vorbei. Leute strömen heraus, Besucher mit dem richtigen Ausweis, uniformierte Studentenverbindler, angeregt plaudernd. Unten im Marziliquartier: Kaminrauch über dem Häusern, lärmende Baumaschinen, von irgendwoher ein quietschendes Tram.

An der Ecke Schwarztorstrasse/Monbijoustrasse schliesslich die Schablonensprayschrift: WAHLIUM FÜRS VOLK, und ich wundere mich, dass die noch nicht überpinselt worden ist. Das stand schon letztes Jahr hier.