Er ist der Briefträger fürs Grobe

Dass er eines Tages – unterstützt vom Berufsverband Routier Suisse und der Unia – als Verhandler der Geschäftsleitung der Postlogistics AG gegenübersitzen würde, hätte sich René Graner nicht träumen lassen. Vor 19 Jahren liess er sich von der Setz Gütertransport AG in Dintikon (AG) als Vertragsfahrer anheuern. Seither fährt er täglich mit Stückgut nach Bern: selbständigerwerbend, aber im Dienst eines einzigen Auftraggebers.

1997 verkaufte der Transportunternehmer Hanspeter Setz seine Firma an die Post. Die Arbeit blieb die gleiche. Letztes Jahr nun sagte die Geschäftsleitung der Postlogistics AG, wie die Auftraggeberin unterdessen hiess, die Firma schreibe nach wie vor rote Zahlen, die Entschädigungen für die rund 120 Vertragsfahrer müssten deshalb um 12 Prozent gekürzt und bis zu 30 von ihnen entlassen werden. Graner: «Wir sagen uns: Das geht nicht. Mit dem verbleibenden Verdienst kann ein Teil der Kollegen gar nicht mehr leben.»

Deshalb suchten die Vertragsfahrer Hilfe. Unterstützt von ihrem Berufsverband und vom Unia-Sekretär Roland Schiesser wählten sie eine Verhandlungsdelegation – René Graner gehörte dazu.

Lange, aber selbstbestimmte Arbeitstage

Lagerstrasse 12 in Dintikon: Hier befindet sich die Stückgut-Verteilzentrale der Postlogistics AG. Wenn René Graner zur Arbeit eintrifft, ist es jeweils noch Nacht, kurz vor drei Uhr. Sein Camion steht dann bereits an einer Andockrampe. Er übernimmt die Lieferpapiere und sortiert sie in die Reihenfolge der Auslieferung. Dann lädt er sein Fahrzeug mit allem, was der schweizerischen Post zum Transport übergeben wird, aber für die Paketpost zu gross ist. Gegen fünf fährt er los, um sechs trifft er in Bern ein. Sein Rayon liegt zwischen Wankdorf, Bärengraben und dem Hauptbahnhof: «Hier kennt man mich in jedem Betrieb.»

Graner ist der Briefträger fürs Grobe. Wie dieser hat auch er zu den langjährigen  Kunden ein Vertrauensverhältnis, das dank Zuverlässigkeit und Freundlichkeit gewachsen ist. Deshalb hat er von verschiedenen Betrieben einen Schlüssel. Kommen dort die ersten zur Arbeit, stehen die bestellten Waren patat, und Graner ist bereits ein Haus weiter: «Bei bis zu dreissig Abladestellen macht es etwas aus, ob man pro Kunden zwei Minuten mehr oder weniger braucht.»

Ist der Camion gegen Mittag leer, nimmt er mit der Disposition in Dintikon Kontakt auf. Jetzt erhält er die Abholaufträge von Stückgut, das von Bern in die Verteilzentrale muss, damit es am nächsten Morgen von einem Kollegen geliefert werden kann. Feierabend hat er – gewöhnlich nachmittags zwischen drei und vier – wenn diese Aufträge erledigt sind.

Das ergibt lange Arbeitstage. Aber Graner ist gern unterwegs und geniesst es, selber entscheiden zu können, wann er was macht: «Niemand verbietet mir, bei einem Kunden, der Geburtstag hat, eine Viertelstunde abzusitzen, wenn er mich zu Kaffee und Kuchen einlädt.»

Ein guter Neubeginn

Über die Verhandlung mit der Geschäftsleitung sagt Graner, das sei «eine gute Erfahrung» gewesen: «Ich habe gelernt, dass man hart verhandeln und einander nach der Sitzung doch weiterhin in die Augen blicken kann.» Klar sei der neue Vertrag, der auf 1. Juni in Kraft tritt, «ein Kompromiss». Aber er sei auch «ein guter Neubeginn».

Die Verhandlungsergebnisse konkret: Die Entschädigung wird nicht um zwölf, sondern nur um sechs Prozent gekürzt; jedem Vertragsfahrer werden neu 220 entschädigte Einsatztage garantiert und bezahlt; eingeführt wird ein transparentes Vergütungsmodell mit Tagespauschalen, Kilometer- und Stop-Entschädigungen. «Mit diesem für die Branche neuen System weiss ich nun am Abend jeweils genau, was ich verdient habe. Das ist ein wirklicher Fortschritt.»

Natürlich dürften die Entschädigungen und Pauschalen höher sein, sagt Graner, aber da liege vielleicht schon bald mehr drin. Wenn die Wirtschaft in diesem Jahr tatsächlich anziehe, dann schreibe Postlogistics hoffentlich schwarze Zahlen, und abgemacht sei, dass in diesem Fall eine neue Standortbestimmung gemacht werde.

Aber wahr ist auch: Nicht alle Vertragsfahrer sind mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden. Einigen habe es mehr wehgetan, anderen weniger. Deshalb haben nicht alle Kollegen den neuen Vertrag unterschrieben (ob und allenfalls wie viele Kündigungen schliesslich noch nötig sein werden, ist noch nicht bekannt).

Für René Graner war die Zusammenarbeit mit der Unia fair: «Die Unia hat uns geholfen. Aber wir haben auch ihr geholfen: Sie hat nun einen Fuss im Transportgewerbe. Möglich, dass dadurch etwas in Bewegung kommt. Schlecht wäre das nicht.»

 

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Am Anfang stand ein Jux

René Graner (* 1959) hat eine Lehre als Automechaniker gemacht. Nach der Ausbildung arbeitete er als Autoersatzteilverkäufer, später im Aussendienst. Aber das sei nicht seine Welt gewesen. Als er «aus Jux» den Lastwagen-Fahrausweis gemacht habe, sei er vom Fahrlehrer auf die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bei der Setz Gütertransport AG (heute Postlogistics AG) in Dintikon (AG) hingewiesen worden.

Seit 1987 arbeitet er dort als Vertragsfahrer. Während der Lehre trat er dem Christlichen Metallarbeiterverband CMV bei (heute Syna). Acht Jahre lang war er Kassier der Sektion Bremgarten (AG) – Mitglied blieb er auch später als Selbständigerwerbender. Im letzten Jahr ist er zur Unia übergetreten.

René Graner lebt mit seiner Partnerin in einem eigenen Haus in Brunegg (AG). Sein Nettolohn bewegt sich zwischen 6000 und 6500 Franken pro Monat. Bleibt ihm neben dem Beruf und dem Garten Zeit, so könne er es bis heute nicht lassen, sagt er, ab und zu einen Schraubenschlüssel in die Hand zu nehmen und an einem Automotor zu arbeiten.