Durchlauf für die Supernova

 

«Ausbauprojekt» haben sie es genannt, an der Bilanzpressekonferenz der Biber Holding AG letzthin, «Vorwärtsstrategie im Verdrängungskampf», «ein klarer Schritt Richtung Zukunft». Der Verwaltungsratspräsident Jakob Biedermann sei «ermutigt», hat die Zeitung geschrieben, «das anspruchsvolle Grossprojekt mit Optimismus und Zuversicht zu starten». «Biber Nova», so haben sie es getauft, das Mordioding in Biberist (SO), die rasende Produktionsstrasse, den papierspuckenden Maschinenlindwurm. Ein Drittel Kilometer lang: Papiermaschine, Streichmaschine, Ausrüstmaschinen. Das fliegende Papierband, 5 Meter 64 breit, zwischen Pressen und Zylindern, durch Nasspartie und Trockenpartie zur Aufrollung tausend Meter in der Minute. Und drumherum die neue Produktionshalle, mehr als 21 Meter breit, 360 Meter lang: Die sprengt das Areal an der Emme, die klotzt über die Derendingerstrasse hinaus ins freie Feld. Schon kurvt, als halbgeteerte Kiesschneise, die neue Hauptstrasse mit respektvollem Auswärtsschwung um den projektierten Neubau herum; zwei Wohnhäuser haben sie für diesen Kantonsstrassenknicks vor der Zukunft weggeputzt. Statt 170000 soll’s ab 1993 270 000 Tonnen Biberister Papier geben. Da reicht die neue Produktionsstrasse nicht, da braucht’s über 200 neue Arbeitskräfte, die Erweiterung von Rohstofflager und Stoffaufbereitung, ein neues Hochregallager für die Rollen- und Format-Fertigware, eine neue «Kraftzentrale», eine vergrösserte Kläranlage. Dazu modernste Technik: Prozessüberwachung, Steuerung, Regelung, alles am Bildschirm, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Die spuckt endlos Papier, die «Biber Nova», sieben Tage in der Woche Volldampf, «Durchlauf» eben, den wollen sie jetzt auch hier in Biberist einführen.

Restaurant «Flösserhof» an der Emme, weiter drüben der Fabrikeingang, dazwischen die Bahnlinie Solothurn-Burgdorf, Geleiseabzweigungen hinein ins Fabrikareal, vis-à-vis der Biberister Bahnhof. Ein jüngerer und ein älterer Arbeiter kommen von der Frühschicht und erzählen. Den Dreischichtbetrieb kenne man hier schon lange: abwechslungsweise Frühschicht von fünf Uhr früh bis mittags um eins, Spätschicht von eins bis neun, Nachtschicht von neun bis am andern Morgen um fünf. Nein, körperlich sei die Arbeit nicht schwer. Vor allem Überwachungsarbeiten an den Maschinen, das allermeiste laufe ja automatisch. Aber das Konzentrieren, auch morgens um zwei, drei, vier, todmüde, kein Nachlassen in der Hitze, im Lärm, und immer die innere Spannung: «Hornet’s, hornet’s nid?» Es gebe solche, die getrauten sich während der Schicht nicht aufs WC aus Angst, genau in dem Augenblick passiere etwas.

Die Biber Holding ist die grösste inländische Papierproduzentin. 1988 stellte sie 363 000 Tonnen Papier her, Ertrag 669,9 Millionen Franken, Cash-flow 80,5 Millionen, Gewinn 11,5 Millionen, stille Reserven (erstmals ausgewiesen): 500 Millionen. Die Holding umfasst in der Produktion neben der Papierfabrik Biberist Fabriken in Utzenstorf im Kanton Bern und Zwingen im Laufental, in der Papierverarbeitung die Elco Papier AG und die Schaller-Frewi AG, im Papiergrosshandel die Biber Papier AG, die Rochat Papiers SA und die Interpapir MCM A/S, Kopenhagen; dazu kommen verschiedene Minderheitsbeteiligungen in der Papierbranche. In dieser Branche wird heute schon grösstenteils vierschichtig im Durchlaufbetrieb gearbeitet, so auch in Utzenstorf und Zwingen.

Das gebe schon Probleme, diese Schichten, sagt der Ältere jetzt im «Flösserhof»: «Morgens um halb sechs nach Hause kommen und die Haustür so süüferli auftun, dass Frau und Kinder nicht erwachen. Dort beginnt’s schon. Dafür sollen die Kinder dann tagsüber immer still sein, weil der Alte schlafen muss.» Und die Magenprobleme auf der Nachtschicht, sagt der Jüngere. Jahrelang habe er Tabletten geschluckt. Mit der Zeit habe sich der Körper dann an die Nachtschicht gewöhnt. Und zuhause die Frau: abends immer allein, oder dann gehe sie eben allein aus. Ein bisschen was wolle man ja auch von der Frau haben, auch sexuell. Bloss sei man eben keine Maschine. Was dazukomme: Heutzutage gingen auch die Frauen vermehrt wieder auswärts zur Arbeit, schon wegen den Mieten: Dann sehe man sich manchmal wochenlang überhaupt nicht mehr. Und jetzt der Durchlauf: «Da hab ich ja gar nichts mehr vom Leben.» Betroffen seien nur Männer, Frauen dürften ja keine Nachtarbeit machen. Darum verschwänden sie nach und nach aus der Produktion, je mehr auch in Randbereichen von zwei auf drei Schichten umgestellt werde.

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Mit Datum vom 1. Januar 1989 stellt die Direktion der «Papieri» für den künftigen Durchlauf den in der Branche üblichen Vierschicht-Plan vor: In vier Wochen sollen drei Schichtblöcke à sieben Tage, dazwischen zwei mal zwei und einmal drei Freitage; an drei von vier Wochenenden wird gearbeitet. Der finanzielle Anreiz: Mehrverdienst von 18 bis 20 Prozent, der sich aus Sonntagszuschlag und Durchlaufprämie zusammensetzt.

Am 12. Februar diskutieren die Biberister Arbeiter an einer Betriebsversammlung in Gerlafingen Varianten zum Angebot der Direktion. Auf Interesse stösst die Idee eines Fünfschicht-Plans, der darauf beruht, statt 20 Prozent mehr Lohn 20 Prozent mehr Freizeit einzuziehen. Dies ergäbe eine 33,6 Stunden-Woche und einen Schichtrhythmus von jeweils sechs Tagen Arbeit und vier Freitagen.

Die vom Gesamtarbeitsvertrag (GAV) vorgeschriebene geheime Abstimmung zur Einführung des Durchlaufbetriebs in Biberist bringt dann ein eindeutiges Resultat: Der Vierschicht-Plan wird mit 86,2 Prozent Nein-Stimmen verworfen, was die Direktion mit Schreiben vom 3. April an die «lieben Mitarbeiter» mit «Enttäuschung» zur Kenntnis nimmt und zur Drohung veranlasst: «Das bedauerliche Ergebnis, das sich gegen die Zukunftsplanung unserer Papierfabrik zur Erhaltung des Produktionsstandorts Biberist richtet, könnte sich durchaus gegen das Wohl des Unternehmens und dadurch auch seiner Mitarbeiter auswirken.»

Unterdessen führen die bei der Gewerkschaft Textil Chemie Papier (GTCP) organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen eine Meinungsumfrage unter jenen 232 Betroffenen durch, die den direktorialen Vierschicht-Plan abgelehnt haben. Sie wollen wissen, ob die Betroffenen prinzipiell gegen einen Durchlauf seien oder ob sie ihn bei mehr Freizeit respektive mehr Zulagen akzeptieren würden. Die Umfrage wird bis Ende April von 183 Betroffenen beantwortet: 84 wollen mehr Freizeit (28 davon sind gegen einen Durchlauf, falls nicht der Fünfschicht-Plan garantiert wird), 24 wollen mehr Zulagen, 75 wollen prinzipiell keinen Durchlauf.

Die Direktion habe diese Meinungsumfrage zur Kenntnis genommen, sagt der «Papieri»-Personalchef Josef Willi. Man habe die Fünfschicht-Variante geprüft und vor allem aus zwei Gründen verworfen: Erstens sei erst seit kurzem ein neuer GAV in Kraft, der den Durchlaufbetrieb regle, und zwar auf der Basis der 42-Stunden-Woche und vier Schichten. Das Eintreten auf einen Fünfschicht-Plan würde die «Papieri» auf der Arbeitgeberseite in «eine Offsideposition» manövrieren. Zweitens brauche «Biber Nova» bereits bei vier Schichten über 200 neue Arbeitskräfte, bei fünf Schichten kämen noch einmal 120 bis 150 dazu, soviel gebe die Region Solothurn nicht her. Dazu komme, dass fünf Schichten wegen der Sozialkosten und dem zusätzlich notwendigen «Springerpersonal» für Krankheits-, Ferien- und Militärabwesenheiten um etwa 5 Prozent teurer kämen. Die Direktion habe im übrigen den Fünfschicht-Plan immer als zukunftsweisend bezeichnet und wolle sich in den weiteren Verhandlungen flexibel zeigen, allerdings im Rahmen des geltenden GAV.

Für die zweite Vertragsgewerkschaft in Biberist, den Schweizerischen-Papierarbeiter Verband (SPV), hält dessen Zentralsekretär, der Glarner Regierungsrat Martin Brunner (SP), zum Fünfschicht-Plan fest: «Nachdem anfangs dieses Jahres zwischen der Papierindustrie und sämtlichen Vertragsgewerkschaften ein neuer GAV abgeschlossen worden ist, kommt der Vorschlag der GTCP einer Vertragsverletzung, einem Verstoss gegen Treu und Glauben gleich. Er ist deshalb grundsätzlich abzulehnen.»

Fritz Gfeller, GTCP-Sekretär in Solothurn, kontert: «Dass Exponenten des SPV die Forderungen der Betroffenen und der GTCP nach menschlicherer Arbeitszeitgestaltung mit allen Mitteln zu hintertreiben versuchen, erstaunt mich nicht. Seit seiner Abspaltung vor 34 Jahren ist dieser Verband sicher nicht in Verruf geraten, dass er mit allzuviel sozialer Phantasie für eine bessere Zukunft der Papierarbeiter und -arbeiterinnen gesegnet gewesen wäre.» Für ihn ist klar, dass mit dem Projekt «Biber Nova» die Biberister Zukunft «in Stein und Eisen geschrieben» wird: «Die Ablehnung des Fünfschicht-Gruppen-Modells durch die Arbeitgeber ist keinesfalls nur wirtschaftlich, sondern in erster Linie durch Herrschaftsinteressen begründet. Ich finde es eigenartig, dass die Direktion der ‘Papieri’ in der schrankenlosen Ausweitung gesundheitlich schädlicher und kulturell ghettoisierender Schicht- und Nachtarbeit ein positives Lebensmodell für die Zukunft sieht.»

Dieser Meinung ist mittlerweile auch eine Mehrheit in Biberist: Am 31. Mai haben sie bei den Betriebskommissionswahlen an der Urne die 20jährige Vorherrschaft des SPV beendet und den GTCP-Vertretern eine 7:6-Mehrheit verschafft.

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Im Flösserhof. Freitage unter der Woche seien halt nicht das gleiche: Die Kinder in der Schule und übers Wochenende, wenn sei frei hätten, müsse man in die Fabrik. Oder die Vereine, die hätten ihre Anlässe eben an den Wochenenden. «Hier sind viele im FC oder bei den Hornussern oder in der Musik.» Aber natürlich, wenn die Fabrik in der Durchlaufdiskussion mit dem gefährdeten Produktionsstandort Biberist zu drohen beginne, dann werde noch manch einer «tuuch». Die «Papieri» besitze hier in der Region 330 Wohnungen, die sie an die Arbeiterschaft wirklich günstig vermiete. «Wer riskiert heutzutage schon den Arbeitsplatz und damit ein billiges Dach über dem Kopf?» Manchmal sage er sich, erzählt der Ältere, der Zaun ums Fabrikareal sei die Grenze, und wenn er am Feierabend diese Grenze überschreite, dann gehe ihn das alles nichts mehr an bis zur nächsten Schicht. Aber das gelinge ihm auch nicht immer. Übrigens, sagt der Jüngere, habe es in der Fabrik einen Wettbewerb gegeben, wie die neue Maschine getauft werden solle. Zwar habe «Biber Nova» gesiegt, aber sie hätten andere Namen gewusst: «Biber Titanic» oder «Biber Sklavenburg».

285 Millionen für das Ungetüm, das bergeweise Holzschliff, Cellulose, Altpapier verschluckt, auf einem Endlossieb zu wässerigem Faservlies zerstreicht, durch Pressen quetscht, im Slalom um zwei Reihen dampfbeheizter Stahlzylinder jagt im hohen Blechgehäuse der Vortrockenpartie, dann Leimpresse, dann Nachtrockenpartie, wo die letzte Feuchtigkeit verdampft, dann Glättwerk; Aufrollung. Tambourlager. Tonnenschwer das aufgerollte Rohpapier. Schiesst in die Streichmaschine, durch den Satinierkalander weiter in die Tellermesser der Rollenschneidmaschine, durch den Sortierquerschneider, dahinter stapelt sich, sortiert und abgezählt, Formatpapier palettweise. 285 Millionen und noch einmal soviel für den Bau der Produktionshalle, für die Anpassung der Logistik, den Ausbau der Infrastruktur. 600 Millionen werden hier in Biberist investiert in den nächsten paar Jahren. Am 1. Oktober 1991 soll «Biber Nova» losgelassen werden mit optimaler Maschinenlaufzeit: 168 Stunden in der Woche. Als Statisten werden die hallenweit verstreuten blauen Überkleidermenschlein schichtplanmässig eingepasst ins grosse Werk. Optimale Menschenlaufzeit: Sieben Tage Spätschicht, zwei Tage frei, sieben Tage Frühschicht, zwei Tage frei, sieben Tage Nachtschicht, drei Tage frei. Und wieder von vorn und immer so weiter, in Ewigkeit Amen. Durchlauf für die Supernova.

Als am 1. Oktober 1991 die «Biber Nova» in Anwesenheit von bedeutender Polit- und Wirtschaftsprominenz ihren Betrieb aufnimmt, ist die Freude der Anwesenden nur eine gedämpfte. Schon zu diesem Zeitpunkt ist der Wert der Biber-Aktien, der sich 1989 noch um 6400 Franken bewegt hat, auf knapp 2000 Franken gefallen. Unheilvoll ist die Investition von mehr als einer halben Milliarde Franken für «Biber Nova» kollidiert mit der aufkommenden Krise der westeuropäischen Papierindustrie: In Osteuropa brachen die Ökonomien zusammen, der dortige Papierabsatz stockte, neue Papieranbieter drängten auf den westeuropäischen Markt, die Folge war ein Preissturz. Dazu kam das wegen der allgemeinen Wirtschaftskrise sinkende Inserateaufkommen und dadurch die sinkende Nachfrage nach Zeitungspapier. Das war die Situation, als das Biberister Management einem unseriösen Generalunternehmer den Auftrag für die Erstellung des neuen Hochregallagers erteilte, 30 Millionen Franken verlor und landesweit zum Gespött wurde. Mitte 1992 waren die Biber-Aktien gerade noch 460 Franken wert, der Schuldenberg hatte die Milliardengrenze erreicht. Die Biber-Holding AG begann Teile des Konzerns zu verkaufen (so die Holzstoff- und Papierfabrik in Zwingen [AG], die Elco in Allschwil und Schaler-Frewi in Brugg). Und sie begann, Personal abzubauen: 1993 wurden allein in der zur Holding gehörenden englischen John Dickinson Stationery Ltd. 600 Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen. Gleichzeitig schritten die Gläubigerbanken der Holding zur Radikalkur: Durchgeführt wurde ein «Kapitalschnitt», was eine Umwandlung von 50 Prozent der Obligationen in Aktien und eine Abschreibung des Aktienkapitals bedeutete. Allein für das Jahr 1993 wurde ein Verlust von 282 Millionen Franken ausgewiesen. Ende März 1994 stellte man in Biberist ein Konzept zur Rettung des Konzerns vor, das die Sanierung der Bilanzen der Biber Holding AG durch Banken und Versicherungen, sie die Konzentration der Gruppe auf die Papierherstellung vorsah. Zusätzlich stand eine weitere Entlassungswelle an: 1994 reduzierte der Konzern seinen Personalbestand von 3295 auf 1924 (bis Ende 1995 auf voraussichtlich 1700); 725 Arbeitsplätze gingen beim Verkauf von Tochterfirmen verloren, 650 wurden effektiv abgebaut. Die unterdessen operationell eng zusammenarbeitenden Papierfabriken Utzenstorf und Biberist verloren weitere 197 Arbeitsplätze, steigerten aber im gleichen Jahr dank «Biber Nova» die Papierproduktion um 19 Prozent auf 434100 Tonnen. Der Konzernverlust betrug 1994 noch 115 Millionen Franken. Trotz steigenden Zellstoffpreisen und Margenschwund rechnet man in der Biber Holding zur Zeit damit, bis 1996 oder 1997 die Gewinnschwelle wieder zu erreichen («Bund» + NZZ 8.3.1995). Die Belegschaft in Biberist hat, wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der Krise der Fabrik, im Februar 1992, bei der dritten Abstimmung, ihren Widerstand gegen das Vierschichtsystem aufgegeben (Therese Benelli, GBI-Sekretärin Bern, 10.2.1995). [Am Schluss hat die Papierfabrik Biberist dem südafrikanischen Konzern sappi gehört. sappi hat das Werk auf Ende August 2011 geschlossen. 550 Arbeiter und Arbeiterinnen haben durch die Schliessung ihre Stelle verloren.]

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 151-159. (Dokumentiert wird die Buch-Version.)