«Wir werden als Blitzableiter missbraucht»

Einkaufszentrum Letzipark in Zürich Altstetten, später Vormittag des 8. Dezember. Auf der mittleren Verkaufsebene strömt das Publikum entlang der Geschäftseingänge: Fust, Vögele, Manor, daneben Pfister: In dieser Filiale des renommierten Möbelgeschäfts arbeitet Irene Weber.

«Weihnachtsgeschäft?», fragt sie zurück, «davon merken wir immer weniger». Zwar gebe es im Letzipark während der Vorweihnachtszeit drei Sonntagsverkäufe. Aber sonst? Es sei nicht mehr wie vor zwanzig Jahren, als man vierzehn Tage durchgearbeitet, ununterbrochen bedient und Geschenke eingepackt habe: «Weihnachtspäcklein werden immer weniger gewünscht.»

Dazu komme, sagt Weber, dass in ihrer Filiale zum Beispiel die Ausstellung des diesjährigen Weihnachtssortiments bereits seit Mitte Oktober laufe. «Seit Anfang Dezember verkleinern wir diese Ausstellung bereits wieder und ersetzen sie durch ‘Rotstiftbereiche’.» Der traditionelle Ausverkauf beginne unterdessen nicht mehr Mitte Januar, sondern schon Anfang Dezember. «Man hat gemerkt, dass die Leute für Weihnachtseinkäufe mehr auszugeben bereit sind, wenn sie dabei Schnäppchen jagen können.»

Jederzeit Lächeln fürs Geschäft

Die grösste Veränderung in Webers Beruf betrifft aber dies: «Anders geworden sind vor allem die Kundenansprüche», sagt sie. «Heute werden wir immer häufiger von Frustrierten als Blitzableiter missbraucht.» Letzthin ist sie aus ihrer Rolle gefallen: Als sie und eine Kollegin von einer Kundin beschimpft worden sind, sie seien ja sowieso «zu blöd» für eine andere Arbeit, sonst würden sie nicht hier hinter der Kasse stehen, hat Irene Weber geantwortet, sie solle schleunigst das Geschäft zu verlassen. Die Kundin hat daraufhin an den Verkaufsleiter einen Beschwerdebrief geschickt und Weber ist ermahnt worden, als Verkäuferin nicht zu widersprechen und jederzeit freundlich zu bleiben.

Irene Weber arbeitet vor allem in der Boutiqueabteilung und an der Kasse. Ihr 80-Prozent-Pensum sieht jede Woche gleich aus: Am Montag arbeitet sie von morgens um 8.45 Uhr bis abends um 20.15 Uhr mit einer Stunde Pause am Mittag und einer halben am Abend. Der Dienstag ist frei. Am Mittwoch folgt eine Spätschicht (12 Uhr bis 20.15 Uhr) und am Donnerstag eine Frühschicht (8.45 Uhr bis 18 Uhr). Der Freitag ist wieder frei und am Samstag arbeitet sie wechselnd Früh- oder Spätschicht.

Seit November 2008 sind die Läden im Letzipark auch am Samstag bis 20 Uhr geöffnet. Damit hat Irene Weber bis heute Mühe: «Für mich ist der Samstagabend damit gelaufen.» Auf Kosten des Personals werde das Publikum dazu erzogen, dass es jederzeit einkaufen könne. Obschon nach ihrer Beobachtung die Kundschaft in den meisten Geschäften nach 19 Uhr deutlich abnehme. Die Regelung, bis 20 Uhr geöffnet haben zu müssen, sei im Letzipark von den grossen Geschäften gegen die kleineren durchgedrückt worden. Ihr Chef habe sich für das Personal zu wehren versucht. «Aber es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder ziehst du mit, oder du gehst.»

Ein Gratistipp für den CEO

Zum Kundenverhalten und zu den langen Ladenöffnungszeiten kommt der tiefe Lohn. Auf 100 Prozent hochgerechnet beträgt Webers Monatslohn – trotz der Weiterbildung zur Lehrmeisterin und rund zwanzig Jahren Berufspraxis – weniger als 4400 Franken brutto.

Diese Situation hat Folgen: «Es gibt immer weniger qualifiziertes Fachpersonal. Viele wandern ab in Bürojobs mit regelmässigen Arbeitszeiten und höherem Lohn.» Diese Abgänge würden häufig von ausländischen Kollegen und Kolleginnen mit grossen Sprachproblemen ersetzt – und zwar zu Lohnbedingungen, zu denen Schweizer Personal nicht mehr arbeite. «Für diese Entwicklung tragen auch die Kunden Verantwortung», sagt Weber. «Sie profitieren gerne davon, dass wir jederzeit und zu schlechten Löhnen ihre Launen ertragen. Aber sie ignorieren die Folgen für unsern Beruf.»

Im August 2010 hat Irene Weber mit Meinrad Fleischmann, dem CEO der Möbel Pfister AG, zu Mittag gegessen. Fleischmann besucht jede Woche eine Filiale und sucht beim Essen jeweils das Gespräch mit dem Personal. Er habe gefragt, erinnert sich Weber, was man vom Personal her ändern würde, wenn man ihn wäre. «Ich würde die Löhne im Verkauf erhöhen, habe ich gesagt.» Fleischmann habe geantwortet, das sei nicht einfach, weil schweizweit mehr als 1200 Personen für Pfister im Verkauf arbeiteten. «Aber er hat auch gesagt, dass es ihm eigentlich ein Anliegen wäre, im Verkaufsbereich die Löhne erhöhen zu können.» Dass sich der oberste Firmenchef für ihre Meinung interessiert hat, hat sie gefreut. Ihren genauen Lohn für 2011 kennt sie noch nicht.

 

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Die Schönenwerderin

Irene Weber (* 1970) ist in Schönenwerd (SO) geboren und aufgewachsen. Nach der Bezirksschule absolviert sie in Aarau ein 10. Schuljahr, danach das Haushaltlehrjahr. 1988 beginnt sie die dreijährige Detailhandelslehre in einem Familiengeschäft, das in Aarau Haushaltgeräte, Eisenwaren und Sportartikel anbietet.

Nach der Ausbildung arbeitet sie im Geschäft weiter, bis es fünf Jahre später eingeht. Neue Arbeit findet sie in einem Fachgeschäft in Wettingen, das allerdings bereits sieben Monate später verkauft wird. Weber wird gekündigt, dann vom neuen Eigentümer übernommen und zwei Jahre später wieder entlassen, als jener Konkurs macht.

Nach einem Monat Stempeln beginnt sie 1999 als Verkäuferin bei Möbel Pfister, zuerst für fünfeinhalb Jahre am Hauptsitz in Suhr, wo sie unter anderem Lehrlinge ausbildet, seither in der Filiale Letzipark in Zürich-Altstetten.

Irene Weber ist Unia-Delegierte der Sektion Zürich. Zurzeit arbeitet sie 80 Prozent und verdient 3500 Franken brutto pro Monat. Mit ihrem Ehemann lebt sie in Schönenwerd. Ihr Hobby: Seit 24 Jahren ist sie Anhängerin des FC Aarau; sechs Jahre lang hat sie sich als ehrenamtliche Fanarbeiterin engagiert.