Ein nonkonformistischer Keller-Poet

«Was hat man davon, wenn man gross herauskommt? Dann schleicht dir bloss ein Haufen von Kriechern hinterher», sagte Ueli Baumgartner 1992 in einem Gespräch. Nach dieser Maxime hat er auch in seinen letzten Jahren gelebt. Mit ihm ist am 29. April 2000 ein vielseitiger Künstler, liebenswürdiger Schalk und herzensguter Mensch im Alter von gut 73 Jahren gestorben.

Schattenspiele

Baumgartner liess sich Ende des Zweiten Weltkriegs an der Kunstgewerbeschule Zürich unter anderen von Max Bill und Johannes Itten zum Grafiker ausbilden. Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde er Bühnenbildner des Keller-«Theaters der unteren Stadt» – eine Funktion, die er später auch bei mehreren Produktionen des «Berner Puppen Theaters» von Monika Demenga und Hans Wirth übernommen hat. Halb vom Kubismus inspiriert, halb vom javanischen «Wajang», begann er sich in den frühen fünfziger Jahren mit dem Schattenspiel auseinanderzusetzen und trat mit zwei eigenen Stücken an die Öffentlichkeit: «das verlorene wort» (1955) und «Das Loch in der Pfanne oder Oedipus, der durch die Wüste muss» – Letzteres wurde im Rahmen von Harald Szeemanns Schattenspiel-Ausstellung in der Berner Kunsthalle 1962 uraufgeführt. In der Gestaltung seiner Figuren sei Baumgartner damals «eine ganz neue und eigenständig moderne Bildgebung» gelungen, sagt Monika Demenga heute.

Neben seiner Brotarbeit als Grafiker war Baumgartner sein Leben lang kontinuierlich als Maler und Zeichner tätig. Mitte der fünfziger Jahre gehörte er mit Rolf Iseli, Jimmy Schneider und anderen zur «Gruppe Postgasse 6», die sich mit dem Kubismus auseinandersetzte. Kurz darauf fand er Anschluss an den «Tägel-Leist», einen Jugendzirkel um Sergius Golowin, der sich intensiv mit den Resten der Volkskultur und mit den Kehrseiten der fortschrittsgläubigen Wohlstandsschweiz auseinandersetzte. Zusammen mit Franz Gertsch wurde er Illustrator der Leist-Zeitung «Sinwel». Seither ist er in seinen skurrilen, figürlichen Bildern und Zeichnungen immer wieder von neuem den magisch-mystischen Grenzbereichen der Zivilisation auf der Spur gewesen – dass eines seiner Bilder «Anthropomorphe Vegetation» heisst, ist insofern Programm.

In der «Junkere 37»

Ab 1964 gehörte Baumgartner im Kreis um den Diskussionskeller «Junkere 37» zu den nonkonformistisch-gesellschaftskritischen «Keller-Poeten» – vorzugsweise unter seinem Pseudonym Georges Ghaby Hay. Neben satirischer Zeitkritik – etwa gegen die Annahme des so genannten «Asozialengesetzes» 1965 – schrieb er damals vor allem expressionistisch gefärbte Lyrik in freien Versen.

In den letzten Jahren ist es um Ueli Baumgartner stiller geworden. Letztmals ausgestellt hat er 1984 in der «Könizer Galerie». Aber in seiner bescheidenen Wohnung hinter dem Eigerplatz hat er langsam und unbeirrbar an seinen Projekten weitergearbeitet und war jederzeit jenen ein Freund und Gastgeber, die, wie er, nicht gross herauskommen wollten oder konnten.

Eines seiner Gedichte aus den sechziger Jahren trägt den Titel «die unbehausten» und endet mit den Zeilen: «schon tritt man wieder / über die schwelle ins dunkel / und niemand will dir weggefährte sein».