Gegen Armut ist Geld zu wenig. Es braucht Veränderung!

Kann man 54 und so jung sein? Karl Heuberger ist jung im Kopf und jung im Herzen. Er weiss: Es gibt Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen, man muss es bloss wollen und tun. Erzählt er über Guatemala und Honduras, spricht er mit dem Feuer des Aktivisten einer basisdemokratischen Solidaritätsgruppe, und spricht er von der Lobbyarbeit rund ums Bundeshaus, wählt er die Worte ausgewogen wie ein Diplomat. Immer jedoch argumentiert er politisch: «Karitative Hilfe ist gut, aber zu wenig. Die Menschen im Süden sind nicht deshalb arm, weil zu wenig geholfen wird, sondern deshalb, weil sie in Strukturen leben, die Armut erzwingen.»

Die Lehrzeit in Südmexiko

Karl Heuberger kommt aus einer thurgauischen Kleinbauernfamilie, wird als Katholik kirchlich sozialisiert und studiert Ingenieur am Technikum für Agrarwirtschaft in Zollikofen (BE). In dieser Zeit lernt er die Arbeit der «Erklärung von Bern» kennen und begreift: «Das Konsumverhalten hier steht in einem direkten Zusammenhang zu Hunger, Elend und Ausbeutung in anderen Teilen der Welt.»

Danach arbeitet er zwar auf dem elterlichen Hof, ohne ihn allerdings ganz zu übernehmen. In Weinfelden wird er Koordinator der kirchlich inspirierten «Vereinigung für Entwicklung, Gerechtigkeit und Solidarität» (VEGS) und baut sie zu einer regionalen entwicklungspolitischen Schaltstelle aus. Bald arbeitet er mit den massgeblichen Organisationen der Schweiz in diesem Bereich zusammen.

1985 bereist er ein halbes Jahr lang den südmexikanischen Bundesstaat Chiapas. Er trifft auf Menschen, die in befreiungstheologischer Perspektive vom gelobten Land hören und sich im Alltag gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur durch Grossgrundbesitzer und internationale Konzerne zu wehren beginnen. «Vom Zapatismus hat man noch nicht gesprochen, aber ich sah: Hier ist etwas im Aufbau.»

Aufbruch und Stagnation beim HEKS

1990 wird Heuberger beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) Programmverantwortlicher für Zentralamerika, insbesondere für Guatemala und Honduras. Das politische Verständnis seiner Arbeit wird von der Arbeitgeberin damals nicht nur in Kauf genommen, es ist erwünscht.

Heuberger geht in seiner Arbeit auf: Er pflegt intensiv die Kontakte in Zentralamerika und tut als Lobbyist in der Schweiz das Mögliche, die schweizerische Aussenpolitik für die Probleme der Menschenrechte und der Friedensförderung zu gewinnen; er bringt Bischof Samuel Ruiz in die Schweiz und vermittelt ein Treffen zwischen ihm und Aussenminister Flavio Cotti; er entwickelt massgeblich das Programm eines internationalen zivilen Begleitschutzes für zurückkehrende guatemaltekische Flüchtlinge; er gründet Peace Watch Switzerland, deren Präsident er bis heute ist.

Der kirchliche Hintergrund des HEKS war und ist für ihn eine Chance: «Zentralamerika ist stark von der Kirche geprägt. Kirchliche Solidarität ist den Menschen dort wichtig.» In der Schweiz gebe es rund dreitausend Kirchgemeinden: «Würden wir uns besser koordinieren, könnten wir sehr wohl noch mehr Einfluss nehmen.»

In all den Jahren hat sich Heuberger weniger verändert als seine Arbeitgeberin. Wie andere Hilfswerke auch geht das HEKS heute in die Richtung einer projektzentrierten, professionellen Entwicklungshilfe. Die kirchliche Einbettung verliert an Bedeutung, weil die Basis zu schwinden scheint. Fundraising ist zentral: Der Spendenmarkt ist härter geworden.

Dass Guatemala vom HEKS als Schwerpunktland gestrichen wird, schmerzt Karl Heuberger. HEKS hat in den letzten vierzig Jahren eine entscheidende Rolle gespielt beim Aufbau von Beziehungen zwischen wichtigen Akteuren der Zivilgesellschaft dort und einer interessierten Öffentlichkeit in der Schweiz. «Heute braucht es nicht zuerst mehr Geld, sondern neue Allianzen für Gerechtigkeit», sagt Heuberger.

Das Projekt im Thurgau

Das HEKS-Engagement in Guatemala läuft Ende 2014 aus. Heuberger bleibt die Arbeit für Honduras, ungefähr eine 40 Prozent-Stelle. Deshalb denkt er zurzeit darüber nach, den elterlichen Hof nun doch noch zu übernehmen.

Seine Idee: Zum einen soll der Hof ein Gemeinschaftsbetrieb werden, der Bio-Obst, -Beeren und -Gemüse anbaut, dazu Kleintierhaltung; zum andern ein Ort der Begegnung, an dem Perspektiven nachhaltiger Landwirtschaft in der Schweiz, in Zentralamerika und überall debattiert werden können.

Kann man 54 und so jung sein? «Ich bin motivierter denn je weiterzumachen», sagt Karl Heuberger.

Jetzt, fünf Jahre später, finde ich Karl Heuberger im Internet schnell. Er gehört heute der Betriebsgruppe des Gemeinschaftshofs Gabris im Kanton Thurgau an. Die Idee des Projekts wird so beschrieben: «Der Gemeinschaftshof Gabris ist ein Ort, wo sich Menschen treffen, Neues lernen können, einander unterstützen, miteinander arbeiten, diskutieren und feiern. Ein Ort für solidarische Beziehungen zwischen Leuten vom Land und aus der Stadt, Jungen und Alten, ‘Einheimischen’ und ‘Fremden’. Ein Raum zum Ausprobieren, Produzieren und zum Verwirklichen von Ideen. Ein Raum, in dem sich ökologische Vielfalt entwickeln kann.» (13.4.2018)