Ich halte den Kopf nicht hin

Ein Häuserblock aus den fünfziger Jahren am Uraniaplatz in Biel: Bruno Biferi geht voran durch die grosse Zweieinhalbzimmerwohnung im Hochparterre. Hier hat er verschiedene Aufträge ausgeführt: Die sauber verputzte Mauer, die an die Nachbarliegenschaft stösst, hat er mit Kollegen vom Keller bis in den vierten Stock hinauf als Brandmauer verstärkt. Die vergrösserte Veranda mit der eleganten Betonbrüstung und der Treppe in den Garten hinunter hat er geplant und gebaut. Die Seitenwand der neuen Dusche hat er gemauert. Und auch den dunklen Steinplattenboden im Wohnraum hat er gelegt.

Biferi ist zwar vom Baugeschäft Habegger angestellt, arbeitet aber in dessen Auftrag vor allem für zwei grosse Kunden, die bei Renovationen immer wieder kreative Maurerarbeiten wünschen: «So etwas kannst du heute nur noch dann machen, wenn der Kunde bereit ist, die Arbeit auch wirklich zu bezahlen.»

Strafaufgaben am Samstag

Für Bruno Biferi ist dieser Job ideal: Hier kann er die Berufserfahrung nutzen, die er sich als Maurer und später als Polier erworben hat. Als Polier lernte er, Arbeiten zu planen und von der Arbeitszuteilung bis zu den Sicherheitsmassnahmen zu organisieren: «Das habe ich gern gemacht. Bloss die Rapporte waren mir eine Belastung.» Kam er tagsüber nicht zum Schreiben, musste er jeweils am Abend oder am Samstag Strafaufgaben machen.

Heute ist das anders. Er kann wieder als Maurer arbeiten. Und braucht er Unterstützung, fordert er in seiner Firma einen oder zwei Kollegen an. «So macht die Arbeit Spass», sagt der 64jährige, «wenn ich allerdings noch einmal eine grosse Baustelle übernehmen und mir dort den Kopf kaputt studieren müsste, würde ich sofort einen Antrag auf frühzeitige Pensionierung stellen.» Aber er hat eben einen guten Arbeitgeber: «Klar ist er Unternehmer. Aber er sieht die Probleme, er ist sozial eingestellt und hat nie Konflikte mit der Gewerkschaft.»

Misstrauen gegen den neuen LMV

Als Vizepräsident der Unia-Sektion in Biel weiss Biferi allerdings, dass es im Baugewerbe auch andere Arbeitgeber gibt. Darum verfolgt er die Verhandlungen um den neuen Landesmantelvertrag (LMV) mit Interesse: «Dieser Vertrag ist das Fundament für die Zukunft meiner jungen Kollegen. Wir haben viele Kämpfe geführt und manche Demo gemacht, bis wir das Niveau des jetzt noch geltenden Vertrags erreicht haben.»

Seine Sorge: Dass der LMV jetzt langsam wieder verschlechtert wird. Zwar sei die Konjunktur vor allem in den Wintermonaten wirklich nicht rosig: «Aber die Baumeister machen sich mit ihrer Preiskonkurrenz selber kaputt. Sie offerieren zu billig und drücken deshalb Löhne, Sozialleistungen und Krankengelder – oder sie verlängern die Arbeitszeit. Warum sollen immer die Arbeitnehmenden den Kopf hinhalten, wenn die Baumeister falsch wirtschaften?»

Was ihn am gerade neu ausgehandelten LMV am meisten stört, ist die Samstagsarbeit «in begründeten Fällen»: «Dagegen wehre ich mich. Und meine Kollegen auch. Wir wollen grundsätzlich keine Samstagsarbeit.» Und: «Wenn du in diesem Punkt den kleinen Finger gibst, nehmen sie den ganzen Arm: Zuerst wird’s nur ein Samstag im Monat, später werden es vier sein, wenn es nötig ist.»

Bruno Biferi ist dafür, den neuen Vertrag abzulehnen, trotz der zwei Prozent mehr Lohn: «Das ist sowieso keine Lohnerhöhung, das sind Rückstände beim Teuerungsausgleich.» Für ihn ist noch nicht entschieden, ob es in dieser Sache nicht doch noch «Richtung Konfrontation» geht.

Es gibt gewerkschaftliche Erfolge

Was den zunehmenden Stress auf den Baustellen betrifft, sagt Bruno Biferi: «Ich sehe keine grosses Differenz zu früher. Klar stimmt es, dass wir schneller arbeiten. Aber was heisst das? Heute haben wir bessere Maschinen und besseres Material als früher. Auf der anderen Seite ist es doch so: Aus den Leuten kannst du nicht mehr herausholen als das, was sie leisten können.»

Er erinnert sich, dass er vor zwanzig Jahren noch jeden Tag um halb sieben auf dem Werkhof gewesen sei. Und zehn vor sieben sei der letzte unterwegs gewesen auf die Baustelle. «Heute ist es selten, dass um viertel vor sieben schon ein Arbeiter auf dem Werkhof ist.» Und abends habe man früher bis Punkt halb sechs gearbeitet: «Heute übernimmt der Baumeister die Hälfte der Fahrzeit zurück in den Werkhof.» Solche Verbesserungen seien Erfolge der Gewerkschaft. «Darum sage ich: Bei jenen Arbeitgebern, die den geltenden LMV respektieren, sind die Arbeitsbedingungen heute besser als vor zwanzig Jahren.»

 

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Das Haus in Teramo

Bruno Biferi (* 1941) stammt aus Teramo am Abhang der Abruzzen zur adriatischen Küste i  Italien. Hier machte er die Lehre als Maurer. Im März 1961 kam er zum ersten Mal in die Schweiz. Vier Monate lang arbeitete er oben im Bündner Val Madris am Staumauerfundament.

Von da an kam er als Saisonnier Jahr für Jahr in die Schweiz. Bis Mitte der siebziger Jahre arbeitete er für das Baugeschäft Tüscher in Nidau bei Biel. Dann starben kurz nacheinander der Senior- und der Juniorchef. Die Firma geriet ins Schlingern und ging Konkurs. Biferi wird – wie er lachend sagt – «einen Tag lang arbeitslos», wechselt für vier Jahre in die Baubetrieb-Genossenschaft, danach in das Baugeschäft Habegger & Cie. AG, wo er unterdessen seit 25 Jahren arbeitet. 1996 wurde er von der Suva als «Ritter der Baustelle» ausgezeichnet.

Er war zuerst Mitglied der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH), dann der GBI, heute ist er Vizepräsident der Unia-Sektion Biel. Er verdient bei Habegger einen «mittleren Polierlohn», wie er sagt.

Seit Bruno Biferi 1968 eine Schweizerin geheiratet hat, lebt er in Biel. Er ist Vater einer 36jährigen Tochter und seit acht Jahren Grossvater. In Teramo besitzt er einen Hausteil. «An einem Tag denke ich, ich verkaufe ihn, am nächsten, ich behalte ihn doch.»

Mein Titelvorschlag lautete «Muratore aus Leidenschaft». – Am 5. März 2015 hat Work Bruno Biferi ein zweites Mal porträtiert: Er ist im Seeland geblieben.