Suche nach dem Knüller

Wenn in der Sektion Baden der GBI-Unia-Vorstand zusammen mit dem Smuv-Vorstand tagt, ist Marianne Kesselring unter rund zwanzig Männern die einzige Frau. Und die zentrale Diskussion der letzten Zeit – das Rentenalter 60 im Baugewerbe – betraf lauter klassische Männerberufe.

Als Zuständige für die Anliegen der Frauen kämpft sie zurzeit vor allem darum, dass eine zweite Frau in den Vorstand der Sektion gewählt wird. Und am 7. April hat sie an der dritten Delegiertenversammlung der Dienstleistungsgewerkschaft Unia in Bern für die schrittweise Realisierung der interprofessionellen Gewerkschaft gestimmt, die im Herbst 2004 entstehen und – in Grossbuchstaben – UNIA heissen wird. «In dieser neuen Gewerkschaft», sagt Kesselring, «soll der wachsende Teriärsektor gestärkt werden, in dem es viele schlecht bezahlte Frauenberufe gibt».

Beraterin von Studierenden

Die Fotowerkstatt der Zeichnungs- und Werklehrerinnen und -lehrer an der Hochschule für Gestaltung an der Herostrasse 5 in Altstetten ist ein fensterloser Schulungsraum mit Türen zu den Dunkelkammern und zum Fotolabor. Computer gibt es keine, hier werden die Fotos noch analog hergestellt – die Filme entwickelt und Bilder von Hand vergrössert. An der Wand eine lange Reihe abgeschlossener grauer Schränke mit Aufschriften wie «Pentax», «Nikon» oder «Epson». In der Mitte des Raums ein grosser Tisch, drum herum vierzehn Stühle. Auf dieses Jahr hat Marianne Kesselring hier die Fotoassistenzstelle angetreten, ihr Arbeitstisch steht neben der Eingangstür.

«Mein Job ist es, die Werkstatt zu betreuen», sagt sie. Zu ihrem Pflichtenheft gehören Einkauf, Ausleihe und Kontrolle der Kameras, die Wartung der ganzen Infrastruktur und die Betreuung der kleinen Fotowerkstatt-Bibliothek. Dazu kommt das Assistieren von Dozierenden, wenn sie hier Gruppenunterrichte erteilen. Vor allem aber berät sie jene Studierenden, die irgendein fotografisches Problem haben: Wie macht man eine fotografische Dokumentation für eine schriftliche Arbeit? Welche Art von Bildern ist dazu nützlich? Welche Kamera dient am besten für die gestellte Aufgabe? Et cetera. Kesselrings Erfahrung: «Diese Leute sind interessiert an der Gestaltung und gehen ein auf das, was ich erkläre – ein schönes Schaffen. Ich muss niemandem etwas aufdrängen. Die Leute hier haben Freude an dem, was sie machen.»

Seit der Geburt ihrer Tochter Björk im Februar 2000 muss Kesselring das Berufsleben und die Rolle als Mutter unter einen Hut bringen. Zuvor schnupperte sie in vielen Berufen und musste lediglich darauf schauen, genügend zu verdienen, damit sie immer wieder das tun konnte, was sie am liebsten tut: fotografieren, zeichnen und schreiben.

Um das leidige Problem des Geldverdienens endgültig zu lösen, hat sie zusammen mit vier Kollegen und Kolleginnen die «Knüller AG» gegründet: «Wir sind auf der Suche nach dem Knüller, der uns reich macht.» An sporadischen Sitzungen tragen die fünf hochgeheime Ideen zusammen zur Lancierung und Vermarktung eines ultimativen Knüllers. Alle Mitglieder der Knüller AG seien unentwegt in verschiedensten Bereichen aktiv, sagt sie, bloss reich geworden sei man noch nicht. «Wir wollen so reich werden, dass wir nicht mehr auf Lohnarbeit abgewiesen sind.»

Gewerkschaft als Frauensache

Marianne Kesselring entspricht nicht dem Bild, das man sich von einer Gewerkschafterin macht. Persönlich würde sie zweifellos eher für eine ausgefallene Idee als für mehr Stundenlohn auf die Strasse gehen. Als Gewerkschafterin allerdings sagt sie: «Ich finde es wichtig, dass die Frauen nicht schlechter entlöhnt  werden als die Männer und dass das Gefälle zwischen arm und reich nicht noch grösser wird.»

Aber warum ist sie als gelernte Fotografin in der Unia und nicht in der Mediengewerkschaft Comedia? «Weil für mich die Unia die wichtigste Gewerkschaft ist», sagt sie. «Die Unia hat einen Frauenanteil von knapp sechzig Prozent. Ansonsten sind Gewerkschaften häufig weitgehend Männersache» Bei der Unia sei das anders: «Spricht man von ihr, dann spricht man von der Frauengewerkschaft. Dass sie stark wird, interessiert mich.»

Dann hat also ihr Brotberuf als Fotoassistentin gar nichts mit ihrem Gewerkschaftsengagement zu tun? «Die Unia ist mein Hobby», sagt sie und lacht.

 

[Kasten]

Zwischen Beruf und Berufung

Ein Fehlstart: Die KV-Ausbildung brach Marianne Kesselring ab, weil sie schnell genug hatte davon.     Stattdessen machte sie den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Zürich und anschliessend in einem Atelier die vierjährige Ausbildung zur Fotografin.

Nach einem Jahr auf dem Beruf beginnt sie für sich zu zeichnen, zu malen und zu bildhauern, das Geld verdient sie mit verschiedenen Jobs. Zwischendurch stempelt sie. Der Versuch, an der Zürcher Schauspielakademie in die Ausbildung als Regisseurin aufgenommen zu werden, scheitert. So engagiert sie sich beim Aufbau des alternativen Aargauer Lokalradios «Kanal K» und arbeitet dort in der Frauenredaktion mit. Danach ist sie Journalistin und Fotografin bei den «Aarauer Nachrichten», Pressechefin des Figuratheater-Festivals in Baden, danach Mitarbeiterin der Jugendzeitschrift «junior».

Seit Januar 2003 arbeitet sie zu 30 Prozent als Fotoassistentin an der Hochschule für Gestaltung in Altstetten, was bei einem Stundenlohn von 39 Franken ein monatliches Sockeleinkommen von rund 1800 Franken ergibt. Nach Möglichkeit bessert sie es mit Aufträgen und Jobs auf. Marianne Kesselring wurde1964 geboren und lebt in Brugg.

Mein Titelvorschlag lautete «Ein ziemlich spezielles Hobby».