Die tapfere Schneiderin

Montagabend: Auf dem Tablar über dem Arbeitstisch sitzt ein Papagei mit rot-gelb-blauem Gefieder aus gefärbten Hühnerfedern: ein Requisit aus einer früheren Inszenierung. Auf dem Tisch riesige Spinnenbeine: zugeschnittene Schaumgummistangen, mit schwarzen Strümpfen überzogen und einem Metallscharnier am Ende, das am Körper des Schauspielers befestigt werden wird. Neun Tiere will der Regisseur Frank Castorf auf der Bühne in seiner «Schwarzen Spinne» nach Gotthelf. In drei Tagen ist Premiere auf der Pfauenbühne des Zürcher Schauspielhauses.

Viele Inszenierungen stellen Brigitta White in der Kostümbearbeitung vor neue Herausforderungen: Einmal muss ein grosses Tattoo auf ein hautfarbenes Ganzkörpertrikot, ein andermal sind Ritterrüstungen aus Hutstoff und Polyesterverstärkungen nötig, oder Hosen und Kittel müssen mit Stahlbürste und Erde zum Bettlergewand vergammelt werden. Für die Gotthelf-Produktion braucht es neben den Spinnenbeinen einen grünen Federnhut für den Teufel und Schwangerschaftsbäuche für eine Gruppe von Frauen. «Vor Premieren ist es normal, dass dringende Wünsche und Anfragen kommen. Am Schluss reicht’s immer irgendwie, auch dank der Unterstützung aus den Damen- und Herrenschneiderei oder aus anderen Abteilungen», sagt Withe. «Man hat ja seinen Berufsstolz: Irgendwie muss es einfach gehen.»

Der Streik vom Januar 2006

Genau fünf Jahre sind es her, da stand im Schauspielhaus Zürich alles still: Am 24. Januar 2006 trat die gesamte, dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstellte Technik in einen Streik: die Kolleginnen und Kollegen aus Schreinerei, Schlosserei, Malsaal, Schneiderei, Tapeziererei, Requisite, Maske, Bühnentechnik, aus der Beleuchtungs- und der Ton-Video-Abteilung.

Wie alles begann, erzählt Brigitta White so: «Wir hatten ein neues Lohnregulativ angenommen und der neue Direktor Matthias Hartmann sagte, das gehe nicht, wir verdienten zu viel.» Der Streit eskalierte. «Uns ging es weniger um Lohnerhöhungen als um Gerechtigkeit. Es gab Abteilungen, in denen die Frauen schlechter gestellt waren als die Männer. Und es ging darum, dass für Zusatzverantwortung bei Stellvertretungen kein zusätzlicher Lohn bezahlt wurde.» Dazu kam die fehlende Wertschätzung: «Wir sollten Hartmanns Schauspielkunst dienen, wurden von ihm aber behandelt wie die letzten ‘Tuble’.»

Es kommt zum Streik. White hat nach prekären Berufserfahrungen Angst: «Ich konnte es mir einfach nicht leisten, diesen für mich gut bezahlten Job zu verlieren.» Am ersten Streikmorgen ist es dann «affenkalt». Auf dem Platz vor dem Schiffbau steht ein verlorenes Grüppchen von Streikenden mit Kaffee und Tee: «Doch dann kamen die Leute. Und immer mehr. Schliesslich standen, bis auf drei oder vier, alle auf dem Platz.»

Aus dem vorgesehenen eintägigen Streik werden zwei Tage, dann drei. Obschon man befürchtet, dass man trotz Streikgeld der Gewerkschaft Unia Lohn verliert. Am vierten Tag ist die Sache gewonnen: Der neue GAV, den die Unia in der Folge aushandelt, sei, so White, «wirklich super». Die meisten Streikenden seien 2006 der Unia beigetreten. «Wir haben erfahren: Die Gewerkschaft ist ein Schutz, und wenn man zusammensteht, kommt man weiter.» Für sie seien Zusammengehörigkeitsgefühl beim Streik und das erreichte Resultat zu einer «einmaligen Erfahrung» geworden.

Die Werkschätzung und die gute Stimmung ist aber erst mit der neuen Direktorin Barbara Frey ins Schauspielhaus zurückgekehrt: «Hartmann hat uns bis zu seinem Weggang 2009 den Streik nicht verziehen.»

Der schwierigste Auftrag

Freude am Basteln gehöre schon auch zu diesem Beruf, sagt Brigitta Withe. Und vielseitiges handwerkliches Geschick. In ihrem Atelier finden sich die verschiedensten Materialien: Farben zum Malen und zum Färben, Draht, Schnur, Federn, Glasfiber, Holz, Kunststoffe, Metall. Und wenn eine Inszenierung einmal keine Kostümbearbeitungen verlangt, kehrt White in das Atelier der Damenschneiderei zurück, um in ihrem gelernten Beruf mit Stoff, Faden und Nadeln zu arbeiten.

Vor der «Parzival»-Inszenierung 2009 bekam sie den Auftrag, eine mittelalterliche, dreieckige Frauenhaube von anderthalb Metern Höhe zu bauen. Und zwar sollte sie leicht sein, sie sollte wippen und in einer bestimmten Szene in einzelne Teile auseinanderfallen, ohne kaputtzugehen.

Brigitta White hat eine solche Haube gebaut. «Die Lösung bestand in einer Fiberglas-Stoff-Konstruktion, die über Hinterkopf und Rücken der Schauspielerin verankert war und durch eine bestimmte Kopfbewegung zum Einsturz gebracht werden konnte.» Man glaubt ihr, wenn sie sagt: «In einer normalen Damenschneiderei würde es mir heute wohl einfach langweilig.»

 

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Die Englandfahrerin

Aufgewachsen ist Brigitta White (* 1952) in Zürich. Nach der Sekundarschule macht sie die dreijährige Ausbildung zur Damenschneiderin, danach eine zweijährige Weiterbildung zur Modezeichnerin. Ihre erste Anstellung schmeisst sie nach drei Monaten und geht Ende 1972 nach England, um die Sprache zu lernen. Sie bleibt schliesslich siebzehn Jahre in London, heiratet, wird Mutter zweier Buben.

In England lernt sie eine harte Berufswelt kennen, arbeitet für einen Designer, macht Airline-Uniformen, erledigt als Näherin Privataufträge, besucht Kurse in Töpfern, Aktmalen und Porträtzeichnen. 1989 kehrt sie nach Zürich zurück: Sie ist alleinerziehende Mutter, arbeitet für einen Hungerlohn als Schneiderin und wird zwischenhinein arbeitslos. Ende 1996 vermittelt ihr eine Kollegin den Job im Schauspielhaus.

Heute arbeitet sie 100 Prozent als Schneiderin und Kostümbearbeiterin. Sie gehört zur Unia-Personalvertretung im Schauspielhaus Zürich und lebt in der Stadt. In der Freizeit malt sie Aquarelle und macht Yoga.