Wege durch den Freiraum

Basel: Neuanfang statt Systemkritik in Bruchbuden. – Es war ein «Feuerwerk der theatralen Schöpfung, wie man es in Basel so bisher noch nicht gesehen» habe, schrieb die «Basler Zeitung» (BaZ), nachdem die französische «Groupe F» «einen neuen Standart für grandiose Momente» gesetzt hatte (Programmheft). Wäre der Abend des 22. August 2002 auf dem Kasernenareal auch nicht grandios gewesen, historisch war er doch sicher: Mit dem Feuerwerk ist die Reithalle neu eröffnet worden.

Was unter dem Namen «Kulturwerkstatt Kaserne» zwanzig Jahre lang ein Alternatives Kulturzentrum gewesen ist, wird zur Zeit zum Mehrspartenbetrieb «Kaserne Basel» unter der Intendanz von Eric Bart umgebaut. 4,3 Millionen öffentliche und 3,3 Millionen private Franken sind investiert, über das dritte Drittel des nötigen Gelds berät das Stadtbasler Parlament im Sommer 2003. Der Theaterraum «Reithalle» ist nun lärm- und hitzeisoliert, mit neuer Entlüftung versehen und einem Holzboden aus widerstandsfähiger Oregon Pine, unterkellert mit Künstlergarderoben, Duschen und Toiletten, «kein Luxus, sondern technischer Mindestandard», so die BaZ, denn auch die Freie Theaterszene lebe nicht mehr von «Systemkritik» sondern von Professionalität: «In Bruchbuden will niemand mehr spielen, der Format hat.» Das Feuerwerk markierte deshalb nicht nur den Neuanfang als Mehrspartenbetrieb, sondern auch das Ende der Werkstatt.

Kaum hatte der «Verein Kulturwerkstatt Basel» Ende März 1980 in den Statuten seinen Vereinszweck mit der «Wahrung, Vertretung und Förderung von kulturellen, gemeinnützigen und kommunikativen Interessen und Aktivitäten» festgeschrieben, tauchte auch hier die Jugendbewegung auf und führte auf dem Areal Vollversammlungen (VV’s) durch. Sie forderte ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ). Es kam zu Hausbesetzungen, unter anderem wurde im Februar 1981 ein ehemaliges Postbetriebsgebäude an der Hochstrasse besetzt und zum AJZ gemacht, am 5. Mai räumte die Polizei, vier Tage später protestierte dagegen eine Grossdemonstration mit 7000 Personen. Als die Jugendlichen im Februar 1982 dann das erste Jubiläum der AJZ-Besetzung begingen, kamen noch 200.

Seither entwickelte sich in Basel die alternative Szene zweigeleisig: Einerseits wurde auf zwischengenutzten Arealen mit alternativen Kultur- und Lebensformen experimentiert (Alte Stadtgärtnerei 1986-1988; Kino Union 1988/89; Werkraum Schlotterbeck 1990-1993), andererseits entwickelte sich in der «Kulturwerkstatt Kaserne» ein kontinuierlicher Betrieb mit Schwerpunkt Theater, Tanz und Musik, der bereits ab 1980/81 von der Stadt subventioniert wurde.

Philipp Cueni, zwischen 1984 und 1997 für die Progressiven Organisationen Mitglied des Basler Grossen Rats, amtet heute als Präsident des «Vereins Kaserne Basel». Als das Beizenkollektiv, das trotz vollem Lokal mit Finanzproblemen kämpfte, durch eine Pächterin ersetzt worden sei, und sich die Betriebsgruppe durch ihren Entscheid für das Intendantenmodell selbst wegorganisiert habe, sei «schon sehr viel Skepsis spürbar gewesen», sagt er. Man habe gesagt, man wolle kein «Theater-Cüpli-Publikum» in der Kaserne. Die Leute seien dem Wunschtraum eines alternativen Kulturzentrums nachgehangen, ohne «die Begriffe inhaltlich zu definieren»: «Von aussen wurde bloss festgestellt: Achtung, die wollen modernisieren. Da war man vorsichtshalber dagegen.» Andere hätten einer Theaterkultur nachgetrauert, die in der Kaserne so gar nie stattgefunden habe. Entscheidend sei für ihn heute nicht die basisdemokratische Struktur hinter den Kulissen, sondern dass das aktuelle Theater, das hier gezeigt werde, nach wie vor Politik und Gesellschaft befrage: «Das ist für mich engagiertes Theater. Alternativ oder nicht – zu was denn alternativ?»

Die «Alternative Gesellschaft» der siebziger Jahre. – Seit den fünfziger Jahren führten in den USA und danach in Europa junge Leute in gesellschaftlichen Nischen, die sie «Untergrund» nannten, ein Leben, das den offiziellen Werten diametral entgegengesetzt war. Sie nannten sich «Beatniks», «Gammler» oder «Provos» und stellten ihre unangepasste Existenz gegen die Inhumanität der Gesellschaft. Bis Ende der sechziger Jahre stiessen die «Hippies» dazu, die begannen, eine «Gegen-Ordnung» von «Gegen-Instititionen» aufzubauen mit Produktion und Landwirtschaft, mit Kommunen und Geschäften, Universitäten, Medien und neuen Kulturformen. So buntscheckig diese Opposition war, so konstant war in all ihren Projekten der Grundimpuls: Es ging um antikapitalistische Selbstverwaltung bei der Arbeit und um einen kollektiven Alltag in nicht entfremdeter Lebenswelt. Dieses damals international wachsende Netzwerk nannte man seit den frühen siebziger Jahren «Alternativbewegung». Ihre Vision war – auch in der Schweiz – weder Freies Theater noch Bio-Müesli aus der Migros, sondern die Unterwanderung und Überwindung der herrschenden durch eine «Alternative Gesellschaft».

Biel: Das älteste AJZ der Schweiz hat überlebt. – Mark Haldimann, ein feingliedriger 48-jähriger mit Rossschwanz, kommt mit dem Velo von der Arbeit aus der «Commune Autonome», der selbstverwalteten Druckerei. Hier am Burgplatz in der Bieler Altstadt lebt und wohnt er. Im Hochparterre zum Eingang hin, das ist der Infoladen «Chat noir» mit Büroecke, Büchergestellen und rundem Tisch; dahinter, durch eine Theke abgetrennt, die Küche der Wohngemeinschaft, die die oberen Stockwerke des Hauses bewohnt. «Politisch bin ich Anarchist», sagt er und beginnt zu erzählen.

Drei Tage, nachdem am 15. Juni 1968 in Zürich das Globus-Provisorium als autonomes «Kultur-, Gesellschafts- und Freizeitzentrum» besetzt worden war, demonstrierten in Biel gegen dreihundert Jugendliche ihre «Solidarität mit der Jugend in Zürich, in Europa und Amerika». Im gleichen Sommer entschied Biels Regierung, ein zum Abbruch bestimmter Gaskessel zum «Autonomen Jugendzentrum» umzubauen. Ein provisorisches Aktionskomitee präsentierte sein Betriebskonzept: Selbstverwaltete Räume ohne Leiter, Pflichtenhefte, Hausordnungen und Schliessungszeiten. Im Mai 1975 wurde der «Chessu», die «Coupole», nach langwierigem Umbau eröffnet.

Das Bieler AJZ ist nicht nur schweizweit das älteste, sondern auch das einzige, das unter diesem Namen überlebt hat. Sein Organigramm umfasst heute neben Druckerei und Infoladen Gruppen für Archiv und Aktionen, die Zeitschrift «NoirRot», ein Sleep-In, eine Gassenküche, die Schrottbar und die Gruppe Wohnungsnot; dazu kommen in der «Villa Fantaisie», die zu Beginn der achtziger Jahre als zweiter autonomer Kulturraum erstritten worden ist, der Treffpunkt «Underground Station», das Hip-hop-Soundstudio «Basement 3» und der Veranstaltungsraum «InFlagranti».

Die Selbstverwaltung in Biels AJZ hat eine offene, basisdemokratische Struktur und einen niederen Professionalisierungsgrad. Oberstes Gremium ist die Vollversammlung. Sie wird ungefähr vierteljährlich mittels öffentlich ausgehängter Traktandenliste einberufen und ist für jedermann offen – ungern sieht man einzig Leute, die im Auftrag von externen Institutionen mitzureden versuchen. Ebenfalls für alle offen ist die «BenützerInnenversammlung». Sie findet wöchentlich statt und entscheidet über die Routinegeschäfte. Neue Projekte, die mehr als 1000 Franken kosten, müssen von der VV abgesegnet werden. Gearbeitet wird in «Arbeitsgruppen» und «Tätigkeitsgruppen». Erstere führt ein Mandat aus und wird von der VV kontrolliert; letztere – etwa das Sleep-in oder die Druckerei – funktionieren auch gegenüber der VV autonom.

Die Ende der siebziger Jahre beschlossene Professionalisierung des AJZ-Betriebs erwies sich als Irrweg. Damals entschied man sich für die Gründung eines AJZ-Vereins, um an städtische Subventionen heranzukommen. Das Geld kam und wurde in die Löhne von zwei Betriebsleuten investiert. Im Winter 1980/81 entwickelte sich das AJZ immer mehr zur Notschlafstelle. Auch das zusätzliche Personal, das nun angestellt wurde, war von der anfallenden Sozialarbeit überfordert. Um das AJZ zu entlasten, wurde deshalb mit städtischer Unterstützung innert drei Monaten ein Sleep-in aus dem Boden gestampft, das bis heute von Angestellten aus der Bewegung geführt wird. Im AJZ fällte man damals einen Grundsatzentscheid: Löhne in den angegliederten Profibetrieben wie Sleep-in oder Druckerei ja, aber keine Löhne für den Betrieb des AJZ. Bis heute werden nur punktuell für gewisse Knochenarbeiten kleine Entschädigungen bezahlt. Die jährliche Subvention der Stadt beträgt heute 114 000 Franken, 60 Prozent davon geht in den Betrieb des Gaskessels. Politisch ist das AJZ unbestritten. Die Abstimmung um einen Renovationskredit im Frühling 1993 wurde nicht zuletzt dank der Unterstützung auch bürgerlicher Parteien hoch gewonnen.

Der «Alternative Kulturraum» der achtziger Jahre. – Die siebziger Jahre konfrontierten den utopischen Entwurf der «Alternativbewegung» mit der Wirklichkeit. Viele Projekte scheiterten am Mangel an Mittel, an Professionalität, an Hartnäckigkeit, an Geduld. Statt Flowerpower in der Grosskommune wurde Selbstausbeutung ohne Feierabend zum alternativen Alltag. Statt dass die ausgebeuteten Massen zur «Alternativen Gesellschaft» übergelaufen wären, lebten sie so unbeeindruckt wie lohnabhängig ihr bisheriges Leben weiter. Jede alternative Nische musste mühsam erkämpft werden. Besetzte Häuser als Wohn- und Kulturraum wurden meist sofort geräumt. Hinter den Polizeikordons blieb die Eigentumsordnung unangreifbar. Die «Jugendbewegung», die ab Ende Mai 1980 in Zürich und danach in den meisten grösseren Schweizer Städten auf die Strasse ging, formulierte deshalb keinen gesamtgesellschaftlichen Gegenentwurf mehr: Sie forderte lediglich noch – aber militant – Autonome Jugendzentren als gegenkulturelle Freiräume. Weil diese von Staates wegen als «rechtsfreie Räume» bekämpft wurden, verschwanden die meisten AJZ schnell wieder. Aber der Kampf um Kulturraum prägte während der ganzen achtziger Jahre das subkulturelle Leben in den Städten.

Zürich/Bern: Selbstverwaltung ist work in progress. – Die «Rote Fabrik» in Zürich-Wollishofen und die Reitschule beim Hauptbahnhof in Bern sind heute die grössten und wichtigsten «Alternativen Kulturzentren» der Schweiz. Ihre je eigene Geschichte hat zu je unterschiedlicher Praxis geführt:

• Mit einer Initiative hatte die Zürcher SP bereits 1974 die Einrichtung eines Kulturzentrums in der Roten Fabrik (RF) gefordert; 1977 wurde ein abgeschwächter Gegenvorschlag vom Volk gutgeheissen. Statt zu einem Kulturzentrum machte Zürich die RF daraufhin aber zum Kulissenlager für das Opernhaus. Erst unter dem Druck der Jugendbewegung beauftragte die Stadt im Sommer 1980 die «Interessengemeinschaft Rote Fabrik» (IGRF) mit der Realisierung eines Versuchsbetriebs. Dieser wurde nach dem Abbruch des AJZ an der Limmatstrasse zum schwierigen Kampf um Autonomie und Selbstverwaltung. Der dezidierte Abspruch, über den «alternativen Sandkasten» hinaus mit «Produktion und Kritik für eine gerechtere Welt» zu kämpfen (WoZ 49/1987), wurde am 6. Dezember 1987 vom Stimmvolk überraschend deutlich honoriert. Es nahm die definitive «Schaffung eines Zentrums für Freizeit-, Kultur- und Bildungsaktivitäten in der Roten Fabrik» und einen jährlichen Betriebskredit von 1,5 Millionen Franken mit zwei Dritteln der Stimmen an.

• In Bern wurde das Reitschul-Areal seit dem Sommer 1980 von der Jugendbewegung als AJZ gefordert. Nach einer Renovationsphase, die mehr als ein Jahr dauerte, wurde das AJZ am 16. Oktober 1981 eröffnet und ein halbes Jahr später bereits wieder geschlossen: Die Bewegung hatte sich geweigert, der Stadtregierung «innert einer Woche […] diejenigen Personen bekanntzugeben, die bereit sind, sich während den Öffnungszeiten des AJZ für einen geordneten Betrieb einzutreten». Fast ein Jahr lang bewachte die Polizei das Areal daraufhin rund um die Uhr, während sich die aktiv Gebliebenen der Bewegung in verschiedenen Quartieren festsetzten. Zur Wiedereröffnung kam im Herbst 1987, als die Stadtregierung mit einem martialischem Polizeieinsatz die BewohnerInnen des Hüttendorfs Zaffaraya auf dem Gaswerk-Areal in die Flucht schlug. Ein Phyrrussieg: Es kam zu Grossdemonstrationen, die – neben der Dampfzentrale – auch die Freigabe des Reitschul-Areals als alternativen Kulturraum erzwangen.

Heute hat die Selbstverwaltung in der Reitschule zwei Pole. Einerseits gibt es mit der Veranstaltungsarbeitsgruppe «Dachstock», dem Restaurant «SousLePont» und der Bar «i-fluss» kollektiv organisierte «Betriebe» mit Angestellten, andererseits Arbeitsgruppen, deren kulturpolitisches Engagement nach wie vor Ehrenamtlichkeit gebietet (die FrauenAG, der Infoladen, die Zeitungsredaktion «megafon», die Kino- und die Theatergruppe). Einig sind sich aber alle, dass man von der Stadt keine Betriebssubventionen annimmt, obschon diese seit zehn Jahren rot-grün regiert wird. Deshalb werden die Aktivitäten der Arbeitsgruppen mit dem Gewinn der «Betriebe» und der Besteuerung allen Alkohols, der auf dem Areal verkauft wird, quersubventioniert. Auch einig ist man sich in der Reitschule, dass der Freiraum den extern agierenden, ausserparlamentarischen linken Gruppen zur Verfügung stehen soll. In der Reitschule trifft sich heute die Anti-WTO-Koordination so gut wie die Antifa-Gruppen oder die «SchülerInnenkoordination», die sich seit vielen Jahren gegen die repressive staatliche Drogenpolitik engagiert.

Die Rote Fabrik verstand und versteht sich bis heute als Alternative zur staatlichen Repräsentationskultur. Die 18 teilzeitlich Angestellten, die heute mit 2,1 Millionen Franken Subventionen und einem Gesamtbudget von rund 4 Millionen Franken jährlich 300 Veranstaltungen mit insgesamt 90 000 BesucherInnen managen, sehen Selbstverwaltung und Professionalität längst nicht mehr als Gegensatz. Eine basisdemokratische Struktur mit diesem Output bedingt klare Verantwortlichkeiten und professionelle Arbeit. Trotzdem hält man daran fest, dass die RF Kulturbaustelle und basisdemokratisches Experiment ist, an dem als Mitglieder des Fabrikrats in den letzten 22 Jahren im Durchschnitt 100 bis 150 Leute beteiligt gewesen sind. Der Preis: Der 100-Prozent-Einheitslohn beträgt auch für Angestellte mit abgeschlossenem Kulturmanagement-Studium 5000 Franken. Der grösste Vorteil: Das Wissen der Aktiven wird fortwährend mit vielen geteilt. So wächst der Wissenschatz in der RF trotz der personellen Wechsel immer weiter. Unterdessen befruchtet ihr Know how ja sogar die Pro Helvetia: Deren neuer Leiter, Pius Knüsel, war zwischen 1986 und 1991 in der Arbeitsgruppe Fabrikjazz aktiv.

Der «alternative Markt» der neunziger Jahre. – So brisant der Streit um selbstverwaltete Kulturräume in den achtziger Jahren gewesen ist, so bedeutungslos schien er bereits zehn Jahre später zu sein. Nun musste sich auch die alternative Kultur den Regeln des neoliberalen Jahrzehnts unterziehen: Sie wurde nicht mehr politisch bekämpft, sondern geriet in Gefahr, auf dem Markt als erfolglosere marginalisiert zu werden – umso mehr, als für die Jugendlichen der neunziger Jahre «Alternativkultur» keine unantastbare Grösse kulturpolitischer Notwendigkeit mehr war. In den Städten schossen neue Veranstaltungsorte, Treffpunkte, Clubs und Bars aus dem Boden. «‘Alternativ‘ bedeutet in der Rückschau auch: Mangel an Alternativen», konstatierte des Nachrichtenmagazin «Facts» (17/2001). Und: «Der Mangel ist behoben. Mit der Folge, dass den ehemaligen Schrittmachern der Stillstand droht.» Wenn sich die alternativen Kulturzentren heute im Konkurrenzkampf behaupten, dann weniger wegen ihrer unbestrittenen kulturpolitischen Notwendigkeit, sondern weil sie Treffpunkte ohne Konsumzwang sind und spannende innovative Kulturschaffende früher präsentieren als kommerzielle Veranstalter. Es ist möglich, dass im neuen Jahrzehnt das Erbe der siebziger Jahre – Basisdemokratie und Selbstverwaltung als Grundlage des prozess- statt produkt-orientierten kulturpolitischen Engagements –, als skurrile Schrebergarten-Aktivität von Ewiggestrigen untergehen wird. Das Bemühen um alternative Kulturformen wird es solange geben, wie es die Überzeugung gibt, dass die stromlinienförmige Produktion von Waren nicht das einzige Mass der Kultur sein kann.

Luzern: Ein neues alternatives Kulturzentrum ab Herbst 2003? – Am 28. Mai 2002 veröffentlichte die «Interessengemeinschaft Kulturraum Boa» (Iku-Boa) eine Pressemitteilung, die mit dem Satz begann, man plane «den Betrieb des Kulturzentrums Boa im Sommer einzustellen». Als Gründe gab sie an, «städtebauliche Fehlplanungen» hätten zu «akuten Standortproblemen» und die «unklare Position der Stadt» zu «fehlenden Zukunftsperspektiven» geführt. Das Kulturzentrum in der ehemaligen Schlauchfabrik Boa ergänzte seit 1988 neben dem 1981 eröffneten, selbstverwalteten Musikhaus Sedel das Luzerner Kulturaumangebot.

Im Frühjahr 2000 kam es in der Boa nach einer grossen strukturellen und finanziellen Krise zum Kollaps. In der anschliessenden Konzeptdiskussion um einen Neustart wurden vor allem zwei Vorschläge diskutiert: Das «Kulturhaus Boa» bestandener Kulturschaffender, die mit professioneller Betriebsleitung Theater und Musik veranstalten – und «Boanova» junger Radikaler, die basisorientiert im Kollektiv experimentelle und längerfristige prozessorientierte Projekte verfolgen wollten.

Die VV votierte für «Boanova». Das Kollektiv startete auf Anfang 2001 mit einem Übergangsvertrag der Stadt, der einen Versuchsbetrieb bis Ende 2002 vorsah. Gescheitert ist es an der Obstruktionspolitik der gleichen Stadt. Unter Federführung des freisinnigen Baudirektors Kurt Bieder wurde das an die Boa angrenzende Industrieareal zum Wohngebiet umgezont. Als man mit der Überbauung begann, wurde das Kulturzentrum wegen unklarer Perspektiven mit einem unbefristeten Investitionsstopp belegt. Es folgten unter Androhung der vorsorglichen Schliessung restriktive Lärmschutzauflagen, die Rock- und Electronic-Konzerte unmöglich machten. Dann resignierte die Iku-Boa: «Die Situation verunmöglicht es, ein alternativ-kulturelles Programm zusammenzustellen.» Im Sommer 2002 präsentierte die Stadt nach der Peitsche wieder ein Zuckerbrot, indem sie einen Sanierungskredit von 1,9 Millionen und die Verdoppelung des Betriebskredits auf 400000 Franken in Aussicht stellte. Die Wiederaufnahme des regulären Betriebs wird allerdings frühestens auf Herbst 2003 möglich sein. Ob er mit alternativer Kultur noch etwas zu tun haben wird, ist offen.