Wie «der Jugo» ein Kollege wird

Kaum fingerhoch plätschert der Wüeribach zwischen anderthalb Meter hohen Mauern durch Birmensdorf (ZH). Letztmals im August ist dieser Kanal nach heftigen Niederschlägen übergelaufen und hat das Quartier verwüstet. Deshalb soll im übernächsten Jahr das Bachbett um neunzig Zentimeter abgesenkt werden. Und deshalb müssen die Fundamente der sogenannten Widerlager für die neue Zürichstrassbrücke rund einen Meter unter dem jetzigen Bachbett liegen. Neben dem umgeleiteten Wasser wird im Moment verschalt. «In zwei Wochen», sagt Polier Hans Peter Züger, «liefert ein Schwertransporter mit Polizeieskorte zwei dreissig Tonnen schwere Brückenplatten. Ein Kran wird sie dann auf die beiden Widerlager setzen.»

Manager und Sozialarbeiter

Den Schwertransport hat Züger organisiert. Der Polier sei «so etwas wie ein Manager», sagt er: Er verteilt die Arbeit; er organisiert die Baumaterialien und das Werkzeug; er liest die Pläne und verhandelt mit den Leuten des Ingenieurbüros; er schreibt die Tagesrapporte, verzeichnet die Arbeitsstunden und im Detail die einzelnen Arbeitsgänge. Ungefähr einen Drittel seiner Arbeitszeit sitzt er in der Baubaracke hinter den Büroarbeiten.

«So wie ich es verstehe», sagt er, «ist der Polier auch ein bisschen Sozialarbeiter.» Seine Leute können deshalb auch mit ausserberuflichen Anliegen zu ihm kommen. Etwa wenn’s mit den Steuern oder mit der neuen Autonummer kompliziert wird: «Für ausländische Arbeiter, die nicht gut Deutsch sprechen, spiele ich auf Wunsch die Scharnierstelle zu den Behörden.»

Dass Hans Peter Züger in den letzten Jahren verschiedentlich in Fernsehsendungen aufgetreten und in Zeitungen erwähnt worden ist, hat aber einen anderen Grund: Er ist jener Polier, der mit seinen Arbeitern nach dem Mittagessen auf Geschäftskosten eine Viertelstunde lang turnt, bevor man die Arbeit wieder aufnimmt.

Der 57jährige Züger bewegt sich geschmeidig wie ein Dreissigjähriger. So einer wird noch nie Rückenprobleme gehabt haben, denkt man. Falsch. Jahrelang wurde er von Rückenschmerzen immer wieder lahmgelegt. Und zwar immer im Februar oder im März, wenn er nach der Winterpause eine neue Baustelle übernommen hatte. Er begriff, dass die Schmerzen mit dem Druck zu tun haben könnten, den er sich durch den Ehrgeiz, gut zu arbeiten, selber machte. «Da sagte ich mir: Ich muss meinen Körper besser kennenlernen.»

Körperarbeit auf der Baustelle

Ab 1997 machte er berufsbegleitend eine vierjährige Ausbildung in «Core energetic» – einer Lehre, die psychoanalytische mit spirituellen Elementen und Körperarbeit verbindet. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete: «Körperarbeit als Brücke zur Arbeitswelt». Um für diese Arbeit praktische Erfahrungen sammeln zu können, bewilligte ihm die Locher AG einen Kurs mit seinen eigenen Kollegen. «Aus den bewilligten acht Wochen sind unterdessen sieben Jahre geworden», sagt Züger.

Jeden Mittag stellt er sich vor seine Arbeiter und leitet an: Füsse, Hüften, Schultern, Hände lockern; Atemübungen; gegenseitig den Rücken abklopfen, die Schultern massieren. 2004 haben zwei ETH-Studentinnen Zügers Körperarbeit untersucht: Seine Versuchsgruppe verzeichnete gegenüber der Kontrollgruppe weniger Arztbesuche, weniger Unfälle und weniger Krankheitstage. «Ein schönes Ergebnis, aber ich bleibe da vorsichtig. Wenn einer meiner Männer eine Rippe gebrochen hätte, hätten die Zahlen anders ausgesehen.» Die Locher AG jedoch unterstützt sein Engagement weiterhin, denn es hilft, die Prämien der Betriebsunfallversicherung zu senken. Das Beste an der Körperarbeit ist für Züger aber etwas anderes: «Wer vorher nur der Jugo war, wird zum Kollegen, der dir den Rücken abklopft. Dadurch entsteht ein starker Teamgeist und ein angenehmes Arbeitsklima.»

Unterdessen hat Züger ein Buch über die Körperarbeit und seine Erfahrungen auf den Baustellen geschrieben, das er bei seinen Referaten, zu denen er regelmässig eingeladen wird, zum Selbstkostenpreis abgeben will. Im Frühling 2008 soll es herauskommen. Die Locher AG unterstützt den Druck.

Klar verfolgt auch Züger den aktuellen Vertragsstreit in der Baubranche: «Der vertragslose Zustand ist für alle schlecht.» Für die Streiks hat er Verständnis, befürchtet aber, dass sie vor allem zu Verhärtungen führen. Mit einem Augenzwinkern sagt er: «Wenn am Verhandlungstisch auf beiden Seiten Frauen sitzen würden, gäbe es den neuen Vertrag bereits. Die Verhandlungsdelegationen sollten sich vor dem nächsten Treffen zuerst zehn Minuten lang gegenseitig den Rücken abklopfen.»

 

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Der Brückenspezialist

Hans Peter Züger (* 1950) ist in Küsnacht (ZH) aufgewachsen und hat in Zürich die Ausbildung zum Eisenbetonzeichner gemacht, anschliessend eine Maurerlehre und in St. Gallen die Polierschule. Nach zwei Lehrjahren als Maurer kam er 1977 als Vorarbeiter zur Locher AG.

Kurz darauf wird er auf der riesigen Autobahnbaustelle Aubrugg im Norden Zürichs zum Polier befördert. Seither arbeitet er auf Brückenbaustellen, zuerst vor allem an Neubauten, seit 1986 häufig an Brückensanierungen. Seinen Lohn bezeichnet er als branchenüblich. Ursprünglich war er Mitglied der Gewerkschaft Bau und Holz, als Polier ist er dann Ende der siebziger Jahre dem Baukaderverband beigetreten.

Er lebt in einem selber ausgebauten Bauernhaus in Hombrechtikon. In der Freizeit malt er Ölbilder, fotografiert und spielt im Team der Veteranen von Küsnacht Fussball. In Dezember und Januar, wenn die Sanierungsarbeiten ruhen, geht er gern auf Reisen: im nächsten Monat nach Kolumbien und Brasilien.