Warum Timothy Leary im Wallis ein Blindeli ass

Zum Journal B-Originalbeitrag.

Lisbeth Vogt ist die liebeswürdigste Gastgeberin, die man sich denken kann. Kaum sitzt man am sonnenbeschienenen Stubentisch in ihrer Wohnung, sind Kaffee und Bündner Nusstorte serviert. Unser Gesprächsthema: Es gibt ein Foto, auf dem sie im Gespräch mit Timothy Leary zu sehen ist. Was hat es damit auf sich?

Sie legt das Familienfotoalbum vom Sommer 1971 auf den Tisch und sagt: «Wir sind an jenem Tag mit dem Döschwo ins Unterwallis gefahren.» Die Fotoserie, die sie aufschlägt, hat ihr 1988 verstorbener Mann, der Schriftsteller Walter Vogt, gemacht. Datiert ist die Serie mit dem 29. August 1971. «Damals hat Leary zusammen mit seiner Frau Rosemary in Villars-sur-Ollon in einer Ferienwohnung gelebt, offenbar gemietet.»

Leary, ein Amerikaner, ist damals weltweit bekannt als Hohepriester des LSD und als Guru der Hippiebewegung. Bis 1963 war er Psychologe an der Harvard University. Weil er sich zu intensiv mit Mescalin, Psilocybin und LSD befasste, wurde er entlassen. Er blieb diesen Drogen treu, um ihrer bewusstseinserweiternden Wirkung auf die Spur zu kommen. Im Juni 1970 wurde er ihn in Kalifornien wegen Drogenmissbrauchs zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Im September gelang ihm die Flucht nach Algerien.

Am 4. Mai 1971 ist Leary plötzlich in der Schweiz. Am 28. Juni fordert die USA seine Auslieferung, am 30. wird er deshalb in Lausanne in Auslieferungshaft gesetzt. Am 3. Juli veröffentlicht die «Gruppe Aktion Asyl für Leary» ihren Aufruf, unterzeichnet vom Schriftsteller Sergius Golowin und den Kunstmalern Hansruedi Giger und Walter Wegmüller. Am 6. Juli schreibt Walter Vogt an den «Dear Professor» im Prison Cantonale in Lausanne, bittet um Nachricht, wie es ihm gehe und bietet ihm seine Hilfe als Psychiater und Schriftsteller an.

Alles war einfach Leary, Leary, Leary

Die Schweiz liefert Leary nicht aus. Darum wird das Treffen im Wallis möglich: «Wir haben ihm ein Geschenk mitgebracht. Ich habe Züpfenteig vorbereitet und diesen leicht geschwungen zu einer Echse geformt, wie wir es damals gewöhnlich machten: auf dem Rücken mit kleinen Zacken, vorne ein Kopf und als Augen zwei Datteln. Hat man den Teig gebacken, stülpte er sich über die Datteln und die Echse sah aus, als ob sie blind wäre. Darum nannten wir unsere Züpfe jeweils ‘Blindeli’. Ein solches ‘Blindeli’ haben wir Leary mitgebracht. Er hat sich über das Geschenk gefreut.»

Ansonsten hat Lisbeth Vogt zwiespältige Erinnerungen an diesen Besuch. Die Vogts waren an jenem Tag nicht die einzigen Gäste. Ins Fotoalbum hat Walter Vogt notiert «…und Einige von der University of the New World und eine Gruppe bärtige junge Italiener, die englisch sprechen usw.» Leary habe damals im Wallis eine Universität gründen wollen, sagt Lisbeth Vogt: «Deshalb kamen diese jungen Leute und schmeichelten ihm, weil sie bei ihm studieren wollten. An jenem Tag war die neue Universität unter ihnen das Hauptthema.»

Ansonsten: Obschon es zuvor geregnet hatte, brachte Leary aus dem Haus die hellbeigen Kissen des Couchs und warf sie als Sitzgelegenheiten ins nasse Gras. «Sie waren nachher unten grün – der Vermieter wird Freude gehabt haben.» Ab und zu sei eine Schwebebahnkabine über das Areal geflogen. Die Passagiere darin hätten gewinkt, wie man das halt so mache: «Jedes Mal winkte Leary wie wild zurück, weil er überzeugt war, die Leute hätten ihn erkannt und winkten ihm persönlich.» Sie sei dort einem «wahnsinnig egozentrischen Menschen» begegnet: «Zwar war er eigentlich ein schöner Mann, der dauernd herumgetänzelt ist. Aber ich konnte mit ihm absolut nichts anfangen. Der hat dauernd plagiert. Alles war einfach Leary, Leary, Leary.»

Was wurde im nassen Gras geredet?

Genau erinnert sich Lisbeth Vogt nicht mehr an die Gespräche jenes Tages. Aber sicher habe sie Leary verständlich zu machen versucht, wie schwierig es für sie sei, ihre Familie mit drei Kindern zusammenzuhalten neben einem drogensüchtigen Mann. Denn das ist Walter Vogt damals. Seinen ersten Trip hat er Ende November 1969 geschluckt und seither hat er auch Haschisch, Kokain, Opium, Meskalin und anderes ausprobiert. In der Öffentlichkeit gilt er seit seinem ersten Buch 1965 als talentierter Schriftsteller und gesellschaftskritischer Intellektueller, zuhause feiert er mit jungen Männern Haschpartys. Und wenn die gelernte Krankenschwester Lisbeth Vogt in einem Altersheim für eine Schicht einspringt, kommt es vor, dass ihr Mann zuhause einen Trip schluckt, sich auf den Stubenboden legt und seinen älteren Sohn bittet, statt zur Schule zu gehen seine liebste Langspielplatte – «Abbey Road» von den Beatles – jeweils so schnell wie möglich zu wenden, wenn es still wird in der Stube. Im Übrigen war Vogt der Meinung, dass er bis 1971 Drogen «ohne die geringste Abhängigkeit», nur «aus psychiatrisch-literarischer Forscherneugier» konsumiert habe, wie er 1979 in einem Brief geschrieben hat.

Vielleicht erzählt Lisbeth Vogt an jenem Tag Leary auch von den Aarespaziergängen: Wie sie als Guide ihren Mann begleiten muss, wenn er auf Trip ist, und wie sie halbstundenweise wartet, wenn Vogt versunken vor einem Baum steht und sich im Anblick der Rinde verloren hat. Oder wie er bei einem winterlichen Aufenthalt auf der Riederalp gegen Abend einen Trip schluckt und verkündet, er gehe jetzt auf die Bettmeralp. Wie sie alles fallen und stehen und die Kinder allein gelassen habe, um ihn zu begleiten, weil sie befürchten musste, dass er sich kontemplierend in den Schnee legen und erfrieren könnte.

Oder wie sie im Sommer 1970 die Kinder zu ihrer Mutter in die Ferien gibt und mit Vogt in einem alten Volvo südwärts fährt. Wie sie fast in jedem Dorf die Rivella-Flasche mit Wasser füllen und in den Kühler kippen muss, weil das Auto Wasser verliert. Wie Vogt am Steuer ab und das Opiumfläschchen aus dem Chutteli nimmt und sich stärkt, «Tropfen hat er nie gezählt, er hat einfach ab und zu am Fläschli gsugget». Eine spezielle Reise: «Er opiumsüchtig am Steuer und ich daneben, die sich immer geweigert hatte, autofahren zu lernen.»

Und wie sie in der Nähe von Agrigento auf Sizilien drei Wochen am Strand verbracht haben. Wie Vogt auf Trip nicht zu einem Spaziergang zu bewegen gewesen sei und stattdessen Stunde um Stunde vor einem kleinen Sandloch sass und einem Ameisenlöwen beim Warten auf Ameisen zuschaute. «Da wollte ich wissen, ob ich das auch kann», erzählt Lisbeth Vogt. «Am nächsten Tag hat er für mich Haschisch vorbereitet. Weil ich nicht rauchen kann, hat er mir ein kleines glänzendes Stückchen zum Essen gegeben. So habe ich herausgefunden, dass auch ich mit Hasch stundenlang im Sand sitzen und aufs Meer hinausschauen kann, ohne spazieren gehen zu wollen.» Das sei ihre einzige Drogenerfahrung geblieben: «Danach wusste ich, dass man das kann. Also gut, adieu. Denn jemand von uns beiden musste ja mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.»

Ob Leary damals begriffen hat, dass es die Familie Vogt nur noch dank der bewundernswürdigen Grossherzigkeit und dem untrüglichen Realitätssinn seiner Gesprächspartnerin gab, ist nicht überliefert.

Learys Weg und Vogts Weg

Eine Universität hat Leary im Wallis nicht gegründet. Zwar hat die Schweiz seine Auslieferung an die USA abgelehnt, aber später auch sein Asylgesuch. Zur Ausreise setzt man ihm eine Frist bis zum 10. Juni 1972. Der Dürrenmatt-Biograf Ulrich Weber berichtet in seinem eben erschienenen Buch, in dieser Situation habe Golowin seine Freundschaft zu Friedrich Dürrenmatt für die Bitte genutzt, jener möge mit einem Brief «beim österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky […] um Asyl für den Drogenpropheten Timothy Leary» bitten. Tatsächlich hat Leary die Schweiz 1972 Richtung Wien verlassen, ist aber noch im gleichen Jahr in Afghanistan verhaftet, an die USA ausgeliefert und in Kalifornien wieder ins Gefängnis gesteckt worden.

1980 veröffentlicht Walter Vogt über das Ende seiner intensiven Drogenjahre das Buch «Vergessen und erinnern». Es spielt in der psychiatrischen Klinik Préfargier am Neuenburgersee, handelt von seinem stationären Entzug und beginnt mit dem Krankenblatt: «Eingetreten am 22.4. Entlassen am 29.6.1974. Diagnose: Polytoxikomanie.»

«Für mich war das Erscheinen dieses Buches eine grosse Erleichterung», sagt Lisbeth Vogt. Zuvor habe ihr Mann seine Krisen mit Depressionen erklärt. Als das Buch gedruckt war, habe sie sich gesagt: «So, von jetzt an wissen es alle, die es wissen wollen, dass er drogensüchtig gewesen ist und nicht nur depressiv. Ich war gottefroh, und wenn die Leute mich fragten: Macht dir das denn nichts aus, wenn er solche Sachen schreibt?, dann habe ich geantwortet: Nein, im Gegenteil. Es ist gut, dass er es jetzt selber öffentlich gesagt hat.»