Umsturz statt Filzlaus

Am letzten Montagabend [4.5.1987, fl.] hat die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) im Alten Schlachthaus eine Diskussion zum Thema «Kulturpolitik der Stadt Bern» durchgeführt. Vor überfülltem Saal nahmen auf dem Podium Platz: Peter J. Betts, Kultursekretär der Stadt Bern; Gret Haller, Gemeinderätin; Christian Jaquet, Komitee Gaswerk für alle; Andreas Schärer, Kultursekretär der Stadt Biel; Daniel von Rüti, IKuR und Ruedi Wyss, Jazz Now Bern. Gesprächsleitung hatte der BZ-Kulturredaktor Christoph Reichenau.

Zwei Charakteristika prägen seit vielen Jahren die städtische Kulturverhinderung. Wyss: «In dieser Stadt hat es System, wie mit Freiraum umgegangen wird. Jeweils im letzten Moment, wenn überhaupt, wird etwas freigegeben, aber nie mit einer Grosszügigkeit, die nötig wäre, damit etwas entstehen kann. Es ist eine Tatsache, dass über Raumverknappung in Bern seit Jahren bestimmte Kulturformen verhindert werden.» Das zweite Charakteristikum schilderte von Rüti: «Wer nicht kriecht, läuft leer in dieser Stadt. Was ist das für eine kulturpolitische Situation, wenn man derart Rücksicht nehmen muss auf die ganze Vetterliwirtschaft, dass eine offene politische Auseinandersetzung gar nicht möglich ist? Hier in Bern sitzt ein haarsträubender Filz herum. Und da sitzen Sie, Herr Betts, als Filzlaus mittendrin.»

Nicht nur Raumverknappung und Filz, sondern Kulturpolitik überhaupt hat für den Kultursekretär Betts am ehesten mit Zufall zu tun: «Ich glaube, auf dem Gaswerkareal ist mit der Dampfzentrale irgendetwas zustande gekommen. Die Arbeitsgruppe hat einfach zufälligerweise schnell geschaltet.»

Dass «Filzlaus» nicht das einzig mögliche Kulturverständnis eines Kultursekretärs ist, machte Schärer aus Biel klar: «Meine Aufgabe ist, die Bedürfnisse dort aufzunehmen, wo sie die Betroffenen formulieren und mich nicht benebeln zu lassen vom Dunst in den Kommissionen. Ich verstehe mich vehement als jener, der sich zum Anwalt der nicht-etablierten Bedürfnisse macht.»

Während sich heute die Kulturszene in Bern real zwischen Dampfzentrale und Reithalle spaltet, wurden gerade von etablierter Seite und vom Gesprächsleiter die «gleichgerichteten Interessen» betont. Unverblümt plädierte Haller für Kultur als Integrationsinstrument. «Die ‘unsicheren’ Kulturisten sollten sich mit den ‘sichern’ durchmischen. Solche Gruppierungen würden verhandlungsweise mehr erreichen.» Dass an den Begriffen «Kultur» und «Politik» unversöhnliche Gegensätze aufbrechen, wurde von der «Harmonika» übersehen.

Ein Dilemma der Situation formulierte aus dem Publikum der Direktor des Kunstmuseums, Hans Christoph von Tavel. «In dieser Stadt gibt es einfach keinen potenten Interessenvertreter der Kultur.» Ein zweites der Liedermacher Ändu Flückiger. Als Jaquet vermutete, es sei offenbar «das Bedürfnis nach einem Silberstreif am Horizont», rief er vehement: «Nein, nach einem totalen Umsturz!»