«Hoi, ich übernehme deine Lok»

Bahnhof Luzern: Barbara Lütolf setzt sich in den Führerstand des Gelenktriebwagens RABe 520. Der Hebel links ist das «Führernotbremsventil»; auf dem Display vor sich hat sie den Fahrplan und die korrekten Fahrgeschwindigkeiten; der Joystick rechts ist ihr wichtigstes Arbeitsinstrument. «Ganz einfach», lacht sie: «Füre: fahre, hindere: brämse!»

Immer an allem schuld

Die dreissigjährige Lokführerin ist eine Persönlichkeit mit schnellem Kopf und klarem Blick. Sie kam mit 17 zur SBB, machte die zweijährige Ausbildung zur Kondukteurin und begann danach mit Standort Genf zu arbeiten.

An eine nachmittägliche Stichkontrolle, die sie mit einer Kollegin und zwei Kollegen in einem unbegleiteten Zug zu machen hatte, erinnert sie sich genau: «Wir kamen an einen etwa 16jährigen Jugendlichen, der sofort gewalttätig wurde, uns Frauen wegstiess und die beiden Kollegen zusammenschlug, bevor wir ihn überwältigen und einsperren konnten.» In Nyon mussten die vier SBB-Angestellten mit auf den Polizeiposten. Nach der Einvernahme des Jugendlichen wurden sie in den Raum gerufen und aufgefordert, sich beim Schläger zu entschuldigen: Er war ein Diplomatensohn.

Später wechselte Lütolf auf die Brünigstrecke, schliesslich als Kondukteurin und Ablöserin auf den Bahnhof Kaiserstuhl. Aber sie hatte zunehmend Mühe mit ihrer Arbeit: «Die Reisenden werden immer fordernder, der Kondukteur ist immer an allem schuld.»

Ausbildung zur Lokführerin

1999 stösst sie auf die Ausschreibung für einen Lokführerlehrgang. Sie meldet sich. Der Einstieg in die Ausbildung ist hart: Elektrotechnik. Sie leidet und büffelt Formeln. Auch die Fahrzeugtechnik ist für sie neu: Von Grund auf lernt sie hier die verschiedenen Loks kennen. Kein grosses Problem ist für sie dafür der dicke Ordner mit den Fahrzeugvorschriften: Als ehemalige Kondukteurin kennt sie vieles schon.

In der anschliessenden praktischen Ausbildung begleitet sie Lokführer auf der Fahrt und übernimmt erste Jobs: die Kontrolle des Lichts und der Bremsklötze etwa. Während der Fahrt meldet sie dem Lokführer übungshalber die Signale: «Ich muss wissen, wo sie stehen. An nebligen Tagen fahre ich fast ohne Sicht mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wattewand.»

Sie absolviert die Rangierprüfung, weitere theoretische Blöcke, sitzt tagelang an den Lokfahrsimulatoren im SBB-Ausbildungszentrum Löwenberg, unternimmt mit dem «Chef Ausbildung» die erste Fahrt auf offenem Geleise. Schliesslich die theoretische und dann praktische Prüfung: «Acht Stunden fahren, umsteigen, fahren. Ein harter Tag.»

In der Ausbildung war sie mit einer weiteren Frau und vierzehn Männern zusammen. «Sie haben geschaut zu uns», schmunzelt sie. Dass Lokführer ein Männerberuf ist, hat für sie keine Rolle gespielt. Sie habe auch als Kondukteurin viel mit Männern zusammengearbeitet.

Männer denken anders

Es könne sein, sagt Barbara Lütolf, dass gewisse Kollegen, vor allem ältere, zuerst gedacht hätten: Die kann das doch sowieso nicht. Aber gesagt hätte nie einer etwas. Heute komme es etwa noch vor, dass der aussteigende Lokführer zweimal gucke, wenn sie ihn mit den Worten begrüsse: «Hoi, ich übernime di Lok.» Deshalb trage sie immer ihr SBB-Namensschildchen.

Wovon sie überzeugt ist: «Das Denken von Männern und Frauen ist unterschiedlich.» Beispiel: Wenn sie als Reserve-Lokführerin vom Bahnhof ins Depot gehe, dann frage sie zuerst nach, ob irgendwo eine Lok stehe, die mit ins Depot müsse: «Kollegen haben mir schon gesagt, ich solle nicht übereifrig sein. Aber ich sehe nicht ein, warum ich leer hin und her gehen soll, wenn dafür ein Kollege den Weg extra machen muss.» Andererseits müsse sie zuerst einen Moment überlegen, wenn sie «eine Störung auf der Maschine» habe: «Bei Männern geht das meist zackzack. Ich bin da ein bisschen langsamer.»

Gleicher Lohn gegen faule Sprüche

Über die erste reine Frauenklasse für Lokführerinnen, über die die Medien in diesen Tagen berichten, hat man auch in Luzern geredet. «Eine Aktion zur Hebung der Frauenquote», vermutet Lütolf. Männliche Kollegen hätten allerdings gefrotzelt: «Diese Klasse ist nötig, weil Frauen einfach ein bisschen länger brauchen. Das sieht man ja auch beim Autoparkieren.» Bei der SBB, wo gleiche Arbeit mit gleichem Lohn abgegolten wird, könne sie über solche Sprüche lachen.

Ein Problem allerdings stellt sich Lokführerinnen anders als ihren Kollegen: Bekommen sie ein Kind und setzen im Beruf deshalb länger als ein Jahr aus, müssen sie die ganze Lokführerprüfung wiederholen. Lütolf weiss, dass für sie die Alternative zwischen Beruf oder Familie ausschliesslicher ist als für Frauen in anderen Berufen.

Zurzeit steht für sie als Single aber der Beruf im Zentrum: 2004 hat sie eine dreimonatige Weiterbildung absolviert. Seither ist sie nicht mehr Regionallokführerin mit Standort Beinwil am See, sondern Lokführerin auf allen Personenzügen ab Luzern. An diesem Abend fährt sie mit der RABe 520 um 19.00 Uhr aus dem Bahnhof Luzern Richtung Lenzburg los.

 

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Mehr Lokführerinnen

Seit November 2004 bildet die SBB in Biel erstmals eine Lokführer-Klasse aus, die ausschliesslich von Frauen besucht wird. Frauenförderung tut in diesem Beruf Not. Bei SBB und SBB Cargo zusammen kommen auf 3165 Lokführer gerade 14 Lokführerinnen, 157 Männer und 17 Frauen sind zurzeit in Ausbildung.

Gleichstellungsbemühungen sind überfällig: Der Frauenanteil beträgt bei der SBB gerade mal 12,5 Prozent. Dabei zeigen Erfahrungswerte, dass Frauen den Männern in Sachen Zuverlässigkeit, Konzentration und Monotoniefestigkeit ebenbürtig sind. Abgesehen davon sind heute Fremdsprachenkenntnisse und ein Flair für Kundeninformation ohnehin wichtiger als Kenntnisse von Elektroschemata und Künste am Drehbank.