«Menschen sind wie Katzen»

Soussol im Einkaufszentrum Mergele in Burgdorf (BE): Am Ende der Rolltreppe liegt, zwischen dem Schuhgeschäft Vögele und einem Notausgang, der hiesige haar-werk.ch-Laden. Er ist Teil einer Kette, die zwischen Basel und Brig 21 Filialen betreibt. Ein hell ausgeleuchteter Raum mit vier Haarwasch- und acht Haarschneidestationen.

Mit präzisen Besenschwüngen wischt eben eine Coiffeuse auf den grossen Steinplatten die Haare ihres letzten Kunden zusammen. Dass in diesem Moment der Kunde Luc Schönholzer, Administrativsekretär im Burgdorfer Büro der Unia Oberaargau-Emmental, eintritt, trifft sich ausgezeichnet: Bereitwillig stellt er sich als Fotomodell zur Verfügung für das Porträtfoto der Coiffeuse Alexandra Bühler. (Die Filiale hat ihm dafür seinen Haarschnitt offeriert, Work dankt.)

Jeder Haarschnitt ist ein Einzelstück

Für Coiffeusen sind die Arbeitstage lang. Der haar-werk.ch-Laden ist von 9 bis 18.30 Uhr (am Freitag bis 21 Uhr), samstags von 8 bis 17 Uhr durchgehend geöffnet. Für dieses Pensum stehen drei Vollstellen, eine Teilzeit- und zwei Lehrstellen zur Verfügung.

Kommt Alexandra Bühler morgens ins Geschäft, schaltet sie als erstes Licht, PC und die Waschmaschine zur Reinigung der Frotteetücher ein. Danach folgt der Blick ins Buch, in dem die Termine des Tages verzeichnet sind. Dieses Buch bestimmt den Tagesablauf. Gibt es freie Termine, wird auch Laufkundschaft berücksichtigt.

Auf die Frage, was genau eine Coiffeuse tue, sagt Alexandra Bühler spontan: «Wir schaffen Lebensfreude.» Zwar komme ein Teil der Kunden und Kundinnen tatsächlich, um sich einfach die Haare schneiden zu lassen. «Aber dass einem jemand zuhört, wenn man erzählt, ist beim Coiffeur für viele auch wichtig.» Es komme vor, dass es mühsam werde, aber manchmal genüge das Wetter, um ein gutes Gespräch zu beginnen. Dass sie täglich neue Geschichten hört, schätzt sie an ihrem Beruf.

Daneben, betont sie, übe sie vor allem einen kreativen Beruf aus: «Jeder Haarschnitt ist ein Einzelstück. Kein Schnitt wird gleich wie der andere. Nicht einmal das gleiche Haar ist immer gleich: Haare verändern sich mit der Stimmung und dem Gesundheitszustand der Menschen.» Man sage, wenn’s der Katze gutgehe, so glänze das Fell: «Das ist nicht nur bei Katzen so.» Beobachtet sie umgekehrt massiven Haarausfall oder einen Ausschlag auf der Kopfhaut, so spricht sie das an.

Alexandra Bühler hat ursprünglich Herrencoiffeuse gelernt, und diese Arbeit liebt sie bis heute besonders: «Ich mache gern die Millimeterbüez der feinen Ausläufe im Nacken oder die Konturen um die Ohren.» Dass die Bartpflege in letzter Zeit weniger nachgefragt wird, bedauert sie. Auch liebt sie es, Mèches zu machen und Haare zu färben: «Hier im Bernbiet wünschen das fast nur Frauen, aber im Luzernischen, wo ich vorher gearbeitet habe, sind Männer dafür offener.»

Das grösste Problem sind die Löhne

Alexandra Bühler ist Unia-Mitglied, weil sie von ihrem Vater, einem Maschinenmechaniker ein ehemaligem Smuv’ler, viel von der Gewerkschaft gehört hat. Dass in ihrem Beruf so wenige organisiert seien, sei «ein Teufelskreis», sagt sie: «Die Bauarbeiter demonstrieren für mehr Lohn. Würden wir das machen, wären wir wohl nur zu dritt und riskierten unsere Stellen.» Darum sei im Coiffeurgewerbe wenig möglich. Und darum sagten viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die Gewerkschaft mache ja eh nichts für die Branche, deshalb lohne es sich nicht, den Mitgliederbeitrag zu zahlen. «Bei unseren Löhnen ist das tatsächlich ein Argument.»

Die Löhne seien das Hauptproblem, sagt Alexandra Bühler: «Es wäre Zeit, dass wir auch in unserem Beruf einen 13. Monatslohn erhalten würden und dass wir einen fairen Lohn bekämen.» Zwar sei der Grundlohn für «Gelernte» auf 1. Juni 2010 im Gesamtarbeitsvertrag zum ersten Mal seit zehn Jahren um 100 Franken erhöht worden. Aber er liege trotzdem erst bei 3400 Franken brutto im Monat.

Im Vergleich zu anderen Branchen sei das für ihre damals vierjährige Ausbildung (heute dauert sie nur noch drei Jahre) zu wenig: «Das Verhältnis stimmt einfach nicht.» Das Geld reiche, weil man sich einrichte, aber: «Finde mal eine Wohnung unter 1000 Franken. Dazu kommt die allgemeine Teuerung, die Krankenkasse, das Generalabonnement… Und vielleicht möchte man einmal ein Auto haben oder Ferien machen.»

Alexandra Bühler redet von einer Branche, die zum Teil miserabel zahlt. Darum fügt sie bei: «Mein Arbeitgeber bietet beim Lohn und bei den Ferien mehr als das GAV-Minimum.»

 

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Die Konzertveranstalterin

Aufgewachsen ist Alexandra Bühler (* 1985) in Huttwil (BE). Hier besucht sie die Schulen. Danach macht sie die dreijährige Ausbildung zur Herrencoiffeuse in Madiswil (BE), ein weiteres Jahr lernt sie als Damencoiffeuse in einem Salon in Willisau (LU).

Nach der Lehre arbeitet sie und absolviert gleichzeitig ein erstes Ausbildungsmodul als Visagistin in Zürich. Sie will Theatercoiffeuse werden. Doch sie bricht ab, als sie realisiert, wie teuer die Ausbildung ist und wie schlecht die Chancen auf eine Stelle sind. Sie geht ein halbes Jahr allein auf Reisen: Tessin, Deutschland, Dänemark, Irland, dann noch einmal Deutschland. Ende 2006 Wiedereinstieg in den Beruf.

Seit 1. Juli 2007 ist sie bei haar-werk.ch in Burgdorf (BE). Sie arbeitet 100 Prozent, ihr Grundlohn liegt höher als der GAV-Minimallohn. haar-werk.ch bietet zudem eine Umsatzbeteiligung und interne Anreizsysteme (z. B. eine «Mitarbeiterolympiade»). Sie ist Mitglied der Unia und lebt in Huttwil. In ihrer Freizeit arbeitet sie im Huttwiler Kulturzentrum «Improvisorium» mit und hat Anfang Monat ihr erstes Konzert – mit der Gruppe «Des Königs Halunken» – organisiert.