«Menschen ein Gespräch lang sichtbar werden lassen»

Im dritten Stock des Hochhauses am Eigerplatz in Bern befindet sich die Beratungsstelle für Sans-Papiers. Ohne Voranmeldung werden hier Menschen ohne geregelten Aufenthalt in der Schweiz empfangen, immer montags und freitags zwischen 15 und 19 Uhr; am Mittwochnachmittag berät man in Biel, in den Räumen der Passantenhilfe.

Dafür, dass jede Beratung solange dauert, wie sie eben dauert, wehrt sich Marianne Kilchenmann, die Leiterin der Beratungsstelle: «Auch wenn wir nicht immer helfen können, beim Erzählen ihrer Geschichte dürfen diese Menschen ein Gespräch lang sichtbar werden – in einer Welt, in der sie kein Recht haben zu sein.»

Lauter nicht vorgesehene Probleme

Hier geht es immer um existentielle Probleme: um einen chinesischen Mann, dem die Papiere fehlen, damit er sein leibliches Kind anerkennen kann; um das faktische Heiratsverbot für Sans-Papiers, das der Gesetzgeber im Kampf gegen «Scheinehen» eingeführt hat; um Wohnprobleme; um die Einschulung von Kindern; um die Anmeldung bei der Krankenversicherung; um die Flucht von Frauen vor gewalttätigem Machismus; um Existenzarbeit, die als Schwarzarbeit bekämpft wird.

Auf den 1. Januar 2008 sind Asyl- und Ausländerrecht verschärft worden. «Seit diesem Tag gilt, dass Menschen illegal hier leben, die zuvor nach einem rechtskräftig abgelehnten Asylgesuch geduldet worden sind, weil sie aus irgendeinem Grund nicht ausreisen können; Menschen, die zum Teil seit sechs oder acht Jahren in der Schweiz gelebt und sich hier durchgeschlagen haben.»

Die Straftat, hier zu sein

Kilchenmann erwähnt eine Frau, die bis zu diesem 1. Januar 2008 einige Stunden pro Woche legal gearbeitet und mit dem Verdienst ihre Familie zuhause unterstützt hat. Danach verlor sie ihr kleines Logis und wurde in ein «Sachabgabezentum» abgeschoben, wo sie dann in einem Sechserzimmer unter hausarrestähnlichen Bedingungen ohne eigenes Bargeld leben musste.

«Gerät eine Person vor der Haustür eines solchen Zentrums in eine Polizeikontrolle, so wird sie angezeigt, auch wenn sie offensichtlich dort wohnt und nothilfeberechtigt ist. Niemand in diesem Land kommt schneller ins Gefängnis als jene, die sich des ‘illegalen Aufenthalts’ schuldig machen.» Illegalisierung, Kriminalisierung, Abschreckung, Vertreibung: Auf der Beratungsstelle für Sans-Papiers zu arbeiten heisst, Sisyphusarbeit zu machen gegen die Folgen jener Ausländerpolitik, «die», so Kilchenmann, «das von uns allen gewählte Parlament beschliesst».

Netzwerk für kleine Erfolge

Das braucht Kraft. Marianne Kilchenmann (* 1956) schöpft sie nicht zuletzt aus den Beratungsgesprächen selbst: «Auch wenn das, was die Leute erzählen, manchmal sehr schmerzhaft ist: Im Austausch darüber entsteht eine Kraft, auch für mich.» Sie hat ihre eigene Migrationsgeschichte: In der Zeit, als sie in England Sozialanthropologie studiert hat, ist sie Engländerin geworden. 1988 kam sie in die Schweiz zurück und hat seither als Mitarbeiterin und Leiterin in Asylzentren gearbeitet. Im Juli 2005 übernahm sie die Leitung der neugegründeten Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers; damals eine 50 Prozent-Stelle. Heute sind es 80 Prozent, ein Kollege übernimmt zusätzlich 40 Prozent, während sechs Monaten pro Jahr kommt eine Praktikantin dazu, seit diesem Jahr eine Freiwilligengruppe.

Getragen wird die Beratungsstelle von einem Verein, den die Landeskirchen ins Leben gerufen haben. Neben ihnen gehören heute dem Vorstand auch Hilfswerke, Gewerkschaften und Private an.

Erfolge? Immer nur im Einzelfall

Gesetze kann man hier nicht ändern. «Mir kommt ein Mann in den Sinn, der 1992 im Kirchenasyl war, bis zur humanitären Aktion 2000 als Papierloser lebte und dann im Zuge dieser Aktion einen definitiven Status erhalten hat. Letzthin ist er Schweizer geworden.» Auch solche Erfahrungen, sagt Kilchenmann, habe sie begreifen gelernt: «Hey, diese Kirchen, das ist eine Kraft.»

Diese Kraft hat sie zwischen dem 17. und 25. Mai 2011 in Kingston, Jamaika, an der Friedenskonvokation 2011 erneut erlebt: «Tausend Menschen aus allen Ländern, spannende Bible Studies – und eine Kongolesin an Krücken, die in den Saal ruft: ‘Jede Woche werden in meinem Land tausend Frauen vergewaltigt. Das muss in unsere Schlusserklärung hinein!‘ Und jetzt steht’s drin.» Die christliche Botschaft, mit der sie zurückgekommen ist, lautet: «Es hat Platz für jede und jeden.» Diese Botschaft ist ihre Arbeit.