Wenn die Zückerrüben rufen

Zuckerfabrik Aarberg (BE): Paul Hofer, der Elektromonteur des Werks, geht voraus auf die Passerelle. Hier steht man direkt über den Bahngeleisen. Der nächste Güterwagen wird herangeschoben. Er ist gefüllt mit fünfzig Tonnen Zuckerrüben. Ein Bahnarbeiter öffnet die Seitenwand des Güterwagens. Gleich darauf schiesst aus der ferngesteuerten Wasserkanone von schräg oben ein harter Strahl in die Rüben. Die ersten geraten ins Rutschen, dann schwappen sie schwallweise durch die geöffnete Seitenwand in ein grosses Loch. Ab und zu ein helles Scheppern: Das sind die groben Steine, die sich bei der maschinellen Ernte unter die Rüben gemischt haben.

Die Produktion des Weisszuckers, die «Zuckerrüben-Kampagne», wie man in der «Zuckeri» sagt, dauert von Ende September bis kurz vor Weihnachten. Wer an der Produktionsstrasse zwischen der Rübenanlieferung und den riesigen Zuckersilos zu tun hat, arbeitet in diesen drei Monaten wöchentlich 56 bis 60 Stunden. Auch Paul Hofer. Dauernd ist er im Betrieb unterwegs: überwacht, kontrolliert, repariert. Mit allen Mitteln muss verhindert werden, dass wegen eines grösseren Schadens die ganze Anlage heruntergefahren werden muss, bevor die letzte Rübe verarbeitet ist.

Von der Rübe zum Weisszucker

Aus gut 1,4 Millionen Tonnen Zuckerrüben machen die beiden Zuckerfabriken der Schweiz in Aarberg und in Frauenfeld (TG) in diesen Wochen rund 220000 Tonnen Zucker. Verarbeiteten in Aarberg 1913 750 Arbeiter in 80 Tagen 32 000 Tonnen Zuckerüben, so sind es in diesem Jahr bei drei Schichten à 25 Arbeiterinnen und Arbeitern in der gleichen Zeit 740 000 Tonnen. Anders gesagt: Bewältigte damals ein Arbeiter pro Ernte gut 42 Tonnen mit körperlicher Schwerstarbeit, so sind es heute mit Überwachungsarbeiten an den Bildschirmen des Prozessleitsystems pro Arbeiterin und Arbeiter knapp 10000 Tonnen.

Nach der Entladung werden die Rüben durch die Waschanlage befördert und zerschnitten. Als Schnitzel gelangen sie in den Extraktionsturm, in dem sie mit heissem Wasser zu entzuckertem Viehfutter ausgespült werden. Zurück bleibt der Rohsaft, der nun mit sogenannter Kalkmilch aus gebranntem Kalkstein gereinigt wird. Diese bindet die unerwünschten Fasern oder letzte Erdrückstände. Zum Scheiden bringt man das Kalkmilch-Rohsaft-Gemisch anschliessend durch Zuführung des CO2-Gases, das beim Brennen des Kalks gewonnen worden ist. Der nun flockenartige Kalk mit dem gebundenen Schmutz kann so abgeschöpft und zu Dünger weiterverarbeitet werden.

Zurück bleibt der weissweinfarbene Dünnsaft, der durch Verdampfung zu einer melassefarbenen, zähflüssigen Masse eingedickt, danach in der Raffinerie gekocht, kristallisiert und schliesslich in einer Zentrifuge geschleudert wird: So wird die entstandene Melasse vom weissen Kristallzucker getrennt. Wie Sulzschneewalme sehen die feuchten Zuckerhaufen aus, die von Zeit zu Zeit schwer aus den vier haushohen Zentrifugen auf ein Förderband plumpsen und zum Trocknen in eine Heisslufttrommel weiterbefördert werden. Der getrocknete Zucker landet in einem der drei riesigen Silos, in denen sich pro «Kampagnen»-Tag gut 800 Tonnen Zucker anhäufen. Nach den Wünschen der Kundschaft wird der Zucker danach im Laufe des Jahres abgepackt und ausgeliefert.

Die Arbeitsspitze im Herbst

Während in der Zuckerfabrik die Betriebsverwaltung und die Abpackerei in einem von den Nachfrage des Markts gesteuerten Rhythmus arbeiten, wird in der Produktiondie Arbeit von den Jahreszeiten diktiert: Zucker gemacht wird nur im Herbst. «Eine strenge Zeit», sagt Hofer, «aber wer hier arbeitet, weiss, was ihn erwartet.» In diesen drei Monaten hat er pro Woche einmal 24 Stunden am Stück frei, pro drei Wochen einmal 35 Stunden. Diese Pausen überbrücken die Kollegen gegenseitig mit Zwölf-Stunden-Schichten.

Kurz vor Weihnachten wird die Anlage abgeschaltet. Wer bei der Kampagne mitgewirkt hat, kompensiert zwischen Januar und März seine Überzeit individuell, bis Ende August müssen alle Ferien bezogen sein. Ansonsten steht jetzt die Reinigung und Revision der ganzen Produktionsstrasse und das Ersetzen einzelner Teile an: «Wir haben jeweils Büez in Hülle und Fülle.» Etliche der «Kampagnen»-Mitarbeiter kehren wieder in ihren angestammten Beruf zurück: Der Zuckerkoch wird wieder zum Gärtner, der Saftanalytiker im «Rübenlabor» wieder zum Elektriker. Andere, wie etwa Hofer als Elektromonteur, arbeiten während des ganzen Jahres in der gleichen Funktion.

Mitte September des nächsten Jahres wird in Aarberg und in Frauenfeld die Spannung wieder steigen: Funktioniert die Anlage wirklich einwandfrei, wenn mit dem Eintreffen der ersten Zuckerrüben die nächste «Kampagne» gestartet wird?

 

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Der Präsident der Werkkommission

Paul Hofer (*1950) hat in Biel eine Lehre als Elektromonteur gemacht. Danach arbeitete er für ein Elektrounternehmen zehn Jahre auf dem Beruf. 1980 schreibt die «Zuckeri», die Zuckerfabrik Aarberg, eine Stelle im Bereich der Mess- und Regeltechnik aus. Hofer meldet sich und wird auf 1. Dezember angestellt. Anfang dieses Monats feierte er sein 25jähriges Dienstjubiläum.

Zum Beitritt in die Smuv-Gruppe der «Zuckeri» hat man ihn seinerzeit überreden müssen. Unterdessen ist er seit fünfzehn Jahren Präsident der Betriebskommission, die seit der Fusion der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld (1997) «Werkkommission» heisst. Heute sagt er: «Leider ist es schwieriger geworden, die jungen Kollegen in der Unia zu organisieren – schade. Wohl ist die ‘Zuckeri’ ein guter Arbeitgeber, aber das hängt auch mit dem guten Gesamtarbeitsvertrag und mit der Gewerkschaft zusammen.»

Paul Hofer lebt in Lyss (BE), ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Als Hobbys sind Kochen und Motorradfahren. Zu den Löhne in der «Zuckeri» sagt er bloss: «Sie entsprechen dem Marktwert der Region.»