Sie weiss alles über Jobs

Fast eine kleine Fabrik: Im städtischen Laufbahnzentrum hinter dem Zürcher Hauptbahnhof arbeiten über hundert Fachleute, um Jugendliche bei der Berufswahl und Erwachsene beim Berufswechsel zu unterstützen.

Nadja Roth ist Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin und betreut unter anderem die Lehrstellensuchenden des städtischen Schulhauses Riedtli. Alle zwei, drei Wochen bietet sie dort eine «Schulhaussprechstunde» an. Sind die Fragen kompliziert, lädt sie die Jugendlichen zur Beratung ins Laufbahnzentrum ein, «wenn möglich zusammen mit ihren Eltern – es ist sehr wichtig, dass sie bei der Berufswahl mitziehen», sagt sie.

Gewöhnlich besteht Roths Arbeitstag aus drei bis vier Beratungen. Sie organisiert aber auch Informationsveranstaltungen für Lehrer, Eltern oder Jugendliche. Und dazwischen hält sie sich über Trends und Neuigkeiten auf dem Laufenden, zum Beispiel bei den Berufsbezeichnungen: «Wenn jemand vom ‘Pöstler’ spricht, wissen alle, wer gemeint ist. Seine Berufsbezeichnung hat sich aber immer wieder verändert: vom ‘uniformierten Postbeamten’ zum ‘Postangestellten’, vom ‘Logistikassistenten’ zum heutigen ‘Logistiker, Fachrichtung Distribution’.»

Selber schauen und selber entscheiden

Zur Beratung ins Zentrum bringen die Jugendlichen ihre Zeugnisse mit, einen Text mit dem Titel «Ich stelle mich vor», dazu das «Berufswahltagebuch», mit dem sie in der Schule arbeiten. «Diese Unterlagen dienen mir dann als Leitfaden», sagt Roth.

Nicht selten muss sie zuerst Traumberuf-Wünsche mit der Wirklichkeit konfrontieren, «damit als erstes klar wird, was realistisch und möglich ist». Zeigt die erste Sitzung, dass der oder die Jugendliche sehr unsicher ist, folgt eine Testphase mit Interessentests, Eignungstests und allenfalls Leistungstests.

Gewöhnlich kennen 14-, 15jährige Jugendliche vor allem die Berufe ihrer Eltern und Bekannten. Sie sollen sich also fast aus dem Nichts entscheiden. Nadja Roth: «Darum lege ich enormen Wert auf Schnupperlehren. Selber schauen, mitmachen, so weit es geht, ausprobieren. Das ist zentral.» Sie sei keine Wahrsagerin, die behaupte: «Du bist der geeignete Maurer.» So sei das allenfalls früher gelaufen. «Ich biete Hilfe zur Selbsthilfe: Entscheiden müssen die Jugendlichen aber selber.»

Viele schaffen nach der Wahlphase die Lehrstellensuche ohne grössere Probleme. Klappt’s nicht so einfach, kann Roth innerhalb des Laufbahnzentrums Zürich die Abteilung Lehrstellenvermittlung beiziehen, die die Suchenden gezielt unterstützt. Scheitert die Suche trotzdem, hilft Roth, eine Anschlusslösung zu finden: ein zehntes Schuljahr, ein Praktikum oder ein Motivationssemester.

Mit Abstand am meisten angeboten und gefragt werden Lehrstellen im kaufmännischen Bereich. Roth beobachtet, dass gerade bei Jugendlichen, deren Eltern handwerklich tätig sind, Jobs als attraktiv gelten, bei denen man in den schicken Kleidern arbeitet, ohne die Hände schmutzig zu machen. Zum Beispiel im Detailhandel: «Viele Mädchen möchten Schuhe, Kleider oder Parfums verkaufen, Jungs ‘Consumer Electronics’.» Die grösste Zunahme von Lehrstellen verzeichnete der Kanton Zürich 2009 allerdings bei der Fachangestellten Betreuung und beim Logistiker.

Neue Hürden vor der Lehrstelle

Nach Nadja Roths Beobachtung ist es aufwendiger geworden, eine Lehrstelle zu finden:

• Bisher haben sich viele Lehrbetriebe daran gehalten, Ende August, nach Beginn des Schuljahrs, bis Anfang November keine Lehrstellen zu vergeben, damit alle, die sich interessieren, eine Chance haben. Seit einem Jahr gilt nun dieses «Stillhalteabkommen» zwischen den Betrieben nicht mehr. Lehrstellen werden schon Anfang September vergeben. Wer später kommt, muss nehmen, was übrig bleibt. Darum muss jetzt mit der Lehrstellensuche und der Berufsberatung früher begonnen werden – konkret: zu Beginn des zweitletzten Schuljahrs.

• Schnupperlehren sind schwieriger zu finden als früher, weil die Lehrbetriebe sie durch Informationsnachmittage für ganze Gruppen ersetzen. Und: Wer schnuppern will, muss sich häuiger schriftlich bewerben.

• Eine weitere Hürde sind die «Selektionsschnupperlehren»: Sie haben weniger mit Schnuppern als mit einem Anstellungsverfahren für die Lehrstelle zu tun: Eingeladen wird eine Auswahl von Jugendlichen auf Grund ihrer Bewerbungsschreiben. Danach geht es vor allem darum, sich möglichst gut zu verkaufen. Wer gewinnt bekommt die Stelle.

Auf solche sich zum Teil schnell verändernde Rahmenbedingungen kann die Berufsberatung keinen Einfluss nehmen. Trotzdem im Einzelfall bestmögliche Lösungen zu finden, ist die Herausforderung von Nadja Roths Beruf.

 

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Die Psychologin

Aufgewachsen ist Nadja Roth (* 1974) in Wohlenschwil (AG). Das Gymnasium besuchte sie an der Kantonsschule in Wettingen. Anschliessend Psychologiestudium an der Universität Zürich. Noch während dieses Studiums steigt sie beim Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich in Oerlikon in die akademische Berufsberatung ein. Sie macht Diagnostikpraktikas und wird Beraterin. In dieser Zeit absolviert sie berufsbegleitend das Nachdiplomstudium zum Master of Advanced Studies in Human Resource Management and Career Counseling.

Nach dem Abschluss der Ausbildung und der Geburt ihres ersten Kindes geht sie für ein Jahr in die USA. Seit der Rückkehr 2008 arbeitet sie im Laufbahnzentrum Zürich mit zwei Arbeitsschwerpunkten: allgemeine Berufsberatung von Jugendlichen und Laufbahnberatung von Erwachsenen.

Nadja Roth lebt in Zürich, ist Mutter zweier Kinder und arbeitet, aufgeteilt auf drei etwas kürzere Arbeitstage, 50 Prozent. Als Hobbies nennt sie Nähen, Yoga, Innenarchitektur – und: «Die Zeit mit Freunden und mit der Familie verbringen.»