«Darf ich bleiben, Herr Steger?»

 

Wenn sie mit ihrem Solex über den Centralplatz kurvt, in den Höheweg einbiegt, der zum Bahnhof Interlaken Ost hinausführt, wenn sie sich, mit übermüdeten Augen, trotz Hochsommer fröstelnd, entlang der toten Geschäfte und dunklen Hotels, auf die noch beleuchtete Strasse zu konzentrieren versucht, entlang der Höhematte, auf der in einigen Stunden wieder die Touristen aus der ganzen Welt die Postkartenaussicht auf die Jungfrau fotografieren werden, entlang dem Englischen Garten, hinter dem sie schattenhaft die vorbeiströmende Aare erkennt; wenn sie direkt vor dem Ostbahnhof links einbiegt und die Unterführung nimmt, dahinter, vorbei am «Du Lac», der Sackgasse folgt und schliesslich hinter der mächtigen, neuen Betonbrücke, die von der Autobahn hoch über die Lanzenen und die Aare hinüberführt nach Goldswil, die schon hell erleuchtete Kammgarnspinnerei sieht, dann ist es einige Minuten vor fünf.

Also, zu fünfzig Prozent hat unsere Kammi, die Kammgarnspinnerei Interlaken AG, der Coop und zu fünfzig Prozent den Emser Werken, der Ems-Chemie Holding AG, wie das in der Zeitung heisst, gehört. Von den Emsern kommt der Doktor Blocher, der Nationalrat. Er ist Verwaltungsratspräsident der Kammi und hat schon im letzten Herbst gesagt, dass man die Kammi nächstens verkaufen müsse, weil sie in den roten Zahlen sei. Und im Hausblatt hat der Götti, Hans Götti, das ist der Direktor, der hat geschrieben: «Fraglos ist 1982 für die Kammgarnspinnerei Interlaken AG eines der schwierigsten Jahre gewesen.» Dabei gibt es sie schon über sechzig Jahre. Das Bauland hat die Gemeinde damals, 1920, der Fabrik geschenkt, wegen der Arbeitslosigkeit, um Verdienst ins Dorf zu bringen. Auch die Zufahrtsstrasse hinter dem Ostbahnhof hat sie bezahlt und Tausende von Franken an die Stromlieferkosten in den ersten sieben Jahren. Aber heutzutage hat Interlaken in der Kammi nichts mehr zu sagen. Im Hausblatt hat's auch geheissen, dass Ende Oktober 1982 113 Leute in der Kammi gearbeitet haben. 52 Schweizer und  61 Ausländer, davon 70 Frauen.

In der Fabrikhalle ist es noch ruhig, vereinzelte Grussworte, Gesten, Blicke. Die Füsse, denkt sie. Immer denkt sie an ihre Füsse, wenn sie an ihre beiden Maschinen herantritt, weil ihre Füsse jeden Morgen schmerzen. Bis ich angelaufen bin, denkt sie, dann geht es besser. Sie geht hinüber zum Anlassknopf. Die Maschine beginnt zu leben. Wie ein widerkäuendes Tier erhebt sie sich lärmend. Fünf Uhr.

Und dann hat es plötzlich geheissen, der Coop habe seine Aktien am 14. April verkauft und ausgerechnet an den Schmid in Gattikon, dem schon die Kammi in Bürglen zu 86 Prozent gehört. Wir befürchteten, dass der die Aktien nur gekauft habe, um unsere Kammi als Konkurrenz aus dem Weg zu räumen, und dann wären auch die Arbeitsplätze hier in Interlaken kaputt gewesen. Davor hat damals auch die Gewerkschaft gewarnt. An der Hauptversammlung der Kammi-Gewerkschafter am 30. April wurde dann gesagt, jetzt müsse man schauen, ob die Emser diesem Verkauf zustimmen werden.

Hinter ihren beiden Maschinen, die sie «Finisseure» nennt, stehen die grossen dunklen Plastikkübel auf Rädern, gefüllt mit endlosen, weissen Wollschläuchen. Pro Schicht einmal oder zweimal muss sie jeden Kübel durch einen neuen, vollen ersetzen, den alten Schlauch in den neuen hineinfliessen lassen. Auf der anderen Seite strömen die Stränge, jetzt fein wie Drähte, heraus und werden mit rasender Geschwindigkeit auf Spulen gedreht.

Das ist dann schnell durchgesickert, dass der Doktor Blocher und die Emser mit dem Aktienverkauf der Coop nicht einverstanden seien. Sogar vor der Belegschaft haben sich im Mai der Doktor Blocher und der Direktor Leuenberger von der Coop gestritten. Der Leuenberger sagte, der Schmid habe für die Arbeitsplätze Zusicherungen gemacht, und darum habe er verkauft, und der Doktor Blocher hat gesagt, das stimme nicht. Durchgesickert ist auch, dass der Schmid dem Coop die Aktien abgekauft und der Coop dem Schmid «im Sinne einer Preiskorrektur zwischen den Bürgschaftsübernahmen und dem Wert der 50 Prozent Aktien an der Kammgarnspinnerei Interlaken AG 3,5 Millionen bezahlt» habe. Der Handel zwischen Coop und Schmid war perfekt. Bis auf die Aktien, denn die hatte der Coop gar nicht. Die waren beim Doktor Blocher im Safe, und der wollte sie nicht herausrücken. Am 8. Juli hat dann der Coop dem Doktor Blocher einen bösen Brief geschickt: «Effektiv befinden sich die zu übertragenden Inhaber-Papiere in Ihrem Gewahrsam und werden uns zur Herausgabe an die Schmid AG vorenthalten.»

Noch bevor es draussen Tag wird, spürt sie ihre Füsse nicht mehr. Bei beiden Maschinen laufen die Wollschläuche auf je zwölf Bahnen durch die Maschine. Reisst die Wolle, registriert das die eingebaute Fotozelle sofort, die betreffende Bahn stellt automatisch ab, ein Rotlicht leuchtet auf. In endlosem Marsch folgt sie den Rotlichtern, holt die zerrissenen Enden aus der Maschine, reibt sie zwischen den flachen Händen ineinander, strafft den Faden, die Maschine springt wieder an. Ab und zu wird ein Plastikkübel leer, dann holt sie einen neuen, schiebt ihn hinter die Maschine, lässt den neuen Wollschlauch in die Maschine einströmen. Läuft die Wolle gut, gibt es Pausen, dann geht sie zur Kollegin hinüber, wechselt im Lärm ein paar Worte, behält ihre Rotlichter im Auge.

Wir haben weitergearbeitet, normal, bis zu den Betriebsferien. Und kurz davor hat man uns gesagt, dass wir am Montag, das war der 18. Juli, am ersten Tag der Betriebsferien in den Betrieb kommen sollten, weil dann die Belegschaft über den Verkauf der Kammi informiert werde. Und am ersten Ferientag sind wir hinausgegangen, in die Kammi. Da hat uns der Doktor Blocher einen netten Herrn vorgestellt, Steger heisse er, sei Deutscher, komme von der Südwolle OHG in Nürnberg und habe die Kammi gekauft. Das war eine Überraschung für uns, denn eigentlich, so schien uns in diesem Moment, gehörte jetzt die Kammi zu 50 Prozent dem Schmid und zu 100 Prozent dem Herrn Steger. Aber der Doktor Blocher hat ja die Juristerei studiert, und der sagte, die Kammi gehöre jetzt nur noch dem Herrn Steger. Und dann hat der Herr Steger gesprochen, hat erzählt, wie er die Kammi wieder in Schwung bringen wolle, 20 Millionen wolle er investieren, und mehr als zwanzig oder dreissig von uns werde er nicht entlassen. Modernisieren und rationalisieren, das waren seine Worte und sogar Wohnsitz will er in Interlaken nehmen, hat er gesagt. Das hat Eindruck gemacht.

Während der halbstündigen Pause, wenn sie sich verpflegt und sich für einen Augenblick hinsetzen kann, sieht sie drüben, auf dem Spazierweg am Aareufer vor dem träge strömenden Schmelzwasser, die Kurgäste sich nach dem Frühstück plaudernd im frischen, strahlenden Sommermorgen ergehen.

Aber der Schmid ist jetzt natürlich wütend. Der ist nach wie vor der Meinung, dass die Fabrik ihm zu 50 Prozent gehöre. Der will der Coop den Prozess machen, wegen Nichterfüllung des Kaufvertrages. Und gegen Doktor Blocher will er prozessieren wegen Veruntreuung von vierzehnhundert Aktien à tausend Franken. Die Coop sagt jetzt plötzlich, es habe damals beim Verkauf «Grundlagenirrtum» vorgelegen, und  Doktor Blocher sagt, die Geschichte mit Schmid sei nur noch eine Frage des Schadenersatzes.

Gegen Mittag wird es heiss. Die Müdigkeit nimmt zu. Die Rotlichter leuchten auf. Die Füsse beginnen zu brennen. Die Spulen füllen sich. Die Plastikkübel leeren sich. Widerkäuend steht der Lärm in der Halle. Die Augen schmerzen. Rotlicht. Die Hände klebrig vom Schweiss. Die Wolle läuft.

Natürlich haben auch wir gemerkt, dass da nicht alles klar ist bei dem Handel. Warum bemüht sich die Coop noch am 8. Juli darum, dass die verkauften Aktien endlich zum Schmid kommen und am 18. ist sie plötzlich einverstanden, dass die verkauften Aktien noch einmal, diesmal an Steger, verkauft werden? Was hat die Coop-Leute gedreht wie einen Handschuh? Warum war der Doktor Blocher gegen den Verkauf an Schmid, wenn doch der Schmid immer beteuert hat, er würde die Kammi auch nicht schliessen? Was hat der Doktor Blocher gegen den Schmid? Welche Rolle spielt der Direktor Götti, der sich vor vier Jahren in Bürglen abwerben liess und seither – man munkelt's – als Blochers Mann in Interlaken sitzt? Und Herr Steger, wieso ist der den Behörden und der Gewerkschaft genehm, wenn der Schmid doch nicht schliessen wollte und der Steger auch zwanzig oder dreissig Leute entlassen will? Wo ist da «der entschlossene Wille, die Arbeitsplätze in Interlaken mit allen Mitteln zu verteidigen», was doch die Gewerkschaft nach der Hauptversammlung in einem Communiqué geschrieben hat? Streiken wir, wenn Steger die ersten Leute entlässt? Und Doktor Blocher, kommt der wegen Veruntreuung ins Gefängnis? Fragen hätten wir schon, aber, das sagt auch die Gewerkschaft, die Arbeitsplätze werden mit Schweigen und Arbeiten besser erhalten. Darum haben wir auch auf den Teuerungsausgleich für die erste Hälfte 1983 verzichtet. Natürlich hatte ich in den letzten Monaten schon immer ein wenig Angst, dass man mich entlässt. Aber wir können gar nichts machen. Und wenn Herr Steger diese Woche wieder nach Interlaken kommt – mit dem Flugzeug nach Belp, dann weiter mit dem Auto –, gehe ich ihn direkt fragen: Herr Steger, trifft es mich, oder darf ich bleiben?

Und dann ist es doch plötzlich zwanzig vor zwei. Die Leute von der nächsten Schicht kommen durch die Halle. Man grüsst sich. Draussen, auf dem Solex, im sanften Zugwind die Fahrt über zerfliessenden Teer, entlang dem Englischen Garten, hinter dem das Wasser milchig leuchtet, entlang der Höhematte mit den ruhenden, flanierenden, knipsenden Kurgästen vor der Jungfrau im Gewittergewölk, entlang den überbordenden Auslagen der Geschäfte: SWISS WATCHES, SWISS FOLKLORE. Als sie schon vorne über den Centralplatz kurvt, spürt sie, dass sie sich nun einen Augenblick hinlegen muss, bevor sie die fällige Wäsche macht und einkaufen geht für die Kinder und den Mann, den sie nur zwei, drei Strassenzüge weiter, auf dem Bauplatz für Eigentumswohnungen, als muratore weiss.

Steger hat sich unterdessen als guter Patron erwiesen. Die Kammi Interlaken produziere Garn von hoher Qualität, beschäftige auch viele Leute ohne abgeschlossene Ausbildung und habe für 1995 – was im Textilbereich zur Zeit mehr als anständig ist – den vollen Teuerungsausgleich auf den Löhnen gewährt (Georg Meyer, GBI-Sekretär Interlaken, 20.1.1995). [Kaum zwei Jahre später, am 27.11.1996, hat der «Bund» dann über die im Mai 1997 bevorstehende Schliessung der Kammi berichtet.]

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 123-128. (Dokumentiert wird die Buch-Version.)