Frau Doktor an der Demo

Als sie nach Gunten am Thunersee kam, kaufte sie sich als erstes robuste Schuhe und ein Auto mit Vierradantrieb. Seither arbeitet Monika Maritz als Hausärztin und, wenn es sein muss, macht sie Krankenbesuche bis unter das Sigriswiler Rothorn hinauf: bei Kindern und Greisen, in den Bauernhöfen am Berg, im Dorf und in den Hotels am See. Dazu kommen die Pensionierten, die einen Altersitz am See, in der Stadt mehrere Spezialärzte und dann für ein akutes Leiden doch den Doktor aus dem Dorf nötig haben: «Sie versuche ich als erstes sanft zur Idee einer Grundversorgung mit dem Hausarzt als erstem Ansprechpartner zurückzuführen.»

Angst kann krank machen

Während heute nur noch fünf Prozent der Medizin-Studierenden Hausärztin oder Hausarzt werden wollen, war für Monika Maritz in den siebziger Jahren dieses Berufsziel von Anfang an klar. Sie interessiert sich für die ganzheitliche Betreuung von Kranken und deshalb für die «biopsychosoziale» Sicht ihrer Leiden. Körperliche Krankheiten und psychische Probleme gehörten so eng zusammen, sagt sie, dass man meistens das eine vom andern gar nicht unterscheiden könne. Darüber hinaus spiele immer auch das Soziale eine Rolle: das Umfeld der Person, der Lebenslauf, die Familie und das Arbeitsfeld.

Immer häufiger spielen auch Ängste eine Rolle, beobachtet Maritz: «Ängste können krank machen – auch jene, die sich aus den wachsenden Arbeitsplatzunsicherheiten ergeben.» Etwa wenn jemand nach einer Krankheit beruflich nicht mehr voll einsatzfähig sei: «Dann sind wir als Anwälte der betreffenden Person im Clinch mit den Versicherungen, die Druck machen; der IV, die nicht handelt oder den Arbeitgebern, die unflexibel reagieren.» Zuerst ermutige sie jeweils die Patientinnen und Patienten, sich zu wehren. Wenn aber nichts gehe, setze sie sich mit ihnen und ihren Arbeitgebern an einen Tisch versuche zu vermitteln.

Vom Einzelkampf zur Teamarbeit

Viele Hausärzte und -ärztinnen verteidigen heute noch ein unternehmerisches Berufsbild: der Hausarzt, der sich im Einzelkampf aufopfert und dafür den Anspruch hat, dass man dankbar ist und nicht nach seinem Verdienst fragt. Das ist eine veraltete Sicht auf diesen Beruf: Monika Maritz beobachtet, dass in einer qualitativ hochstehenden Hausarztmedizin immer vernetzter gearbeitet wird, mit den Spitälern, der Spezialärzteschaft und mit der Spitex. Dieser Arbeitsweise entspricht die Teamarbeit besser als der Einzelkampf. Deshalb ist sie vor achtzehn Jahren in die «Arztpraxis am Bach» eingestiegen. Diese besteht aus zwei Ärztinnen, einem Arzt und vier medizinischen Praxisassistentinnen. Das Ärzteteam teilt sich 200 Stellenprozente und in die Arbeitgeberfunktionen Finanzen, Personelles und Infrastruktur. Geöffnet ist die Praxis vom Montagmorgen 7.30 Uhr bis am Samstagmittag, unter der Woche wird das Telefon für Notfälle auch mittags bedient. Ferienhalber geschlossen ist die Praxis nie.

Maritz arbeitet pro Woche sechs halbe Tage à fünf Arbeitsstunden, dazu kommen rund fünf Stunden Büro- und Schreibarbeiten: Telefongespräche, Überweisungsberichte diktieren, Rechnungen kontrollieren. An vier Wochenenden pro Jahr und in drei Nächten pro Monat hat sie Notfalldienst. Dann werden die Anrufe an die Praxis und an die regionale Notfallnummer auf ihr Handy weitergeleitet.

Keine Goldgrube mehr

Die Vorteile der Teamarbeit liegen auf der Hand: Als Mutter von zwei Kindern kann Maritz so Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen; der fachliche Austausch mit der Kollegin und dem Kollegen ist kontinuierlich möglich; die Infrastrukturkosten pro Arzt sind niedriger. Andererseits wird aber das unternehmerische Denken relativiert. «Den Aufwand für die Weiterentwicklung unseres Teams können wir bei keiner Krankenkasse abrechnen», sagt Maritz. Trotzdem sind die regelmässigen kleinen Sitzungen im Ärzteteam und die grossen zusammen mit den Praxisassistentinnen entscheidend für die Zusammenarbeit: «Nur ein gutes Arbeitsklima macht gute Arbeit möglich.»

Dass es heute oft schwierig geworden ist, Hausarztpraxen weiter zu führen, hat neben dem Spardruck von aussen und dem Wandel des Berufsbilds aber auch andere Gründe: «Falls sich eine Praxis überhaupt zum Arbeiten im Team eignet, kann wegen des Ärztebewilligungsstopps eine Übernahme zu zweit trotzdem unmöglich sein», sagt Maritz. Und: «Seit Hausarztpraxen nicht mehr in jedem Fall Goldgruben zu sein versprechen, sind die Banken mit Krediten an junge Kollegen und Kolleginnen restriktiv geworden.»

 

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Die Arbeitertochter

Aufgewachsen ist Monika Maritz in einer Oltener Arbeiterfamilie. Nach der Matur studiert sie in Bern dank Stipendien als Werkstudentin sechs Jahre Medizin. Danach erhält sie als erste Frau ein «Weiterbildungscurriculum Allgemeinmedizin»: Fünfeinhalb Jahre lang kann sie nun in den Bereichen Geriatrie/Rehabilitation/Psychosomatik, Kinderheilkunde, Innere Medizin, Chirurgie und Frauenheilkunde Erfahrungen sammeln. Anschliessend assistiert sie in zwei Hausarztpraxen – unter anderem an ihrem heutigen Arbeitsort in Gunten.

Berufspolitisch war die Sozialdemokratin Maritz immer engagiert, heute ist sie es als nationale Leiterin der «Arbeitsgruppe Fortbildung/Qualitätsförderung» in der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt 35 Stunden, ihren durchschnittlichen Bruttostundenlohn gibt sie mit 57.50 Franken an, was etwa einem Gymnasiallehrerinnen-Lohn entspricht.

Monika Maritz ist 51 Jahre alt, lebt in Thun, ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 15 und 18 Jahren. 

Aufhänger dieses Berufsporträts war eine Demonstration: Am 1. April 2006 demonstrierten mehrere tausend Hausärztinnen und Hausärzte auf dem Bundesplatz in Bern gegen Spardruck zu schlechter werdende Ausbildungsangebote. – Zum fünfjährigen Jubiläum der Gewerkschaftszeitung Work erhielt ich dann im Herbst des gleichen Jahres den Auftrag, bei Monika Maritz nachzufragen, was die Demonstration gebracht habe.

 

[Work, 20. 10. 2006]

Jetzt den Schwung behalten

Trotz Uneinigkeit habe die Hausarztmedizin von der Berner Demo profitiert, sagt Monika Maritz.

Am 1. April 2006 haben die Hausärzte und Hausärztinnen in Bern demonstriert. 12000 Leute sind gekommen. Auch Patientinnen und Patienten, auch viele Interessierte und Solidarische. «Diese Unterstützung für die Hausarztmedizin hat gut getan», sagt die Hausärztin Monika Maritz. «Zudem haben damals 300’000 Leute die Petition ‘Gegen die Schwächung der Hausarztmedizin’ unterschieben.»

Im letzten halben Jahr nun beobachtet Maritz, dass ihr Berufsstand «selbstbewusster und optimistischer» auftritt: «Das sieht man schon daran, dass letzthin an der Generalversammlung der SGAM, der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Medizin, für die weitere politische Arbeit des Vorstands grosszügig Geld gesprochen worden ist.»

Viele Lager

Nichts geändert hat sich freilich daran, dass die Hausärzteschaft politisch vielen Lagern angehört. An der Demonstration sind die Ausführungen der Hauptrednerin, Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP), denn auch zum Teil beklatscht, zum Teil ausgepfiffen worden. «Wir werden in der Öffentlichkeit als wenig homogen empfunden», sagt Maritz. Das habe damit zu tun, dass es neben der SGAM mit der Gesellschaft für Innere Medizin, dem Kollegium für Hausarztmedizin und den Kinderärzten und -ärztinnen verschiedene Berufsverbände gebe. «Seit der Demo arbeiten wir verstärkt daran, dass wir in Zukunft mit einer Stimme für die Hausarztmedizin sprechen.»

Trotzdem ist seit der Demo die Medienpräsenz der Hausärzteschaft besser geworden. Sei zuvor gewöhnlich die Standesorganisation der Gesamtärzteschaft, die FMH, kontaktiert worden, wenn es um Hausarztmedizin gegangen sei, würden jetzt vermehrt die Fachorganisationen direkt angefragt.

Drei Forderungen

Am 1. April haben die Demonstrierenden drei Forderungen aufgestellt:

Umfassende Mitspracherechte durch Einbezug in alle gesundheitspolitischen Entscheidungsprozesse: Im letzten halben Jahr hat der SGAM-Vorstand seine Positionen in zwei Sitzungen gegenüber Bundesrat Pascal Couchepin sowie an den Fraktionssitzungen der FDP und der SP erläutert. Zudem ist von der Gesundheitdirektorenkonferenz ein zusätzlicher Hausarztvertreter in die «Arbeitsgruppe für Notfallversorgung und Förderung der Hausarztmedizin» berufen worden.

Bessere Arbeitsbedingungen: Obschon in Hausarztpraxen im Vergleich zu 1970 real rund 40 Prozent weniger verdient wird, vergällt den Hausärzten und Hausärztinnen anderes die Arbeit als das weniger werdende Geld: «Wir fühlen uns durch eine zunehmende Reglementierung und Bürokratisierung unseres Berufes und die sogenannten Wirtschaftlichkeits-Überprüfungsverfahren der Krankenkassen häufig schikaniert», sagt Maritz. Dabei geht es darum, dass die Krankenkassen berechtigt sind zu überprüfen, ob in Arztpraxen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich gearbeitet wird. «Hier wird häufig ein generelles Misstrauen gegenüber unserer Arbeit sichtbar. Da hat die Demo auch nichts verbessert.»

Praxisnahe Aus- und Weiterbildung in Hausarztmedizin: Heute wollen nur noch etwa fünf Prozent der Medizinstudierenden Hausärzte und -ärztinnen werden. Immer häufiger müssen gerade auf dem Land wegen fehlender Nachfolgen Praxen geschlossen werden. Gegensteuer will hier nun die Universität Bern geben, indem sie ab 2007 alle Medizinstudierenden verpflichtet, pro Studienjahr acht Halbtage in eine Hausarztpraxis gehen – und im vierten Jahr dort ein dreiwöchiges Praktikum zu absolvieren. Maritz: «Eine billige und doch äusserst wertvolle Massnahme. So sehen alle Studierenden einmal, wie es in einer Hausarztpraxis läuft – ganz egal, ob sie sich später spezialisieren oder nicht.» Ziel ist auch in Bern, was Basel bereits erreicht hat: ein Lehrstuhl für Hausarztmedizin und die gezielte Förderung der Forschung in diesem Bereich.[1]

1. April 2007

Denkt Monika Maritz heute an die Demo zurück, ist sie zufrieden. Zwar ist nicht alles anders geworden, aber: «Wir wollten auf Missstände aufmerksam machen. Und aus den Reaktionen zu schliessen, haben wir das erreicht.» Jetzt muss der Schwung beibehalten werden: «Darum wollen wir den 1. April auch nächstes Jahr wieder zum Tag der Hausärzte und Hausärztinnen machen.»

[1] Am  1. April 2009 – also am dritten Jahrestag der Demonstration – wurde dann das Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) der Universität Bern eröffnet (vgl. (PrimaryCare Nr. 9, 2009).