Neue Kompetenzen für neue Berufsfelder

 

Frau Amacker, wo stehen Sie in Ihrem Studium zur Pflegefachfrau FH im Moment?

Franziska Amacker: Am Ende des zweiten Semesters, kurz vor der Hälfte: Mit Prüfungen schliesse ich nächstens vier Module ab. Zudem stehen zwei schriftliche Arbeiten und eine Gruppenpräsentation an.

Das klingt nach viel Arbeit neben Ihrer 60-Prozent-Stelle als Pflegefachfrau HF. Was hat sie dazu bewogen, das Studium in Angriff zu nehmen?

Nach der dreijährigen Diplommittelschule in Brig bin ich 2004 nach Bern gekommen und habe im Ausbildungszentrum Insel die vierjährige Ausbildung zur Pflegefachfrau Diplomniveau 2 (DN II) begonnen. Im dritten Ausbildungsjahr wurde klar, dass die DN II-Ausbildung durch Ausbildungsgänge an der höheren Fachschule (HF) und an der Fachhochschule mit Bachelor-Abschluss (FH) ersetzt würde.

Damit wurde das DN II zum Auslaufmodell.

Ja. Wir haben zwar am Schluss den HF-Titel auch bekommen. Aber bevor wir abgeschlossen haben, war klar, dass es nun auch FH-Abgängerinnen mit mehr Kompetenzen nach der Erstausbildung geben würde.

Trotzdem stiegen Sie vorerst in ihren Beruf ein.

Ja, ich übernahm eine Vollzeitstelle auf jener Abteilung des Inselspitals, auf der ich mein letztes Praktikum gemacht hatte, auf der Kardiologie. Als sich dann die ersten meiner ehemaligen Klassenkolleginnen für spezialisierende Nachdiplom-Studiengänge entschieden, begann auch ich mich mit meiner Weiterbildung zu befassen. Schliesslich blieb die Alternative zwischen der Nachdiplomausbildung Pflegeberatung [vormals HöFa 1, fl.] und dem Studium zur Pflegefachfrau FH. Ich entschied mich für das zweite, weil ich mich in Richtung klinische Generalistin weiterentwickeln wollte. Soll der Weg Richtung Pflegeforschung offen bleiben, ist der Titel Bachelor of Science in Pflege Voraussetzung.

Im September 2010 ging’s los. Womit befassen sie sich seither?

Damit, pflegewissenschaftliche Texte zu verstehen; dann mit dem Basiswissen in Statistik und technical english, mit dem Management im Gesundheitswesen, mit Beratung, mit systemtheoretischen und ethischen Grundsätzen. Vor allem aber zurzeit mit dem «Clinical Assessment», damit, dass ich Patienten und Patientinnen selbständig «staten» kann,…

Wie bitte?

…dass ich mit einer Erstbefragung den Status erheben kann: Anamnese, Symptome, dazu eine systematische klinische Untersuchung – und dass ich die Befunde zuhanden des Arztes in der Fachsprache festhalten kann. Könnten Pflegende mit Bachelor- oder Masterabschluss die Ärzte hier in grösserem Massstab entlasten, wäre das nicht nur wegen des Ärztemangels interessant: Wir würden weniger kosten als Ärzte und hätten im Bereich der Pflegeplanung eine fundierte Basis.

Das Studium zur Pflegefachfrau FH ist noch neu. Wo sehen sie im Moment Positives, wo allenfalls Negatives an dieser Ausbildung?

Das Positive ist das Studium selbst: das Niveau der Dozentinnen und Dozenten, das anregende Klima zwischen den Studierenden. Für mich persönlich ist wichtig, dass ich hier Antworten auf Fragen bekomme, die über das an der Höheren Fachschule Gelernte hinausgehen. Ich will sagen können: Ich mache diese Handlung, weil wissenschaftliche Studien erwiesen haben, dass sie Sinn macht. In der Pflege gibt es noch oft dieses alte Klischee, für gute Pflege genüge ein gutes Herz, Ausbildung sei überflüssig. Ich bin überzeugt, dass die Pflege nur dann zur vollgültigen Profession wird, wenn sie über eine eigene Wissenschaft mit eigener Forschung verfügt.

Und das Negative?

Im Studium diskutiere ich mit Studienkolleginnen im Alter zwischen 24 und 47 aus den Spitalbereichen «Akut» und «Notfall», aus Alters- und Pflegeheimen, aus psychiatrischen Kliniken und aus der Spitex. Dabei zeigt sich, dass das, was wir im Studium lernen, mit der Praxis noch zu wenig verzahnt ist. Zwar gibt es Beispiele, dass die neuen Kompetenzen bereits jetzt in spannende Projekte eingebracht werden können. Aber im Ganzen wird vom Nutzen von Bachelor-Absolventinnen noch zu wenig profitiert.

Wären neue Arbeitsgebiete eine Möglichkeit?

Für mich ist das die grosse Hoffnung! Wir müssen uns neue Gebiete erobern, neue Berufsfelder konstruieren und uns dort bewähren.

Wo denn zum Beispiel?

Zum Beispiel im Spannungsfeld zwischen Versicherungen, steigenden Gesundheitskosten und dem Ärztemangel. Hier gibt es für Pflegende mit Bachelor ein riesiges Feld, nämlich die Beratung und Begleitung von Patienten und Patientinnen. Wenn sich das Gesundheitswesen Richtung Case Management entwickelt, dann braucht es auch Case Managerinnen. Ich bin überzeugt: Für den Pflegeberuf bedeutet der Fachhochschulabschluss die Zukunft.

 

«vitamin g» war eine Zeitschrift, die die OdA Gesundheit Bern im Auftrag der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern einmal jährlich herausgegeben hat.