Ein Schlupfloch in die Arbeitswelt

Ein regnerischer Vormittag. «Auftragsvermittlung» steht in grossen gelben Buchstaben auf dem Schaufenster des Reihenhauses im Berner Breitenrainquartier. Im Ladenlokal der ehemaligen Gärtnerei finden links die Beratungen statt, rechts stehen einige Stühle für die Wartenden. Hier kann man sich Pulverkaffee anrühren oder die Stellenanzeigen in den Tageszeitungen durchsehen. Thomas Schneeberger, der Leiter des Taglohnprojekts «Etcetera», führt in ein enges Hinterzimmer mit Schreibtisch und PC.

2003 hat man hier exakt 28323 Arbeitsstunden vermittelt, das Jahrespensum von rund 14 Vollzeitstellen. Gut 70 Prozent der Aufträge haben Frauen erledigt. Insgesamt waren 177 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Einsatz – zur Hälfte im Auftrag von Privaten, zu einem Drittel für Firmen und zu einem Sechstel für Institutionen. «Etcetera» wird von einem dreiköpfigen Team betreut, das sich in 170 Stellenprozente teilt.

Arbeits-Los statt arbeitslos

Bevor das «Etcetera» werktags um Punkt halb neun öffnet, werden die PC aufgestartet, Mails und Post durchgesehen und der Telefonbeantworter abgehört: Gibt’s neue Arbeitsaufträge? Öffnet «Etcetera», wartet gewöhnlich schon ein Grüppchen arbeitssuchender Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen draussen auf dem Trottoir. Häufig wird es dann schnell eng und hektisch. Es geht um Tipps und Beratungen, um kleine Handreichungen aller Art, dazwischen klingelt immer wieder das Telefon, und nicht selten haben es alle eilig: die Kinder, der Einkauf, das Kochen oder ein bereits ergatterter, kleiner Job, zu dem man pünktlich erscheinen will.

Das Projekt «Etcetera» des Arbeiterhilfswerks SAH existiert seit gut zehn Jahren. Es ist ein spezielles Temporärbüro, das keinen Gewinn macht, dafür aber soziale Dienstleistungen übernimmt. Schneeberger: «Für die Leute, die zu uns kommen, nehmen wir im Rahmen des gesetzlich Möglichen Partei, unterstützen und vertreten sie.» Hier erhalten Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge die Chance, kleine Arbeitsaufträge zu übernehmen und so zu etwas Geld und Selbstbestätigung zu kommen. Vermittelt werden meist Hilfsarbeiten, vor allem Putzen und Zügeln.

Die rund 150 Mitarbeitenden kommen aus über vierzig Ländern: «Unsere Arbeit hier beschert uns ein bisschen Reisen an Ort. Wir hören vieles, ab und zu auch Horrorgeschichten.» Die Schweizer und Schweizerinnen, die hierherkommen, kämpfen nicht selten mit Sucht- oder psychischen Problemen. Es gebe unter ihnen «Stammgäste», die zeitweise tadellos arbeiteten, dann aber wieder vollständig abstürzten.

«Etcetera» hat immer über mehr Arbeitssuchende als über Arbeitsangebote verfügt. Darum sei man eine Zeitlang dazu übergegangen, jeweils um 11 Uhr die Angebote zu verlosen, erzählt Schneeberger, damit niemand das Gefühl habe, andere würden bevorzugt. Aber das Vorgehen hatte Nachteile: Oft seien Leute täglich von Ostermundigen oder Bümpliz in die Stadt gekommen und immer wieder leer ausgegangen. Und viele Frauen hätten wegen der Kinder oder der Haushaltspflichten nicht an der Verlosung teilnehmen können. Deshalb hat man dieses System wieder abgeschafft. Nun verteilt das Team die Arbeiten und begründet die Entscheide: «Das gibt zu reden. Aber seit wir die Verantwortung nicht mehr auf den Zufall abschieben, ist die Stimmung besser geworden.»

Beratungsstelle und Treffpunkt

Offiziell schliesst «Etcetera» um 11 Uhr. «Ein Erfahrungswert: So sind die letzten dann um zwölf oder doch um eins draussen.» Am Nachmittag wird der Telefonbeantworter eingeschaltet, denn es wartet der Papierkram: die Buchhaltung, die elektronische Erfassung der Arbeitsrapporte, die Abrechnung der Quellensteuer auf den Löhnen der Mitarbeitenden, Versicherungsfragen, Arbeitsbewilligungen für neue Mitarbeitende. Schliesslich findet am Nachmittag auch eine Art Sprechstunde statt. «Da wir alle drei nicht sozialarbeiterisch ausgebildet sind, versuchen wir vor allem, kompetente Fachleute zu vermitteln.» In den Einzelgesprächen kommen auch schwierige private Probleme zur Sprache – Drogen, Missbrauch, Gewalt: Keine Themen für den turbulenten Vormittag.

Ab und zu ist es freilich auch am Vormittag im «Etcetera» richtig gemütlich. Jetzt zum Beispiel: Während sich die Teamfrau Rosanna Hollenweger-Fornaciari mit einem älteren Mann über eine Stellenanzeige in der Zeitung beugt, warten auf den roten Stühlen plaudernd drei somalische Frauen. «Das ‘Etcetera’ als Treffpunkt, das gibt’s auch», sagt Schneeberger. «Eine Frau, die früher für uns arbeitete, ist jetzt im Quartier für die Spitex unterwegs. Aber sie schaut immer noch manchmal herein und trinkt schnell einen Tee bei uns.»

 

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Der Quereinsteiger

Seit dem November 1995 leitet Thomas Schneeberger die soziale Auftragsvermittlungsstelle «Etcetera» – ein Projekt des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH, das von den Gemeinden Bern und Ostermundigen finanziell unterstützt wird.

Schneeberger ist ein Quereinsteiger: Nach einer abgebrochenen Primarlehrerausbildung und der Verwaltungslehre auf einem Advokaturbüro begann er seine Wanderjahre mit einem Sprachaufenthalt in San José (Costa Rica). Es folgten verschiedene Temporäreinsätze über Adia Interim, zum Beispiel als Gerüstbauer. Dann war er Küchen- und Servicemitarbeiter in verschiedenen Restaurants in Bern, Mitbegründer der Genossenschaft «Bären Frieswil», Praktikant beim Lokalradio «Förderband» und arbeitete in befristeten KV-Stellen beim «Schweizerischen Landesverband für Sport» und bei der Hasler ZEAG. 1987 übernahm er im Fürsorgeamt der Stadt Bern für acht Jahre die Administration eines Schulungs- und Beschäftigungsprogramms.

Thomas Schneeberger ist 46jährig und lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Hettiswil zwischen Burgdorf und Bern. Er verdient für seine 60-Prozent-Stelle bei «Etcetera» rund 4600 Franken netto und ist Mitglied der Gewerkschaft VPOD.

Für die Druckversion setzte die Redaktion den Kurztitel: «Jobs, Kaffee etc.»