Gesund bleiben im Stahlwerk

Donnerstag, 7. November 2002: Gegen Ende der Nachtschicht, morgens um halb fünf, ereignet sich im Schmelzofen des Stahlwerks eine Explosion. Der mächtige Deckel wird beschädigt, die Schmelzelektroden brechen weg, Flammengarben, wegspritzende Schmelze, Staub. Keine Sicht mehr. Irgendwo brüllt einer vor Schmerzen. Wo sind die anderen? Nur raus hier!

Eine Kerze für den Kollegen

Als Katharina Studer gegen sieben Uhr im Sanitätsposten auf dem weitläufigen Areal der Von Moos Stahl AG in Emmenbrücke eintrifft, wird sie informiert: ein Schwerverletzter mit massiven Verbrennungen an Kopf und Händen im Spital. Die Nachtschichtleute sitzen mit dem Rest des betroffenen Ofentrupps vorn im Städtchen in einer Beiz, mehr als einer sage, nie wieder werde er am Ofen arbeiten. «Mir war klar», sagt sie, «dass diese Männer in ihrem Schock völlig verloren waren».

Zusammen mit der Geschäftsleitung organisiert sie über das «CareTeam Zentralschweiz», das auch nach dem Amoklauf im Zuger Parlament aufgeboten worden war, zwei Fachleute der Notfallseelsorge und mit ihnen zusammen ein Kriseninterventionstreffen: Abends um fünf sitzen sämtliche Arbeiter der Schicht in einem Raum und versuchen, Worte zu finden für den Horror der letzten Nacht. Am Sonntagabend treffen sich der Ofentrupp und der Schichtführer zu einer weiteren Aussprache. Einer bringt eine Kerze mit, auf der der Name des Schwerverletzten steht. Am andern Morgen um sechs begleitet Studer die Männer zu ihrer nächsten Schicht. Niemand habe gefehlt. Auch die Kerze nicht.

Die Ursache der Explosion ist bis heute ungeklärt, Vermutet wird, dass im Eisenschrott, der im Ofen geschmolzen wurde, eine noch gefüllte Gasflasche lag. Der Schwerverletzte ist zwar heute zu Hause, erholt sich aber nur langsam von seinen Verbrennungen.

«So etwas kann immer wieder passieren», sagt Katharina Studer. «Aber Alltag ist es zum Glück nicht.» Gewöhnlich gehe es um gequetschte Finger, um Schwartenrisse am Kopf, um feine Stahlsplitter im Auge, die sie mit einer Schlinge oder einem Magneten zu entfernen versucht, bevor sie auf der Hornhaut rostige Höfe bilden können, die dann der Augenarzt wegschleifen müsste.

Prävention im Lohncouvert

Als sie vor fünfzehn Jahren in Emmenbrücke zu arbeiten begann, versuchte man einen Rund-um-die-Uhr-Sanitätsdienst zu garantieren, der aber auf einem Areal mit 500 Meter langen Fabrikhallen zu langsam war, wenn etwas passierte. Studers Idee: Die erste Hilfe muss dort sein, wos passiert. Für rund fünfzig Leute organisierte sie eine professionelle Ausbildung zu Betriebssanitätern, für die seither Gabi kein Mädchenname, sondern die Eselsbrücke ist für das richtige Vorgehen im Notfall: Gibt er Antwort? Atmet er? Blutet er? Ist sein Puls normal?

Alltag im Betrieb heisst für Studer Blutdruck messen, schmerzende Rücken massieren, Wunden pflegen; Helme, Brille, Atemmasken, Gehörschütze und Schuhe ausgeben; in den dezentral angebrachten Sanitätskästen fehlendes Material nachfüllen – und immer wieder für Arbeitssicherheit und Gesundheitsförderung arbeiten. «Die beste Ressource für den Betrieb», sagt sie, «ist die Gesundheit der 600 Leute». Deshalb kämpft sie dafür, dass gerade die Männer, die der Hitze ausgesetzt sind, genug trinken; gegen die Hautallergien sind dezentrale Spender von Hautschutzflüssigkeit und schonender Seife installiert worden; sie betreibt Fusspilzprophylaxe in den Duschräumen der Werke und Prävention gegen Bleivergiftungen durch monatliche Urinkontrollen – und im letzten Monat kam ein Faltblatt zur Aktion «Rauchstopp» der Krebsliga in jedes Lohncouvert.

Lärm, Hitze und Konkurrenzdruck

«Körperlich arbeiten hier sehr robuste Leute, die von sich sagen, sie seien keine ‘Weichschnäbeler’. Das sind sie wirklich nicht. Trotzdem haben auch sie einen Körper, der irgendeinmal signalisiert: Jetzt ist es genug.» Häufig suche sie dann das Gespräch: «Was liegt Ihnen derart auf dem Magen? Was drückt so schwer auf Ihre Schultern?» Wenn nötig ermuntere sie dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gerade die vielen ausländischen Kollegen hätten grosse Vorbehalte, eine Arztpraxis zu betreten.

Mehrmals spricht Katharina Studer von ihrer Hochachtung vor den Leuten, die hier arbeiten – auch vor den Vorgesetzten, die sich in der Alltagshektik für das Wohl der Arbeitenden engagieren: «Diese Schwerindustrie hat etwas Elementares: der Lärm, die Hitze – aber auch der enorme Konkurrenzdruck. Hier einen Ort zu bieten, an dem die Leute spüren, dass sie ganzheitlich als Menschen wahrgenommen werden, das ist die Faszination meiner Aufgabe.»

 

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Erfolgreiche Wiedereinsteigerin

Aufgewachsen ist die heute 57jährige Katharina Studer als sechstes von fünfzehn Kindern auf dem Hof eines Kleinbauern ob Buochs im Nidwaldnischen. Nach sieben Schuljahren und einer Bäuerinnenschule begann sie als Ungelernte zu arbeiten, zuerst zu Hause, dann im Hotelfach und in Privathaushalten.

Heirat mit 21, drei Söhne, Teilzeitarbeit im Hauslieferdienst, mit 43 die Scheidung: «Ich stand da ohne Geld, ohne Beruf, ohne nichts.» Als Samariterlehrerin wird sie bei der von Moos Stahl AG als Betriebssanitäterin angestellt und macht daneben «Puzzle-Ausbildungen»: die Abendhandelsschule, die Gewerkschaftsschule des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), das Vorgesetztenseminar am Institut für Angewandte Psychologie, ein Notfall- und Ambulanzpraktikum im Spital Zofingen, eine Weiterbildung zur Projektleiterin für betriebliches Gesundheitsmanagement.

Sie arbeitet heute 90 Prozent, ihr 100-Prozent-Bruttolohn liegt bei 5300 Franken. Bis 2002 war sie Regionalpräsidentin des Smuv Innerschweiz, seit diesem März ist sie Smuv-Vertreterin in der Frauenkommission des SGB. Daneben engagiert sie sich als Co-Präsidentin im Senti-Treff des Luzerner Untergrund-Quartiers, wo sie auch wohnt. Und sie ist stolze Grossmutter: «Im Juli erwarte ich das achte Grosskind.»

Der hier gesetzte Titel entsprach meinem Vorschlag. Die Work-Redaktion setzte «Gesund bleiben in der Hitze».