YB’s fittester Veteran

Das Terrain ist tief nach dem Regen. Hinter der alten Holztribüne fährt der Wind in die Kastanienbäume. Auf dem Rasen jongliert ein Mann in Windjacke und Jeans mit den Strassenschuhen einen Ball: Fuss, Fuss, Fuss, Knie, Kopf, Fuss. Der Mann heisst Fritz Weibel, ist am 24. November 77 Jahre alt geworden und sagt: «Zum ersten Mal habe ich auf diesem Platz 1946 gespielt.»

Erst wenn er zu erzählen beginnt, glaubt man ihm sein Alter: Für die Berner Young Boys spielte er noch in einem alten Holzstadion. Später gehörte er zum Team, das 1954 ins neue Wankdorfstadion einlief. Heute steht dort längst das «Stade de Suisse». Aber verschwunden ist nicht nur das Wankdorf: «Letzthin ist Willy Steffen gestorben, wie schon viele vor ihm: Geni Meier, Alfred Bickel, Armin Walker, Fritz Morf. Andere treffe ich nur noch an Beerdigungen.» Er selber absolviert wöchentlich zwei Trainingseinheiten: mit den jüngeren und mit den älteren Veteranen von YB.

Entlassung des Platzchefs

Hier auf dem Fussballplatz des FC Breitenrain im Berner Spitalackerquartier arbeitet er seit 1995 als Platzchef. Angestellt wurde er vom bernischen Sportamt. 2003 kam er dann auf die Lohnliste des ausgelagerten Gemeindebetriebs «Stadtbauten Bern» (StaBe). Jetzt hat er auf Ende des Jahres die Kündigung erhalten: Der GAV des StaBe basiert auf dem städtischen Personalreglement, wonach die Mitarbeitenden mit 63 pensioniert werden, in begründeten Fällen bis 65 und im Bereich Reinigung und Sportplätze auf Gesuch hin bis 70 weiterarbeiten können.

Weibel nimmt’s gelassen: «Für mich ist das gut so.» Es gebe viele junge Leute, die einen Lohn brauchten. Und aufzuhören brauche er ja deswegen nicht: « Vorläufig mache ich ohne Lohn weiter. Als Hobby, dem Sport und der Jugend zuliebe. Meine Arbeit wird hier geschätzt.»

Zu Recht. Zwar ist jetzt, nach Saisonende, nur noch das Spielfeld vom Laub zu befreien. Aber während der Saison finden hier pro Wochenende bis zu acht, neun Spiele statt. Dann ist das Rasenmähen noch das wenigste. Die Spielfläche überlässt Weibel der Stadtgärtnerei, die heiklen Torräume und die Spielfeldränder ist seine Sache: Hier muss speziell tief gemäht werden, damit das Spielfeld «gezeichnet» werden kann.

Bei schlechtem Wetter ist er am Sonntagmorgen um halb acht dabei, wenn entschieden wird, ob die geplanten Spiele ausgetragen werden können. Und nach den Spielen ist er der Letzte auf dem Feld, wirft die Netze über die Goalumrandung und räumt die Eckfahnen ins Umkleidehaus. Die grosse Arbeit aber beginnt am Montag: das Flicken des Spielfelds. Nach Möglichkeit drückt er die von den Stollenschuhen der Fussballer weggerissenen Rasenstücke wieder in die Risse zurück. In die Flächen, die «aper» bleiben, wie er sagt, filtert er Humus, sät neuen Rasen an, planiert die Rissfläche. Woche für Woche Riesenarbeit. Aber Fritz Weibel hat schon immer mehr gearbeitet als andere.

Markenverkäufer für den SMUV

Neben seiner Karriere als Spitzenfussballer bei YB – ein Sieg brachte damals 50 Franken Prämie –, arbeitete er immer als Konstruktionsschlosser, die letzten 38 Jahre bis zur Pensionierung als Liftbauer bei der Berner Firma Emch. Hier gehörte er als Mitglied und Kassier der SMUV-Betriebsgruppe an und sass bei mancher Lohnverhandlung mit am Tisch. Zwischen 1962 und 1973 hat er zudem bei den SMUV-Mitgliedern im Berner Nordquartier vierzehntäglich den Mitgliederbeitrag in Form von Wochenmarken à 20 Rappen eingetrieben. Für ein Jahreshonorar von 1300 Franken hat er dem Smuv, wie er schätzt, rund zweieinhalb Millionen Zwanzigräppler zusammengetragen. Daneben war Weibel seit 1958 diplomierter Fussballtrainer, der insgesamt 14 Mannschaften trainiert hat. 17 Jahre lang betreute er zudem den Sportplatz Steigerhubel und machte – um dort den Ausschank führen zu können –, mit 58 noch das Wirtepatent.

Und dann erzählt er, wie er einmal in Flamatt (FR) als Spielertrainer am Spielfeldrand unruhig geworden ist: Bereits seien mehr als sechzig Minuten gespielt gewesen und Flamatt habe 1:0 geführt. Da habe sein routiniertester Spieler auf dem Platz dem gegnerischen Goalie einen Penalty direkt in die Arme geschoben. Weibel hält’s nicht mehr aus und wechselt sich selber ein: «Das erste, was passiert: Ein blutjunger Flamatter spielt mir den Ball zwischen den Beinen durch und grinst blöd. Dann habe ich mich aber ins Mittelfeld gestellt und die Bälle verteilt, immer direkt und immer nach vorn, wie ich es von meinem Trainer bei YB, Albert Sing, gelernt habe. Zwei Minuten später steht’s 1:1. Kurz darauf 2:1. Wir haben schliesslich 4:1 gewonnen und nach dem Abpfiff habe ich zu dem jungen Flamatter gesagt: ‘Eis Tunneli längt äbe nid gägen en aute Ma!’» Wie alt er denn damals gewesen sei? «Zweiundsechzig», sagt er und lacht.

 

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Jugend als Verdingbub

Fritz Weibel wurde 1929 geboren. Bereits 1938 starb sein Vater an Krebs. Die jüngste Schwester blieb bei der Mutter, Ihre fünf älteren Kinder wurden verdingt. Er kam auf einen Bauernhof in Brüggelbach bei Neuenegg (BE). Nach einem Welschlandjahr begann er seine Schlosser-Lehre bei einem Meister, der seinen Angestellten quer durch die Werkstatt schwere Hämmer nachwarf. Die Berner Lehrlingskommission griff ein und vermittelte ihm eine andere Lehrstelle. Bis zur Pensionierung 1994 arbeitete er dann als Konstruktionsschlosser.

Auf den 1. November 1949 trat er dem SMUV bei, heute ist er Unia-Mitglied. Mit seiner Frau zusammen bewohnt er eine Eigentumswohnung in Bern. Dass es ihnen gelungen ist, den beiden Söhnen die Universität zu ermöglichen und beide ihr Studium für eine gute Berufskarriere genutzt haben, ist für ihn eine grosse Genugtuung – und auch, dass unterdessen bereits drei Grosssöhne mit ihm Fussball spielen wollen.