Der Typ für das Wumm

«Die Altjahrswoche wird streng», sagt Hans Peter Völkle, der Solopauker des Sinfonieorchesters St. Gallen, und klickt sich durch seine elektronische Agenda. «Am 22. ist Premiere der Operette ‘Wiener Blut‘, Weihnachten ist frei, am 27. wieder ‘Wiener Blut’, am 28. die Oper ‘Ernani’, am 29. die Oper ‘Don Giovanni’, am 30. das Musical ‘Anatevka’ und am 31. wieder ‘Wiener Blut’. Dazu an jedem Vormittag Proben für das Sonderkonzert vom Neujahrsnachmittag.»

Völkle hat streng in diesen Tagen. Aber richtig Hochbetrieb, sagt er, hätten seine Kollegen und Kolleginnen, die ihr Geld auf dem freien Markt verdienen: «Die Agenden sind mit Adventskonzerten voll. Und für Mitternachtsmessen oder den Hauptgottesdienst an Weihnachten könnten Profis jeweils drei Engagements gleichzeitig annehmen.»

Expertentipp und Lohndumping

Als Zentralpräsident des Schweizerischen Musikerverbandes (SMV) kennt Völkle die Situation der angestellten und freien Berufsmusikerinnen und -musiker im Land. Der Verband hat etwas mehr als 2000 Mitglieder und gehört zum Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Gut die Hälfte der Mitglieder sind von Orchestern angestellt, die anderen arbeiten als Freie. Verbandsmitglied werden kann, wer sein Geld mit Auftritten verdient – weniger wichtig ist der Ausbildungsweg, keine Rolle spielt die Musikrichtung, die man spielt. Völkle: «Unser Verband ist für alle ausübenden Musiker offen, die tatsächlich von ihrer Arbeit leben.»

Je länger er von den Problemen erzählt, die über seinen Schreibtisch gehen, desto deutlicher wird, dass Musik zu machen eine Arbeit ist wie jede andere – auch wenn sie mit Passion und Herzblut betrieben wird:

• Ein Geiger kann wegen Schulterproblemen nicht mehr arbeiten. Statt zu bezahlen, belehrt ihn die Versicherung mit einem Expertentipp: «Sie müssen halt den Bogen in die andere Hand nehmen.» In diesem Fall hat der SMV seine auf Berufskrankheiten von Musikausübenden spezialisierten Anwälte eingeschaltet.

• In der Orchesterbranche gibt es keinen Landesmantelvertrag. Deshalb ist der SMV bei allen zwölf schweizerischen Sinfonieorchestern Sozialpartner eines Gesamtarbeitsvertrags. Weil gewisse Bestimmungen des neuen Arbeitsgesetzes mit diesen Verträgen nicht vereinbar sind, werden im Moment gleichzeitig mehrere dieser Verträge neu verhandelt. Völkle: «Da stösst unser kleiner Verband an die Grenzen seiner Ressourcen.»

• Helfen freie Profis als «Zuzüger» in den grossen Orchestern aus, so können sie mit tariflich festgelegten Gagen rechnen. Ansonsten herrscht auf dem freien Markt wegen des Lohndumpings – insbesondere von osteuropäischen Ensembles – grosser Lohndruck. Der Gewerkschaftsbund unterstützt den SMV deshalb darin, dass die Berufsmusik als Risikobranche eingestuft wird und eine tripartite Kommission die Entwicklung im Hinblick auf Lohndumping beobachtet.

• Der SMV engagiert sich für die Freien auch im Sozialversicherungsbereich: «Eben haben wir erreicht, dass Freie sich über den Verband für das Alter versichern können.» Neu bietet er zudem eine günstige Instrumentenversicherung an. Wenn man bedenkt, dass eine Geige oder ein Cello schnell einmal über 100’000 Franken kostet, ist klar, welche Folgen eine Beschädigung oder ein Diebstahl haben.

• Zudem müssen die Landeskirchen dringend davon überzeugt werden, dass Profimusiker und -musikerinnen in Gottes Namen nicht immer für ein Trinkgeld spielen können. Völkle: «Viele Kirchen beschäftigen unsere freien Mitglieder zum Teil unter sehr fragwürdigen Bedingungen.»

Spitzenleistung im richtigen Moment

Wenn er sage, dass in seinem Beruf pro Woche durchschnittlich acht «Dienste» – Proben oder Konzerte – à drei Stunden als 100 Prozent Arbeit gelten, antworte man ihm oft, das sei ja ein Herrenleben. Dann sage er jeweils, dass die Rechnung anders aussehe, wenn man das tägliche individuelle Arbeiten am Instrument mitrechne – und die Tatsache, dass man seine Stimme beherrschen müsse, wenn die Probe beginne.

Dazu kommt die nervliche Belastung, im Konzert seine Spitzenleistung abrufen zu können: «Routine hilft. Aber der Puls steigt trotzdem vor bestimmten Auftritten oder Einsätzen.» Letzthin habe ihm eine Streicherin des Orchesters in die Noten geschaut uns gesagt: Das könnte sie nicht, die Verantwortung zu übernehmen, im einzig richtigen Moment – wumm! – auf die Pauke zu schlagen. Völkle: «Jetzt oder nie vor einem vollen Saal die Verantwortung dafür zu übernehmen, im Orchester den Akzent zu schlagen und zu treffen, da muss man schon ein bisschen der Typ sein dafür.»

 

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Drummer im Frack

Ein musikalisches Wunderkind ist er nicht gewesen: Hans Peter Völkle (* 1951) machte bei der SBB in Zürich eine Lehre als Elektromechaniker. Mit 17 begann er in einen Tambourenverein zu trommeln, kurz darauf in seiner ersten Beat-Band zu drummen. In der Rekrutenschule ermunterte ihn ein Korporal, ins Konservatorium einzutreten.

Das gelingt: Völkle gibt die Rockmusik auf, lernt Noten lesen, studiert die Musiktheorie und entwickelt sich an seinen Instrumenten vom Autodidakt zum Profi. Mit 25 wird er Pauker im Sinfonieorchester St. Gallen. Daneben arbeitet er wieder als Rockmusiker. Mitte der achtziger Jahre beginnt er, sich für den Schweizerischen Musikerverband (SMV) zu engagieren, wird in St. Gallen Orchestervorstand (bis 1994) und Sektionspräsident. Seit 2000 ist er Zentralpräsident des SMV.

Völkle arbeitet zu 100 Prozent als Solopauker und verdient pro Monat 6300 Franken netto. Daneben erteilt er pro Woche sieben Stunden Schlagzeugunterricht. Für den SMV arbeitet er ehrenamtlich, im Schnitt täglich zwei Stunden. Er ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und lebt in St. Gallen.