Wann kommt der Qualitätskollaps?

In den Akutspitälern sollen alle Routineoperationen abgesagt werden; in den psychiatrischen Kliniken gibts Sonntagsbetrieb; die spitalexterne Krankenpflege garantiert nur die notwendigsten Dienstleistungen; die BewohnerInnen von Alters- und Pflegeheimen müssen damit rechnen, den Tag im Bett zu verbringen. In den Ausstand treten neben den Krankenschwestern und -pflegern auch die Assistenz- und OberärztInnen und von den Hebammen bis zu den Radiologen VertreterInnen aus elf weiteren Berufen des Gesundheitswesens.

Bereits am 14. November 2000 haben im Kanton Bern etwa 10’000 Angestellte des Gesundheitswesens auf ihre prekären Arbeitsbedingungen hingewiesen. Danach erklärte sich die Kantonsregierung zu Verhandlungen mit den Personalverbänden bereit und gab eine Studie mit dem Titel «Verbesserung der Arbeitssituation im Pflegebereich» in Auftrag.

Zurzeit liegen verwaltungsintern erste Teile der Studie vor, der Regierungsrat will noch vor Monatsende ein «Päckli» schnüren, das – man kann es sich vorstellen – zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben versprechen wird. Was vom «Päckli» schliesslich übrig bleibt, entscheidet der Grosse Rat in der Juni-Session. Überzeugen wird dort weniger sozialpolitische Weitsicht als vielmehr der Druck von unten und der Respekt vor den Erneuerungswahlen von 2002. Die VPOD-Sekretärin Bettina Dauwalder spricht deshalb auch von einem «Durchsetzungsstreik». Über seine Durchführung wird formell am 2. Mai entschieden – daran, dass er stattfindet, zweifelt niemand.

Excusé, i mues leider witter

Urs Weyermann, Sekretär des Berufsverbands des Pflegepersonals (SBK), schätzt, dass es zurzeit schweizweit «sicher mehr als 2000 offene Stellen» gibt. Fünfzig davon bietet die Internet-«Stellenbörse» des Berner Inselspitals an. Hier verdienen MitarbeiterInnen mit der Vermittlung von neuen Arbeitskräften unterdessen einen Zustupf: eine Anstellung unter 50 Prozent wird mit 400 Franken honoriert, eine höherprozentige mit 800 Franken.

Seit 26 Jahren arbeitet Karin Hohloch als Krankenschwester in der Notfallabteilung eines kantonalen Spitals. Sie spricht von einer Schere, die sich immer stärker öffne: auf der einen Seite der sinkende Personalbestand, auf der anderen die steigende Zahl der PatientInnen, zum Beispiel wegen der Schliessung mehrerer kleinerer Regionalspitäler oder der Bettenschliessungen auf anderen Abteilungen - notabene wegen Personalmangels. Dazu kämen die Zunahme pflegeintensiver, komplexer Krankheitsbilder gerade bei älteren PatientInnen und die neuen operativen und pharmakologischen Möglichkeiten der Apparatemedizin. Beispielsweise HerzinfarktpatientInnen würden heute nicht mehr für längere Zeit möglichst ruhiggestellt, sondern direkt nach der Einweisung intensiv medikamentös betreut. Dieses neue Vorgehen sei zwar erfolgversprechender, blockiere jedoch ein bis zwei Pflegende durch Einszueinsbetreuung mindestens eine Stunde lang. Wie man diese Arbeit verrichten solle, wenn man sowieso schon den ganzen Tag mit einem «Excusé, i mues leider witter» von Bett zu Bett eile? Darum kämpfe sie für bessere Rahmenbedingungen, denn der Beruf sei nach wie vor interessant.

Ein weiteres Problem: die «Drehtüren-Medizin». Weil bestimmte Diagnosen von den Krankenkassen unterdessen mit Pauschalen abgegolten werden, schickt man die PatientInnen möglichst schnell nach Hause. Damit steigt einerseits das Risiko von Rehospitalisierungen, andererseits die Belastung für die spitalexternen Dienste. Vor allem wegen dieser Art von Entlassungen sei es im Jahr 2000 zur Zunahme von «längeren und aufwendigeren» Betreuungen und 13 Prozent mehr Pflegestunden gekommen, heisst es im Jahresbericht der städtischen «Spitex Bern», der grössten Spitex-Organisation des Kantons. Da es in Bern für die Mehrarbeit kein zusätzliches Geld gibt, hofft man auf den neuen Geschäftsführer Marcel Rüfenacht, einen ehemaligen Swisscom-Manager, der gleich bei Stellenantritt in der «Berner Zeitung» darüber sinniert hat, dass «viele unserer Mitarbeiter fast zu sozial eingestellt» seien (20.12.2000). Sein Rezept: «Noch intensiver Produktivität und Effizienz steigern» («Bund», 17.4.2001) – als ob das Spitex-Personal nicht schon heute mit der Stoppuhr arbeiten würde.

Verwahrung in Heimen und Kliniken

Ein weiteres Problem für die Spitexdienste sind die wachsenden Wartelisten der öffentlichen Altersheime. Bloss: Dort sieht es nicht besser aus. Am 11. Januar 2001 trat eine Aktionsgemeinschaft «So nicht mehr» an die Öffentlichkeit und schilderte den Pflegealltag in den Heimen so: Die BewohnerInnen könnten nur noch einmal pro Woche geduscht werden und würden zum Teil bereits um 16 Uhr zu Bett gebracht. Viele müssten im Bett angebunden oder medikamentös ruhiggestellt werden, weil niemand Zeit finde, sich mit ihnen zu beschäftigen. Weil die PatientInnen bei den Mahlzeiten nicht unterstützt werden könnten, würden sie zum Teil zu wenig trinken, zum Teil seien sie mangelernährt. Bettlägerige könnten nicht mehr häufig genug umgelagert werden, was zu offenen Druckgeschwüren führe und operative Eingriffe nötig mache.

Am 10. Oktober 2000, dem letztjährigen «Tag des psychisch kranken Menschen», schlug schliesslich der Interlakner Psychiatrie-Chefarzt Ueli Corrodi als Leiter der Psychiatrischen Institutionen im Kanton Bern Alarm: In der Klinik Münsingen zum Beispiel hätten seit 1991 die jährlichen Eintritte um 49 Prozent zugenommen, gleichzeitig sei der Personalbestand um 29 Prozent reduziert worden. Er warnte vor einer «Verwahrungspsychiatrie», die lediglich noch medikamentös ruhigstelle ohne «ärztlich-therapeutische Zuwendung» und «reintegrierende Massnahmen». Was drohe, sagte Corrodi, sei innert Kürze ein «Qualitätskollaps».

Überall dasselbe: Unterbezahlung, zunehmender Personalmangel und unverantwortliche Überbelastung jener, die trotzdem weiterarbeiten. Von daher ist es verständlich, dass auf den Pflegeabteilungen PraktikantInnen sofort als 100-Prozent-Arbeitskräfte in den Stellenplan aufgenommen und vom ersten Arbeitstag an ohne Anleitung und Begleitung eingesetzt werden. Verständlich aber auch, dass eine solche Arbeit mit häufigen Schicht- und Wochenenddiensten in Zeiten des Wirtschaftsbooms den Jugendlichen zu wenig berufliche Perspektiven bietet. Johannes Flury, Leiter des Departements Berufsbildung beim Schweizerischen Roten Kreuz, bestätigt, dass heute mindestens 25 Prozent der jährlich 4500 benötigten Pflegepersonen aus dem Ausland «importiert» werden, wobei sich das Rekrutierungsgebiet der Deutschschweiz zurzeit Richtung Osten verschiebe: von der Ex-DDR Richtung Polen und Weissrussland. Dazu komme, dass in der Schweiz heute die vorhandenen Ausbildungsplätze nicht mehr alle besetzt werden könnten. Nimmt man die demographischen Voraussagen hinzu – zu erwarten sind mehr alte, pflegebedürftige Menschen – und die steigende Zahl ausgebrannter AussteigerInnen, wird sich die Personalknappheit in den kommenden Jahren noch verschärfen.

Mehr Geld für mehr Qualität

Zurzeit, sagt die Sekretärin des kantonalbernischen SBK, Elisabeth Jacchini, sei es spannend, für das Pflegepersonal zu arbeiten – trotz der schwierigen Situation seien die Versammlungen immer durchwegs gut besucht und getragen von grossem Elan und vielen Hoffnungen. Die optimistische Stimmung und das dezidierte Auftreten des Personals beobachtet auch Dauwalder: Man sei misstrauisch geworden gegenüber Versprechungen und sei froh, dass jetzt endlich etwas gehe.

Mit der Doppelforderung «Jetzt aufwärts mit Lohn und Qualität» steht die bernische Auseinandersetzung in der Reihe der Arbeitskämpfe, mit denen das Gesundheitspersonal gegen die Diskriminierung traditioneller Frauenberufe angehen will: Im Kanton Zürich kommt es nach einer gutgeheissenen Lohngleichheitsklage zur einmaligen Nachzahlung von 280 Millionen Franken und einer Lohnaufbesserung von 11 bis 18 Prozent ab dem 1. Juli 2001. Im Kanton Solothurn bietet die Regierung als Reaktion auf eine Petition mit 11’000 Unterschriften und eine erfolgreiche Lohnklage von Physiotherapeutinnen konkrete Verbesserungen an; das letzte Wort hat auch dort das Kantonsparlament. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden erhielt das Spitalpersonal nach Protestpausen und einem Aufmarsch vor dem Kantonsratssaal Ende letzten Jahres die geforderte Lohnerhöhung von 5 Prozent. In vielen weiteren Kantonen werden – unterstützt von VPOD und SBK - die gleichen Kämpfe geführt.

Aber nicht um die geschlechterpolitische Forderung nach gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit geht es in erster Linie, wie die Vertreterinnen der Bewegung immer wieder betonen. In erster Linie geht es um die teilweise vom Geld abhängige «Qualität» – und zwar in zweifacher Hinsicht:

• Einerseits geht es um die Qualität der Dienstleistung, also um die «Qualitätssicherung», wie sie auch das Krankenversicherungsgesetz fordert. Diese Qualität muss vergleichbar, also messbar sein. Aber wie misst man im Pflegebereich die Qualität einer Sterbebegleitung oder der Grad der «Patientenzufriedenheit», die sich nicht nur auf den Heilungsverlauf und das Rehospitalisierungsrisiko, sondern auch auf das Verhältnis zwischen den Pflegenden und den PatientInnen auswirkt? Hier ist die Pflegewissenschaft gefordert, die seit letztem Jahr an der Universität Basel über einen ersten schweizerischen Lehrstuhl verfügt.

• Andererseits gibt es aber auch eine Qualität der Arbeit. Hier geht es nicht nur um die Wertschätzung der Arbeit durch gerechte Entlöhnung, sondern schlicht um erträgliche Arbeitsbedingungen. Karin Hohloch sagt es so: «Eine 100 Prozent-Anstellung hält heute kaum mehr jemand über längere Zeit aus.» Die Festsetzung dieser Qualität, die über das längerfristige Verbleiben im Beruf ohne Stresserkrankungen und schliesslichem Burn-out entscheidet, liegt bei der Politik. Sie trägt die Verantwortung, wenn sich der Pflegenotstand in den kommenden Monaten und Jahren noch verschärfen sollte.

Der Streik des Pflegepersonals hat damals stattgefunden. Höhepunkt war ein Protestmarsch, an dem in der Stadt Bern 14'000 Personen teilnahmen. Die im Text erwähnte Elisabeth Jacchini schrieb im Rückblick: «Der Streiktag und die Vorbereitungszeit vom 9.5.01 werden mir und den meisten Beteiligten wohl noch lange in guter Erinnerung bleiben. Der Satz, der mir am 9. Mai während des ganzen Tages durch den Kopf ging, war: ‘Nun ist die Pflege endgültig erwacht!’» (Schrittmacherin, Nr. 3/2001) Das Problem freilich ist aktuell geblieben: Am 29. November 2017 ist die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» des SBK (unterdessen «Schweizer Verband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner») formell zustande gekommen. Am 9. März 2018 hat der Bundesrat die Initiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Die parlamentarischen Beratungen sollen 2019 beginnen, die Volksabstimmung 2021/2022 stattfinden. (2.12.2018)

 

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Pflege: Beruf mit Visionen

1921 wandte sich der Zürcher Stadtarzt Max Krucker an der Hauptversammlung des zürcherischen Krankenpflegevereins mahnend an die Krankenschwestern: «Wie unendlich wohl tut es Kranken und Angehörigen, wenn sie herausfühlen, dass sie an der Pflegerin nicht einen berechnenden Berufs-, sondern einen Gemütsmenschen vor sich haben. Darum, meine lieben Schwestern, kehrt zurück zur Innerlichkeit, zur Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und Einfachheit!» In einem eben erschienen Aufsatz der Pflegewissenschaftlerinnen Rebecca Spirig, Heidi Petry, Annemarie Kesselring und Sabina De Geest heisst es: «Damit klientInnenorientiert geführt werden kann, muss die Pflege hierarchisch der verwaltungstechnischen und medizinischen Führung gleichgestellt sein. [...] Das gemeinsam anzustrebende Ziel ist, PatientInnen kompetent, wirksam und auch kostenbewusst zu pflegen.» («Pflege», Nr. 3/2001)

In den letzten achtzig Jahren hat sich die Pflege vom patriarchal dominierten Hilfsberuf der Medizin zum Alltags-, Gesundheits- und Krankheitsmanagement für KlientInnen und deren soziale Netze in einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt. Im Rahmen dieser komplexen Führungsaufgabe müsste heute eigentlich das diagnostische und therapeutische Spezialistentum der Medizin als Hilfsberuf der Pflege bezeichnet werden.

Im erwähnten Aufsatz wird die Zukunft der Pflege aufgrund einer Expertenumfrage in der deutschsprachigen Schweiz in fünf Punkte gefasst:

1. Gesundheits- und Krankheitsmanagement; inklusive Assessment [Abklärung, Einschätzung und Planung, fl.], Diagnostik und Interventionen gemeinsam mit Betroffenen.

2. Beschreibung und Sicherung der Qualität von Pflegeangeboten und der Pflegearbeit.

3. Aufbau von partizipativen Beziehungen, welche auf «Caring» (Sorge tragen, sich sorgen) basieren.

4. Schulung und Information von betroffenen Personen und Gruppen.

5. Management von sich schnell verändernden, komplexen Krisensituationen in der direkten Pflege.