Fassade sympathisch und lichtvoll

Wenn man bedenkt, dass die Häuser, die die achtziger Bewegung erobert hat, alle kurzfristig verrammelt und dem Erdboden gleichgemacht worden sind, kann man leicht ermessen, wie stark die Bewegung der ArbeiterInnen anfangs Jahrhundert gewesen sein muss, damit sie in den bürgerlichen Städten, zumeist an zentraler Lage, eigene Häuser bauen konnte. Ebenso leicht ist zu ermessen, wie schwach das Selbstverständnis dieser Bewegung geworden sein muss, damit man ihr heute ihre Häuser wegnehmen kann, ohne dass sie dies ernstlich auch nur zur Kenntnis nähme. In einem Kommentar des «Volkshäuser»-KULTURMAGAZINS (NR. 14/1979) wird der Niedergang der Volkshäuser auf die Spaltung der Arbeiterbewegung in brave Sozis und böse Kommunisten nach der Niederschlagung des Generalstreiks und die später daraus hervorgewachsene Politik der Sozialpartnerschaft zurückgeführt. Der Niedergang der Volkshäuser hätte also zu einer Zeit eingesetzt, in der man noch nicht einmal alle eingeweiht hatte.

Zwar mag es als Verdienst der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie gelten, in diesem Jahrhundert dafür gesorgt zu haben, dass der Büezer zu Wohlstand gekommen ist. Aber: Keiner soll behaupten, die organisierte Arbeiterbewegung hätte sich ihren offensichtlich errungenen Vorteil erkämpft. Das wäre nun doch das falsche Wort. Erhandelt wäre besser. Oder eingetauscht. Eingetauscht gegen die Hoffnung, dass es möglich wäre, Widerstand zu leisten gegen die ungerechten Verhältnisse. Dafür, dass sie darauf verzichtete, am Arbeitsplatz und im Staat für strukturelle Veränderungen in Richtung Sozialismus zu kämpfen, ist die Arbeiterbewegung von ihrem Gegner ausbezahlt worden…

Darüber sollte man zu reden beginnen: Dass die Menschen, die täglich in den Stollen fahren müssen  – trotz mehr Lohn und weniger Arbeitszeit als früher – viel verloren haben. Ein vordringliches Anliegen jener Sozialdemokraten, die während und nach dem Ersten Weltkrieg dem Bürgertum wirklich gefährlich wurden, war die kulturpolitische Arbeit: «Arbeiter! Lies und denke!»

Zehn Jahre hat Peter Weiss an seinem grossen Roman «Die Ästhetik des Widerstands» gearbeitet, um nachzuzeichnen, wie schwierig und wie wichtig zugleich es für die kleinen Leute ist, die Kultur nicht jenen zu überlassen, die sich tagsüber an ihr als ihrem Besitz ergötzen können. Er beschrieb drei junge Arbeiter: Wie sie abends nach der Arbeit die grossen künstlerischen Leistungen aller Zeiten studierten und diskutierten, wie sie lernten, diese Werke umzuinterpretieren, aus der verleugneten Sicht der kleinen Leute anzuschauen, wie sie daraus – in jenem Berlin 1937 – Mut schöpften zu einer radikalen politischen Perspektive und wie ihre kulturelle Arbeit dann umschlug: in Widerstand gegen das Unmenschliche.

Das ist der Preis, den die Arbeiterbewegung hierzulande zu bezahlen hatte: totale kulturelle Selbstverleugnung bis zum Identitätsverlust. Wer die Kultur den Patrons überlässt (oder «Kultur» für die Patrons anfertigt), überlässt ihnen auch das Nachdenken über die Frage, was gut sei für die kleinen Leute. Was ist aus den kulturpolitischen Forderungen der alten Sozialdemokraten geworden? Es ist, als hätte die schweizerische Arbeiterbewegung den Beweis erbracht, dass sich Bert Brecht irrte, als er sagte, der Mensch lebe nicht vom Brot allein.[1]

Der eigenen Wörter begann man sich zu schämen, taufte die Volkshäuser um, weil das Wort «Volk» zu vulgär tönte für den Ort, dem man sich neuerdings zugehörig fühlte: «Volkshaus» wurde «Falken» (in Solothurn), «Anker» (in Luzern), «Touring» (in Grenchen) oder «Hotel Bern». Auch der eigenen Farbe begann man sich zu schämen: Als die rote Fassade des Zürcher Volkshauses 1950 mit einem netten Hellgrau übertüncht wurde, rühmte das «Volksrecht»: «Der hellgraue Ton ist angenehm und gibt den Hausfronten einen freundlichen Charakter. […] Der warme Ton der Fassade wirkt sympathisch und lichtvoll.» Und wie man sich seiner eigenen Zeichen und Symbole zu schämen begann, so verleugnete und verlor man die eigene Kultur. Und wie man vergass, wogegen eine eigene Kultur entstanden und gewachsen war, so konnte man sich nicht vorstellen wozu Kultur überhaupt dienen sollte. Die Ideale waren sowieso im Eimer, Widerstand also überflüssig, der Zahltag stimmte.

Kulturelles Selbstverständnis wird nicht durch «Geniestreiche» der Spezialisten geschaffen (allerdings liefern sie Beiträge zur Gegenwartskultur, mit denen man sich gefälligst auseinandersetzen soll). Zum kulturellen Selbstverständnis gehört ein Ort mit seinen Zeichen und Symbolen. Ob er dann Opernhaus oder Volkshaus, Kirche oder Autonomes Jugendzentrum heisst, bestimmen jene, die sich zugehörig fühlen. Sicher ist aber: Wenn es dem jeweiligen politischen Gegner gelingt, die Leute aus ihren Orten zu vertreiben, so ist der kulturelle Niedergang und damit die Zerschlagung der Bewegung eingeleitet. Oder als Frage: Haben Leute politisch noch etwas zu sagen, die niemand mehr sind, dafür aber gut leben?

[1] Genau genommen hat das nicht Bert Brecht gesagt, sondern Jesus: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.» (Matthäus, 4, 4). Brecht beantwortet im zweiten Finale der «Dreigroschenoper» die Frage «Denn wovon lebt der Mensch?» mit: «Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein: / Der Mensch lebt nur von Missetat allein!» Zuvor sagt Macheath gegen das Jesus-Wort: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. / Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten / Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.» 

Der Kommentar war einem Dossier beigestellt, das über die Situation der Volkshäuser in Basel (Martin Hirter), Bern (André Buri), Biel (Tobias Kästli) und Zürich (Agathe Bier/Jakob Zurbuchen) berichtete.