Schön arrangierte Reizstufe 2

Als das blockierte Zahnrad im späten Vormittag das Bähnchen mit einem Ruck zum stehen bringt und ich aussteige, zeigt die Uhr am Türmchen auf dem Bahnhöfchen von Wengen fünf nach halb sieben. Das Licht auf dem Bahnhofplätzchen ist grell, und die Jungfrau steht dahinter, als ob das selbstverständlich wäre. Hinter mir beginnt das Bähnchen weiter bergauf zu kriechen, aus den geöffneten Fenstern höre ich eine Gruppe schulreisender AHV-Bezügerinnen laut lachen und scherzen, ich schaue ihnen nach, mit kleinen weissen Taschentüchern winken sie den lächelnden Spaziergängern zu.

Am Strassenrand sitzen unter gediegene Sonnenschirme drapierte Kaffeetrinker und betrachten im ewigen BLICK das Bild unter dem Titel BALLONGONDEL STÜRZTE AUF GLETSCHER – 4 TOTE: Zwischen riesigen Schneewalmen packen zwei Retter die Toten in wärmende Schlafsäcke. Die schneeweisse Schirmmütze zurechtrückend, bestellen sie ihren zweiten Kaffee mit leiser Stimme auf norddeutsch und amerikanisch.

LINKS: DER BALLON SCHWEBT KURZ VOR DEM ABSTURZ ÜBER DEM JUNGFRAU-MASSIV. Drüben beginnt die Gondel der Männlichenbahn sanft über den grasgrünen Hang hinaufzuschieben, rot wie auf der Postkarte. OBEN: DURCH EINE FALLWINDBÖE WIRD DER BALLON ÜBER DEN SCHARFEN GRAT DES KRANZBERGES GESCHLEIFT. MINUTEN SPÄTER STÜRZTE ER 300 METER IN DIE TIEFE. Über die schmale saubere Hauptstrasse summt manchmal ein Insekt oder ein gaukelndes Elektromobil daher. RECHTS: MIT EINEM HELI DER RETTUNGSFLUGWACHT WERDEN DIE VIER LEICHEN ABTRANSPORTIERT. Ab und zu schweift ein streifender Blick hinauf: JUNGFRAUJOCH, TOP OF EUROPE. Kaum sichtbar löst sich als lieblicher Schleier eine Staublawine. 

Hinter schirmenden Gittern schlagen sich zwei schöne Menschen in weissem Tenniskleid und weissen Tennisschuhen mit sanftem «Klock» den gelben Tennisball über den rostroten Tennisplatz zu. Pärchen schlendern vor den schönen Geschäften. Mit selbstvergessenem Zeigefinger drehen sie den leise stöhnenden Postkartenständer, vergleichen die abgebildete dunkle Bläue des Himmels über der abgebildeten  Jungfrau, fremdartig tuschelnd, mit der verwaschenen Weisse des föhnigen Tags über dem mächtigen Felsklotz hinter dem Dorf.

In den Eingängen zu den Hotelrestaurants verschiedener Kategorien lehnen wartende Kellner mit verträumten Blicken. Die Bügelfalten ihrer schwarzen Hosen sind erfreulich, ihre Hemden einladend weiss, und ihr Rasierwasser duftet nach selbstloser Dienstfertigkeit.

Die putzigen Chalets sehen aus wie in den Heimatfilmen, die Dächer sind ein- und ausladend, das wetterfeste Balkenwerk heimelig, die blanken Fensterscheiben glänzen, die Geranien auf den geräumigen Lauben blühen rot und wie zufällig, un in den strassenzugewandten Gärtchen steht der Kopfsalat in Reih und Glied. Die Chalets heissen ROMEO und LYDIA, und an den meisten hängen sorgfältig beschriftete Schilder: MÖBLIERTE WOHNUNG ZU VERMIETEN. Die Betongeneration der spriessenden Ferienhäuschen schmiegt sich harmlos ins Bild. 

In die üppigen Wiesen weist mit seinem Spazierstock ein rüstiger Herr und zeigt seiner interessierten Gattin den brennenden Türkenbund zwischen den blühenden Gräsern. Sogar buntschaukelnde Schmetterlinge lässt man hier fliegen. An steilen Borden und abfallenden Matten stehen rechend die Wildheuer zwischen den Hotels und wischen sich echten Schweiss von der Stirn.

WENGEN. DAS DORF AM FUSSE VON EIGER, MÖNCH UND JUNGFRAU LIEGT IN IDEALER HÖHE ZWISCHEN 1150 UND 1350 METERN ÜBER MEER AUF EINER WINGESCHÜTZTEN SONNENTERRASSE HOCH ÜBER DEM LAUTERBRUNNENTAL.

Um sanfte Kuppen und durch plätschernde Mulden zieht sich die endlose Arbeit des fleissigen Wegmeisters. In der würzigen Luft steht selbstvergessen ein Japaner und zoomt sich mit einer erstaunlichen Maschine die Essenz der exotischen Idylle für seine Grosskinder heran. In den lichten Waldungen und waldigen Lichtungen sitzen posititive Jugendbibelgruppen im Kreis und erzählen sich Geschichten von lieben Männern mit weissen Bärten. Hier ist SCHUTTABLAGERN VERBOTEN. Die Bänke des KURVEREINS WENGEN sind rot, zahlreich, und wo man sich hinsetzt, wird der unterländisch flackernde Blick durch beruhigende Waldschneisen geführt, hinauf zu den keusch gleissenden Gletschern und jungfräulichen Firnen. Auf einer dieser beschaulichen Bänke liegt, von zwei Steinen liebevoll beschwert, eine Glanzpapierbroschüre: DAS GEHEIMNIS DER GLÜCKSELIGKEIT: RAT UND HILFE FÜR CHRISTEN. Entlang der fröhlich gelb leuchtenden Wanderwegweiser ersteige ich über entschieden natürlich federnden, nadelbedeckten Waldboden einen lichtvollen Felsvorsprung. An knorriger Tanne hängt oben ein wetterbeständiges Kärtchen:

     WANDERPASS WENGEN
     POSTEN 2
     HUNNENFLUH
     1350 M. ü. M.

Ich trete hart an den Abgrund des Postens 2, ergreife den soliden Eisenzaun und lasse meinen Blick in die aufklaffende Tiefe fallen: Der Spielzeugbahnhof von Zweilütschinen steht sauber angeordnet an den niedlichen Schmalspurgeleisen. Ein braunes Bähnchen neigt sich wie extra für mich in die weitgeschwungene Kurve und verschwindet langsam Richtung Grindelwald. Auf einer Feldnase vor dem Metallgeländer blühen, schön arrangiert, die ersten feurigen Alpenrosen.

ALS ALPINER KURORT BESITZT WENGEN EIN AUSGEZEICHNETES, GESUNDES KLIMA (REIZSTUFE 2) MIT REINER, STAUB- UND FEUCHTIGKEITSARMER LUFT.

Auf dem Rückweg kehre ich in einem Restaurant ein, das vor allem eine Bar ist, über der in einen dicken Holzbalken diskrete Lampen eingelassen sind, die nachts ein trauliches, tagsüber ein trauriges Licht verbreiten. Hinter dem Täfer hervor präsentiert Roland Jeanneret das ewige RENDEZ-VOUS AM MITTAG. Die Barhocker sind hölzern und währschaft. Ich bestelle Bier und garnierten Wurstsalat. Den Wänden entlang stehen einige Tische. In die Stühle sind Gemsen und Murmeltiere eingeschnitzt. An den Wänden hängen zwei Gewehre, ein Waldhorn, ein Gemskopf, die klobige Schnitzerei einer Gemsjagd und ein Hirschgeweih. An der Bar sitzen drei Einheimische. Zusammen mit der Barmaid verhandeln sie, wie sich der jüngste der drei in der kommenden RS verhalten müsse, damit er den Vorschlag zum Unteroffizier nicht bekomme. «Nume nid uffalle», sagen sie, « dasch am beschte». Dann sagt der eine: «Ää, gib mer no ä Kuba libre», und die Barmaid schimpft über ihre Herrschaft: «Lue, wett hie inn im Serwiss schaffisch, bisch eifach dr Scheftubu und süsch nüt.» Und später: «I verlange nid e haub Schtung Mittag, aber i Rue ässe und my Kafi trinke wott i.» 

Als ich auf die Strasse trete, sticht die Sonne, und bleiiges Gewölk zieht vom Schilthorn herüber. In den freudigen Rabatten blühen namenlose Blumen um Gotteslohn. An mir vorbei geht rüstig an seinen Stöcken ein beinamputierter Rentner, die Lunchtasche am Rücken. Vor der diskreten Bankfiliale hängt eine müde flatternde Schweizerfahne im warmen Wind. Unter aufgespannten Sonnenschirmen essen chice jugendliche Paare Coupes und tauschen glücklich verschämte Zärtlichkeiten, während der Gerant unter die Türe tritt und nervös nach dem Wetter schaut. Ein zweites Bier trinkend fühle ich mich plötzlich überflüssig und finde, dass fünf Stunden Ferien genug sind.

Erste Schauerschleier wehen durch das Tal. Über der Jungfrau zucken Blitze. Während die ersten Tropfen fallen, schreibe ich am Bahnhöfchen, für alle Fälle, das Wort «Postkartenrecherche» in mein Notizbuch. Auf den schmalen Geleisen beginnen jetzt rauschend die Tropfen zu springen, während über der anderen Talseite die Wolkendecke schon wieder zerreisst und fädige Sonnenflecken an den Männlichen branden. Ich steige ins Bähnchen und höre eine schulreisende AHV-Bezügerin ermattet seufzen: «Das isch schön, das Wänge.» Als das Bähnchen mit einem Ruck abwärts in die Zahnräder greift, zeigt die Uhr am Türmchen auf dem Bahnhöfchen eben fünf nach halb sieben.

Knapp zwei Stunden später dröhnt der Schnellzug von Thun her über die hohe Eisenbahnbrücke in den Berner Hauptbahnhof. Rechts unten, hinter Gittern und Stacheldrahtverhauen, die Reithalle. Zwei Polizisten in Kampfanzügen spielen mit einem fröhlich bellenden Schäferhund. Die Tränengasgewehre (REIZSTUFE 2) haben sie an einen Stuhl gelehnt. Und weil diese letzten Sätze gerade von den Sensiblen, die sich vierzehn Tage Wengen weiterhin vorstellen können möchten, als allzu polemisch missverstanden werden könnten, füge ich ihnen noch diesen bei.

Nach der polizeilichen Schliessung des Autonomen Jugendzentrums Reithalle Mitte April 1982 wurden die gesamten Reitschulgebäulichkeiten von Polizeigrenadieren hinter Stacheldraht ungefähr elf Monate lang bewacht. Darauf wird im letzten Abschnitt angespielt.

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 33-37.