Der Tönu het’s fei e chly verdient

Hier, knapp über dem Kellerboden, hat im August das Grundwasser hereingedrückt beim diesjährigen Jahrhundertregen. Antonio Pappa zeigt auf einen frisch verputzten Streifen, der sich über dem Boden dunkel der Wand entlang zieht. Er kniet auf einem Stück Schaumgummi und räumt sein Werkzeug zusammen. Heute stört ihn das Reissen in den Knien weniger. Schlimmer war’s gestern, trotz Schaumgummi, als er im Stall eines Bauern kniend einen neuen Schorgraben betoniert hat.

Als er im Mai 1962 zum ersten Mal nach Trubschachen(BE) gekommen ist, hat es geschneit. Er hat den Koffer erst gar nicht ausgepackt, weil er gleich wieder abreisen wollte. Dann begann er doch zu arbeiten: Zuerst als Handlanger, dann als Maurer; zuerst für Emilio Schwitter, später für Hans Schwitter und heute für dessen Sohn Peter.

Im Mai ist Pappa nun sechzig geworden, und er ist froh, gibt es im Bauhauptgewerbe nun die Möglichkeit, sich vorzeitig pensionieren zu lassen. Mit über fünfhundert Kollegen des Jahrgangs 1945 gehört er zu den ersten, die ab 1. Januar 2006 von der neuen Regelung ganz profitieren. Mitte 2003 konnten vorerst die 63jährigen in Pension, 2004 dann die 62jährigen, 2005 die 61jährigen und nächstes Jahr nun die 60jährigen. Damit wird die paritätische «Stiftung Flexibler Altersrücktritt» (FAR), die die Überbrückungsrenten bis zur ordentlichen AHV entrichtet, voll ausgebaut sein. Joëlle Kupfer, die Leiterin der Auszahlungsstelle, rechnet damit, dass die FAR ab nächstem Jahr 3500 bis 4000 Renten auszahlen wird.

Lue dert, e Tschingg!

«1962 bis itze, das dünkt mi fei e chly lang», sagt Antonio Pappa in breitem Emmentaler Deutsch und beginnt zu erzählen, wie das damals war, als ihm die Schulkinder noch nachgerufen haben: «Lue dert, e Tschingg!» Bei seinem Vater, der damals auch bei Schwitter gearbeitet hat, habe er sich darüber beklagt, wie primitiv doch die Leute hier seien. Der Vater habe geantwortet, nicht alle seien so, aber jene in den kleinen Dörfern seien halt häufig ausländerfeindlich.

Mit lauter italienischen Kollegen wohnt er damals in Trubschachen in einem Haus, das den Schwitters gehörte. Habe er auf der Strasse einmal mit einem Mädchen ein paar Worte wechseln wollen, habe er die Kollegen fragen müssen: «Wie muss man das sagen?» Was er sich merken konnte, habe er sich aufgeschrieben: «Mit der Zeit konnte ich ein bisschen reden.» Erst später habe er bedauert, dass er nie einen Sprachkurs und einen Abschluss als Maurer gemacht habe.

Allerdings sei halt damals die Arbeit schon sehr hart gewesen. Er erinnert sich an Gräben für Telefonleitungen, die man Kilometer weit mit Schaufel und Pickel ausgehoben hat: «Alle zwanzig Meter ein Mann, zwanzig hintereinander. Reden konnte man nicht zusammen.» Oder wenn man hinten im Fankhausgraben habe neue Schwellen ins Bachbett einbauen müssen: Manchmal habe es dann nicht rentiert, wegen einem einzigen Kubik die Betonmischmaschine heraufzuführen. So habe man zu dritt oder zu viert mit Schaufel, Rechen und Spritzkanne den Beton angerührt.

Dazu die Nässe und die Kälte: «Oft bin ich den ganzen Tag nass gewesen, auch wenn ich drei Helly-Hansen-Jacken mit auf die Arbeit nahm.» Er hat Temperaturen bis minus 27 Grad erlebt. Wenn’s nicht mehr gegangen sei, habe der Chef die Arbeiten eingestellt und die Leute nach Hause geschickt.

Er erinnert sich an Diskussionen um den Lohn, um Kurzarbeit, um Zeitkompensationen: Im Sommer habe er bis 190 Stunden pro Monat gearbeitet, im Winter manchmal nur 140. Nicht selten sei er im Winter ausgemietet worden: an Marazzi oder Ramseier nach Bern, an Aeschlimann nach Sumiswald, an Stalder oder Stämpfli nach Langnau, an Wyss nach Eggiwil, an Tschanz nach Zollbrück.

Arbeit auf Abruf zum Vergnügen

Jetzt zählt Antonio Pappa die Arbeitstage: Es sind noch knapp 30. Manchmal erwacht er nachts wegen der Schmerzen in Rücken und Schultern. Dann steht er auf und bewegt die Glieder durch. Gewöhnlich nützt das.

Letzthin ist der Chef zu ihm gekommen, ob er ihn nächstes Jahr anrufen dürfe, wenn viel Arbeit sei. Wenn er Zeit habe und das Wetter nicht schlecht sei, habe er geantwortet. Vorrang hat das bald fünfzigjährige Haus, das er vor vier Jahren gekauft hat. Er möchte Decken und Böden neu machen; das Badezimmer, die obere Wohnung. Und der Dachstock liesse sich ausbauen: viel Arbeit für einen Maurer.

 

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Eine Wohnung in Minturno

Drei Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 5. Mai 1945, ist Antonio Pappa in Minturno geboren, ein Städtchen achtzig Kilometer nördlich von Neapel über dem Meer. Die Schule hat er nach sieben Jahren abgebrochen: «Ich wollte Geld verdienen.» Mit 15 arbeitete er bereits als Maler.

Im April 1962 reist Pappa mit seinem Vater und seinem älteren Bruder als Saisonnier in die Schweiz und beginnt mit ihnen in der Baufirma Schwitter in Trubschachen zu arbeiten (seit 1996 Schwitter AG). Ausser 1964, wo er in Delémont (JU) engagiert ist, kehrt er Jahr für Jahr nach Trubschachen zurück.

1974 kommt die Krise auch zu Schwitter. Pappa arbeitet für 8 Franken 50 pro Stunde in einer Gärtnerei in Langnau (BE) und zahlt mit dem Geld sein Auto ab. Hier lernt er seine Frau kennen, eine Gärtnerin. 1977 heiraten sie, 1979 kommt ihr Sohn zur Welt.

Seit April 1978 arbeitet Pappa ununterbrochen für Schwitter. Er ist Unia-Mitglied und verdient im Monat gut 5000 Franken brutto. Seit 2000 ist er italienisch-schweizerischer Doppelbürger. Seit 2001 bewohnt er mit seiner Frau und dem Sohn in Bärau (BE) ein eigenes Haus. Für alle Fälle hat er noch eine Wohnung in Minturno: zwölf Stunden mit dem Auto, mehr seien das nicht.

Mein Titelvorschlag lautete: «Tönu hat’s verdient».