Vom Jahrhundertprojekt zum Debakel

Die beiden Seminare Biel und Langenthal werden voraussichtlich im Sommer geschlossen, über siebzig DozentInnen verlieren ihre Stelle. Sie sind Opfer der Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, die ursprünglich ein vernünftiges Ziel verfolgte. Denn unbestritten: Die Überwindung des Kantönligeists ist bildungspolitisch überfällig. Die LehrerInnen haben ein Recht darauf, dass ihre Berufsdiplome nicht nur kantonal, sondern auch national und international anerkannt werden. Und die Komplexität der Aufgaben ihres Berufs rechtfertigt allemal die Ausbildung an einer Pädagogischen Hochschule. 

314 statt 760 Studierende

Solche bildungspolitischen Postulate standen bereits am Anfang der Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung (LLB). 1978 schrieb die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz: «Die Allgemeinbildung des Lehrers hat Maturitätsniveau zu erreichen.» 1984 wurde im Kanton Bern das Projekt «Gesamtkonzeption Lehrerinnen- und Lehrerbildung» gestartet. Die Ausbildung sollte auch hier nicht mehr an seminaristischen Mittelschulen durchgeführt, sondern auf Hochschul- oder Fachhochschulniveau angehoben, das heisst «tertiarisiert» werden. Neu sollte gelten: Zuerst die Matur, dann der Berufsentscheid für die Schule.

In der «Aussenbetrachtung» des Reformprozesses, die die beiden Experten Lucien Criblez und Kurt Reusser im Auftrag des bernischen Grossen Rates verfassten und im Frühling 2001 veröffentlichten, attestierten sie denn auch, die bernische LLB-Konzeption sei im gesamtschweizerischen Vergleich «innovativ» und «wegweisend». Das Problem war ganz offensichtlich nicht die grosse Idee, sondern ihre Umsetzung durch das Berner Erziehungsdepartement unter Mario Annoni (FDP).

Ein halbes Jahr vor dem LLB-Start kritisierten Criblez und Reusser unter anderem, die Struktur der Umsetzung sei unklar, das Projektmanagement zu verwaltungszentriert und das Controlling ungenügend – als Projektleiterin etwa amtete jahrelang Heidi Marti, Altphilologin ohne Erfahrung mit der LehrerInnenbildung, dafür Ehefrau von Andreas Marti, dem Generalsekretär im Erziehungsdepartement. Erstere kündigte vor der Veröffentlichung des Expertenberichts; letzterer, ein SVP-Mitglied, wurde zum Direktor des geplanten Paul Klee-Museums wegbefördert.

In den Wochen, in denen dieser Bericht öffentlich diskutiert wurde, mussten sich die MaturandInnen im Kanton entscheiden, ob sie sich für den ersten LLB-Ausbildungsgang einschreiben wollten – die Erziehungsdirektion rechnete mit 760 Anmeldungen. Nach Ablauf der regulären Anmeldefrist waren es dann 289, nach Fristverlängerungen bis unmittelbar vor Studienbeginn 374, kurz darauf noch 314, weil 60 sich zwar angemeldet, aber nicht immatrikuliert hatten. Von den erwarteten 440 StudentInnen im Unter- und Mittelstufenbereich kamen gerade 135 – 126 Frauen und 9 Männer. Den Frauenanteil von über neunzig Prozent kommentierte Albert Tanner, Historiker und Direktor am LLB-Institut Bern-Marzili, lakonisch: «In vielen Berufen ging im 20. Jahrhundert ein wachsender Frauenanteil mit einem Rückgang des gesellschaftlichen Prestiges des betreffenden Berufes einher.» («Bund», 1.10.01)

Kreative Profilierungspläne

Weil die Erziehungsdirektion die LLB-Ausbildung an die Universität Bern angliedern wollte, strebte sie ihre Zentralisierung in der Hauptstadt an. Der Grosse Rat jedoch setzte dagegen aus bildungs- und regionenpolitischen Gründen eine dezentrale Lösung durch. Deshalb heisst es im Artikel 202 der am 1. September 2001 in Kraft gesetzten Verordnung: «Institute werden in den Regionen Bern, Oberaargau, Oberland und Seeland geführt.» So musste die Erziehungsdirektion die neue Ausbildung contre coeur in vier regionalen Instituten aufnehmen. Gleichzeitig erteilte sie diesen den Auftrag, ein je unverwechselbares Profil zu entwickeln. 

In Biel machte man sich an die Arbeit und entwarf zusammen mit der Eidgenössischen Sportschule in Magglingen ein Konzept, das SpitzensportlerInnen eine berufsbegleitende LehrerInnen-Ausbildung anbieten sollte. Ein weiterer Plan war, innerhalb der LLB Biel ein musikalisches Fortbildungszentrum aufzubauen. Schliesslich wollte man Biels Zweisprachigkeit nutzen und einen Bildungsweg aufbauen, der das Unterrichten diesseits und jenseits der Sprachgrenze ermöglichen würde. Eine erfolgversprechende Idee, wie das Beispiel der Pädagogischen Hochschule in Fribourg zeigt: Fünf Monate vor dem Einschreibetermin hat man dort – so der dortige Leiter Gabriel Schneuwly – bereits 94 Voranmeldungen habe für die 100 Studienplätze («Freiburger Nachrichten», 11.1.2002). Übrigens, wen wunderts, auch solche aus dem Kanton Bern.

Als Annoni dann am 20. Dezember völlig überraschend bekannt gab, das die LLB-Institute Biel und Langenthal auf Ende des ersten Schuljahrs geschlossen würden, sprach zwar der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli (SP) von einem «weiteren Meilenstein im Scheitern der bernischen Bildungspolitik». Doch die kantonale SP wie die FDP applaudierten Annoni – obwohl sie wissen müssen, dass der absehbare LehrerInnenmangel, der dem StudentInnenmangel folgen wird, sich mit der Schliessung von Ausbildungsstätten noch verschärft. 

Die Gründe für Annonis Entscheid sind denn auch vermutlich nicht bildungspolitischer Natur: Unter dem Druck der staatstragenden Berner SVP soll der Kanton von seinen 11 Milliarden Franken Schulden ab 2003 jährlich 270 Millionen abtragen. In dieser Situation hat der auch bei der SVP nicht unbestrittene Annoni – als freisinniger Juniorpartner und Quotenjurassier Regierungsrat von SVPs Gnaden – mit einem bildungspolitischen Sparopfer seine Wiederwahl im kommenden April zu sichern versucht.

Aufkeimender Widerstand

Aber wiedergewählt ist er noch nicht: Mitte letzter Woche hat Peter Santschi, ein Brienzer Parteikollege Annonis, das Tertiarisierungsmodell der Erziehungsdirektion vollständig in Frage gestellt. Er brachte eine Motion durch den Grossen Rat, die verlangt, die Angliederung der LLB an die Universität sei zu stoppen und eine Pädagogische Hochschule zu schaffen. Eine solche könnte auf das kantonseigene «von Roll-Areal» im Berner Länggassquartier zu stehen kommen. Kostenpunkt: 30 Millionen Franken, betriebsbereit: frühestens um 2010.

An einer Pressekonferenz am Mittwoch dieser Woche wiesen nun die vor der Kündigung stehenden DozentInnen des LLB-Instituts Biel auf einen verblüffend einfachen Weg aus der verfahrenen Situation hin. Sie schlagen vor, die Pädagogische Hochschule bereits im Herbst, auf das neue Schuljahr, und zwar in Biel zu eröffnen. Die Idee ist bestechend: Die LLB-Ausbildung läuft dort bereits, Know-how und Platz zum Ausbau sind vorhanden, die Zusammenarbeit mit Magglingen, Konzepte für eine mehrsprachige Ausbildung und die musikalische Fortbildung können sofort reaktiviert werden. Wirklich: Warum eine Infrastruktur zerstören, wenn sie mit hundertprozentiger Sicherheit innert Kürze mit grossem Kraft- und Kostenaufwand wieder wird aufgebaut werden muss?

 

[Zweittext]

Lehrkräfte werden zwischen den Seminaren hin- und hergeschoben

Produktion von KöfferlididaktikerInnen

Für viele, die an den alten Seminaren unterrichteten, war der Weg in die neue Lehrerinnen- und Lehrerbildung (LLB) voller Fallstricke.

Die drei dunklen Klötze hinter den verregneten Sportplätzen, das ist die Bieler Schulanlage Linde, der Wald rechterhand heisst Längholz, jener im Hintergrund Chräjenberg. Ein bisschen viel nackter Beton, dafür ist der Bau grosszügig und zweckmässig – und geschmackvoller als die symbolische Todesanzeige, die auf der Theke des Sekretariats an einer Blumenvase lehnt: Die KollegInnen in Spiez drücken ihr Mitgefühl aus, dass es Biel erwischt hat und nicht sie. Noch diesen Sommer soll dieses Seminar geschlossen werden.

«Klar ist eine Anteilnahme da, aber mehr nicht», sagt Reto Capol in der Mensa, die jetzt, mitten im Vormittag, fast leer ist. In den nächsten Wochen wird er die Kündigung erhalten. Vor zwanzig Jahren hat er hier am Lehrerinnen- und Lehrerseminar mit einem Konzertdiplom und einem Abschluss am höheren Lehramt Querflöte und Musikdidaktik zu unterrichten begonnen. 

Von der Reform der Lehrer- und Lehrerinnenbildung (LLB) war schon in den achtziger Jahren die Rede. Direkt konfrontiert wurden die Lehrkräfte an den verschiedenen kantonalen Seminaren dann 1994, als mit ihrer «Überführung» von der alten in die neue Struktur begonnen wurde. Capol: «1994 gab die Erziehungsdirektion die Weisung heraus, wir müssten uns entscheiden, ob wir zukünftig in der neuen Lehrerbildung tätig sein wollten oder in der gymnasialen Bildung, die dafür die Voraussetzung werden sollte. Mischpensen sollten nicht möglich sein.» Festlegen sollten sich die Lehrkräfte zudem, ob sie KindergärtnerInnen und UnterstufenlehrerInnen oder MittelstufenlehrerInnen ausbilden wollten. Die Ausbildung für die Oberstufe sollte neu in Bern mit dem Sekundarschul-Lehramt zusammengelegt werden.

Capol erinnert sich: «Schnell wurde klar, dass für die Überführung formale Kriterien gewählt wurden: Hast du ein Doktorat? ein Lizentiat? andere Papiere? Kriegst du, als Musiker oder Musikerin zum Beispiel, für deine Papiere eine sogenannte Aquivalenzanerkennung? Plötzlich waren die bisher gültigen Diplome nicht mehr gut genug. Dazu kam die Anciennität. Wie lange arbeitest du hier? Keine Rolle spielten Qualifikationen aus Weiterbildungen oder die Qualität der Arbeit. Da wollte sich niemand die Finger verbrennen. Ich persönlich optierte damals für die Unterstufe des LLB-Instituts – auch weil hier ein Kollege, der länger da war, eine Anstellung auf der Mittelstufe wünschte. Der Entscheid war schwierig, weil niemand im kantonalen Quervergleich seine genaue Position in der Anciennitätshierarchie kannte.»

Aufgeteilt wurden die Lehrkräfte zudem in sechs Kategorien, die die individuellen Anstellungsbedingungen spiegelten. Weil man im Kanton Bern bereits seit 1991 niemand mehr unbefristet angestellt hatte, gab es Lehrkräfte mit mehreren Jahren Praxis, die in den schlechtesten Kategorien eingeteilt und deshalb in der ersten «Überführungsrunde» gar nicht erst berücksichtigt wurden. Sie mussten später nehmen, was übrigblieb. Dass die «Überführung» Gelegenheit gab, alte Rechnungen zu begleichen, liegt auf der Hand. En passant konnten lokale Seilschaften zerschlagen werden – nicht zuletzt am Seminar Biel, das als engagiertes und der kantonalen Erziehungsdirektion gegenüber kritisches Institut galt. Unbequemen der ersten Kategorie wurde zwar das «Referenzpensum» zugestanden, jedoch aufgeteilt auf die vier vorgesehenen LLB-Institute in Bern, Spiez, Langenthal und Biel. Wie diese «KöfferlididaktikerInnen» ihr Pensum stundenplantechnisch bewältigen sollten, war nicht das Problem der Zuständigen in Bern.

Im Oktober 2001 starteten die LLB-Kurse schliesslich in Bern, Spiez und Biel; Langenthal musste sich wegen fehlender Anmeldungen mit einem Kurs für WiedereinsteigerInnen begnügen. «Hier in Biel hatten wir gerade genügend Anmeldungen, um starten zu können», sagt Capol. Wegen der fehlenden StudentInnen forderte die Erziehungsdirektion, die Institute müssten «Eigenverantwortung» übernehmen. Zusammen mit einer PR-Agentur plante man deshalb in Biel eine gross angelegte Werbeaktion. Mit einem Mailing sollten sämtliche erreichbaren, möglichen InteressentInnen der Kantone Bern und Solothurn auf das Angebot in Biel hingewiesen werden und darauf, dass bis zum 15. Februar 30 Anmeldungen vorliegen müssten, damit im Herbst der zweite LLB-Jahrgang starten könne. Am 21. Dezember sollten die Flyer in Druck gehen.

Am Abend des 20. Dezembers trat der Berner Erziehungsdirektor Mario Annoni vor die Medien und gab bekannt, dass die LLB-Institute in Langenthal und Biel auf Ende des ersten Ausbildungsjahrs geschlossen würden. 30 Vollstellen würden abgebaut, insgesamt 71 Leute entlassen. Weil die «Überführung» abgeschlossen sei, hätten die Lehrkräfte kein Anrecht auf eine Beschäftigung in den weiter bestehenden Instituten Bern oder Spiez, wohin im Übrigen die in Biel und Langenthal Studierenden zu wechseln hätten. 

Als Sozialplan für jene, die im Glücksspiel «Überführung» Pech gehabt haben, ist die vorzeitige Pensionierung ab sechzig vorgesehen. Die Jüngeren dürfen auf Kantonskosten an einem zweitägigen Workshop eine berufliche Standortbestimmung vornehmen – oder sich, wie Annoni gegenüber der Presse hat verlauten lassen, auf dem «ausgetrockneten Lehrer-Stellenmarkt» umsehen.