Ramadan auf dem Geleisefeld

Auf dem Tisch des Aufenthaltsraums liegen mehrere Tageszeitungen. Unter der tiefen Nebeldecke vor dem Fenster das Geleisefeld des Güterbahnhofs Biel-Mett. Langsam rollt ein Zug vorbei, hält an. Kamel Sahraoui blickt zur Wanduhr empor und sagt: «Das ist der Zug aus Moutier.» Solange er hier Auskunft gibt, geht sein Kollege allein dem Zug entlang, überprüft die Destination jedes Wagens und löst überall dort die Bremsschläuche, wo die Wagen getrennt werden müssen. Als Rangierarbeiter geht man so auf Kies und Schotter jeden Tag mindestens zehn Kilometer, bei jedem Wetter. Das ist hart und nicht ungefährlich.

Auf beiden Schultern ein Engel

Zurzeit macht Kamel Sahraoui diese Arbeit, ohne tagsüber zu essen und zu trinken. Am 4. Oktober hat für ihn als Muslim der Fastenmonat Ramadan begonnen, der von einem Neumond bis zum nächsten dauert und, wie er sagt, im Islam als «Geschenk der Muslime an Allah» verstanden wird. Bis zum 2. November nimmt er deshalb von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts zu sich, tagsüber verzichtet er als starker Raucher auch auf seine Zigaretten. Das sei einfach, sagt er. Schwieriger sei es, die spirituelle Seite des Fastens einzuhalten, denn auch Mund, Ohren und die Augen sollen den Ramadan einhalten: Man soll in diesen Wochen keinesfalls fluchen, lügen oder schimpfen, man soll sich nichts Anzügliches oder Verleumderisches anhören – «und», sagt er, «wenn ich einer schönen Frau begegne, soll ich sie nicht anschauen».

Das wichtigste für einen richtigen Muslim sei es, Gutes zu tun, erzählt er: «Der Islam sagt, jedem Menschen sitze auf jeder Schulter ein Engel. Der eine schreibe die guten Taten auf, der andere die schlechten. Nach dem Tod werden alle Taten gegeneinander abgewogen. Je nachdem kommt jemand in die Hölle oder in das Paradies.»

Draussen schiebt eine Rangierlok die Güterwagen mit den gelösten Bremsschläuchen langsam auf eine niedrige Rampe zu. Ein Arbeiter geht mit einer langen Metallstange nebenher. Wo die Bremsschläuche herunterhängen, schiebt er die Stange über den Puffer unter die Kupplung und hängt sie mit einem Abwärtsschwung der Stange aus. Auf den anderen Seite des kleinen «Rangierbuckels» rollen die Wagen teils einzeln, teils in Gruppen hinunter und werden von Weichen auf verschiedene Geleise geleitet. So wachsen die Güterzuge zusammen, die später in Richtung Basel, Zürich oder Lausanne fahren werden.

Stundenlang konzentriert zwischen diesen Geleisen arbeiten, ohne sich zu verpflegen: Das muss hart sein. «Wenn man an etwas glaubt und der Kopf mitmacht», sagt Sahraoui, «hat man immer Energie, um zu arbeiten.» Wenn er in diesen Tagen abends esse, sei er zufrieden, weil er sich sage: «Für heute habe ich es geschafft.» Ramadan in dieser Jahreszeit sei ja sowieso fast nur ein «Apéro-Ramadan»: Weil der Fastenmonat nach den Mondphasen berechnet wird, verschiebt er sich von Jahr zu Jahr um zehn Tage retour – in rund zehn Jahren wird er deshalb in den Hochsommer fallen. «Das wird hart werden», sagt er, «nicht wegen des Hungers, aber wegen des Dursts».

Nicht alle Muslime sind gleich

Plötzlich sagt Kamel Sahraoui, er könne seinen Kollegen draussen nicht zu lange allein lassen und fragt: «Geit’s no lang?» Er hat ein bewundernswürdiges Sprachtalent: Zu Hause spricht er mit seinem Sohn arabisch, mit seiner Frau französisch, ins Funkgerät des Rangierbahnhofs spricht er im berndeutschen Dialekt, den er sich genauso selber angeeignet hat, wie das Italienische und das Serbokroatische – die Sprachen seiner Kollegen hier.

«Rassismus?», fragt Sahraoui. Nein, er habe als Muslim keine Probleme. Wenn er in die Stadt gehe, nehme er seinen Kaffee einmal mit Schweizern, einmal mit Italienern, einmal mit Arabern. Er habe hier Schweizer Kollegen, die hätten ihr Leben lang mit den Händen gearbeitet, um «ein richtiges und gutes Leben» aufzubauen. Wenn sie sich von muslimischen Terroristen bedroht fühlten, dann würden sie eben böse über die Muslime: «Das ist logisch, das muss man verstehen.» Viele Leute hier verstünden allerdings leider nicht, dass nicht alle Muslime gleich seien. So, wie ja auch nicht alle Schweizer gleich seien.

Als Kamel Sahraoui im orangem Überkleid und schwerem Bähnlerschritt wieder auf die Geleise hinausgeht, ist es unverändert unfreundlich grau. Die nächsten Güterzüge wird er allein abfertigen, damit sein Kollege Pause machen kann. Heute abend wird über der Nebeldecke im Süden der Vollmond aufsteigen: Hälfte des Ramadans.

 

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Schweizer aus Batna

Kamel Sahraoui ist 38jährig und kommt aus Batna in Algerien. Er hat die Matur gemacht, wegen «Problemen» danach aber die Universität nicht besucht. Politische Probleme? Er sagt bloss: «In Algerien gibt es nur zwei Arten Menschen: Solche, die Geld haben und solche, die keines haben.» Als später jeder auf jeden zu schiessen begonnen habe, sei er gegangen.

Vor zwölf Jahren kam er als Asylbewerber in die Schweiz. Er begann auf Baustellen zu arbeiten, wechselte wegen Rückenproblemen in eine Uhrenfabrik, wurde arbeitslos, jobbte bei einer Reinigungsfirma. Dann kam er zur Bahn: Seit mehr als drei Jahren arbeitet er nun auf dem Rangierbahnhof Biel.

Kamel Sahraoui ist unterdessen schweizerisch-algerischer Doppelbürger. Er ist Mitglied des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbands (SEV) und verdient pro Monat ohne Nachtzulagen brutto 3800 Franken. Er ist seit acht Jahren mit einer Schweizerin verheiratet, die zu 40 Prozent erwerbstätig ist. Zweimal pro Woche bringt das Paar deshalb Kerim, seinen dreijährigen Sohn, zur Grossmutter.

Die Redaktion verkürzte den Titel zu «Rangieren im Ramadan».